Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (VII)

Veröffentlicht am 26. Juli 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

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Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für UnternehmerNachfolgend wird das Thema Wahrnehmung erklärt. Bevor die Themen der nonverbalen und verbalen Wahrnehmung näher erläutert werden, erfolgt zunächst einmal allgemeines wichtiges Wissen zur Thematik.

Wir Menschen sind nur in der Lage ca. 10 Prozent des vollen Umfanges eines Geschehnisses wahrzunehmen. Da unser Gehirn nur über begrenzte Wahrnehmungskapazitäten verfügt, muss es Prioritäten setzen, was zur Folge hat, dass alles was unser Gehirn als nicht primär einstuft, automatisch in den Wahrnehmungsschatten abfällt. Als Folgereaktion treten oftmals Wahrnehmungsfehler ein.

Menschen erfassen ihre Umwelt im Regelfall mit mehreren ihrer fünf Sinne. So kann ein Mensch seinen Gesprächspartner zum Beispiel bei der Begrüßung in Form eines Händedrucks fühlen, sowie sehen, hören und riechen. Somit wird der Gesprächspartner mit vier von möglichen fünf Sinnen gleichzeitig erfasst und wahrgenommen. Die einzelnen Wahrnehmungseindrücke werden im Gehirn zu einem Gesamteindruck zusammengeführt. Daher besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was jeweils die einzelnen Sinnesorgane wie zum Beispiel die Augen wahrnehmen, und dem, was der Mensch insgesamt wahrnimmt.

Man kann sich dies folgendermaßen vorstellen

Beim Betrachten eines Waldes von außen nimmt der Mensch nicht jeden einzelnen Baum wahr, sondern den Wald als solchen. Geht man dann in den Wald hinein und betrachtet einen Laubbaum, so nimmt man wiederum lediglich den Baum aber nicht sämtliche Blätter des Baumes wahr, obwohl diese vollständig auf die Netzhaut projiziert werden. Das liegt an der Prioritätensetzung unseres Gehirns. Die auf uns einwirkenden Informationen werden gefiltert. Anschließend werden diese Informationen in Kategorien zusammengefasst und nach Priorität geordnet. Diesen Prozess nennt man Perzeption. Informationen, denen unser Gehirn keine Priorität zuschreibt, fallen in den Wahrnehmungsschatten.

Sofern unserem Gehirn keine spezifischen Parameter vorliegen, erfolgt die Perzeption primär automatisch bzw. unbewusst. Es ist jedoch möglich, die Prioritätensetzung des Gehirns zu verändern bzw. zu beeinflussen. Dies ist ein wichtiger Teil im Marco-Löw-Befragungssystem, nämlich die bewusste Wahrnehmungssteuerung.

Dazu ein paar Beispiele die jeder aus seinem Alltag kennt

Man kauft sich ein neues Auto und ab da sieht man ständig Leute mit dem gleichen Auto herumfahren, obwohl einem dieser Modelltyp vorher gar nicht groß im Straßenverkehr aufgefallen war. Das funktioniert selbst bei Automodellen, die es verhältnismäßig selten gibt, wie die Volumenmodelle.

Die Ehefrau ist schwanger und auf einmal entdeckt der Ehemann einen netten Babyladen gleich in der Nähe, der ihm bis dahin gar nicht aufgefallen war. Mir selbst fallen bis heute Drogenkonsumenten und nicht angeschnallte Personen im Straßenverkehr auf, obwohl ich gar nicht mehr bewusst darauf achte.

Ich habe diese Kenntnisse ganz zu Beginn meiner Polizeizeit gebraucht und mir daher einen entsprechenden gezielten Wahrnehmungsfokus diesbezüglich angeeignet. Dieser ist dann ins Unterbewusstsein übergegangen. Obwohl ich heutzutage keinen Grund mehr habe, auf solche Dinge zu achten, achte ich unbewusst trotzdem darauf. Vor meiner Polizeizeit hatte ich darauf ebenfalls nicht geachtet.

Im Marco-Löw-Befragungssystem spielt die gezielte Wahrnehmungssteigerung durch Veränderung der Prioritätensetzung und die Vermeidung von Wahrnehmungsfehlern (Wahrnehmungsschatten) und Wahrnehmungstäuschungen eine fundamentale Rolle. Wahrnehmungsfehler und Wahrnehmungstäuschungen können auch aus ungünstigen Blickwinkeln resultieren, die mit den Sitzpositionen bei einem Gespräch zusammenhängen.

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(Das Buch zum Artikel: Kriminalistische Befragungstaktiken für die Wirtschaft)

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