Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (XII)

Veröffentlicht am 5. September 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (Teil XII)Nachfolgend wird die Anwendung des Einsatzes von taktischer Befragung anhand eines sehr vereinfachten Beispiels erklärt. Zur besseren Nachvollziehbarkeit wird auf den Einsatz der zuvor dargestellten vielfältigen Befragungsmöglichkeiten und Kombinationen verzichtet und der Beispielfall lediglich mit zwei taktischen Fragearten gelöst, nämlich der Nebensächlichkeitsfrage und der Bluff-Frage.

Ein Gesprächspartner gibt an, dass er an einer bestimmten Örtlichkeit schon mal gewesen sei, beispielsweise um sich ein Alibi zu verschaffen oder sich selbst darzustellen (besondere hochklassige Hotels o.ä.). Der forensische Befragungstaktiker soll nun so eine falsche Darstellung widerlegen, dabei auf sein umfangreiches Befragungsrepertoire verzichten und lediglich die beiden oben genannten taktischen Fragearten einsetzen.

Die taktische Befragung: Nebensächlichkeitsfrage

Der Gesprächspartner gibt wahrheitswidrig an, dass er gestern während einer bestimmten Zeitspanne bei Frau X war, weil er von ihr zum Essen und Fernsehschauen eingeladen wurde. Tatsächlich kennt er Frau X zwar gut, war aber noch nie bei ihr. Als erschwerende Variante gehen wir davon aus, dass sich die beiden Personen im Rahmen eines falschen Alibis auch genau absprachen, wie sie den Abend verbrachten und dass beide diesen Sachverhalt, ohne sich zu widersprechen, bestätigen.

Der forensische Befragungstaktiker setzt nun die Nebensächlichkeitsfrage ein. Er fragt hierbei über das eigentliche Kernthema hinaus. Beispielsweise zur Parkplatzsituation vor Ort, vorhandenen Anbindungen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Art des Wohnhauses, Stockwerk der Wohnung, Art der Wohnungstür, Einrichtung der Wohnung, Beschaffenheit und Art des Esstisches usw. So gut sich die beiden auch immer abgesprochen haben mögen, sie können unmöglich alle denkbaren Nebensächlichkeiten bedacht haben.

Die taktische Befragung: Bluff-Frage

Natürlich kann man das Ganze auch noch mit einer Bluff-Frage kombinieren, zum Beispiel der Frage, wie dem Gesprächspartner denn der Garten von Frau X gefallen hat. Sobald er dazu eine Angabe macht, ist es schon vorbei, denn Frau X wohnt in Wahrheit im fünften Stock.

In meiner Zeit als langjähriger Ermittler und Vernehmer bei der Kriminalpolizei war es oft schon fast frustrierend, wie einfach es war, Falschaussagen zu widerlegen. Oftmals kommt der forensische Befragungstaktiker nämlich gar nicht dazu, einen größeren Teil seines Wissens anzuwenden und auszuspielen, weil das Gesprächsziel zuvor bereits erfolgreich erreicht wurde.

Daher ist die Redundanz des Marco-Löw-Befragungssystems für den forensischen Befragungstaktiker gewissermaßen Fluch und Segen zugleich, denn einerseits wird der geübte Anwender immer wieder selbst überrascht sein, wie schnell er sein Gesprächsziel erreicht hat und andererseits wird er sich manchmal heimlich wünschen, dass er nun doch endlich mal einen Gegner findet, bei dem er die Bandbreite seiner rhetorischen Taktiken und Mittel voll einsetzen kann.

Frei nach dem Motto, dass das Bessere des Guten Feind ist, bildet nicht Effektivität, sondern Effizienz den Kern des Marco-Löw-Befragungssystems.

Die Aussagenbeweissicherung

Die forensische Befragung wäre aber nicht ausreichend dargestellt ohne die Erwähnung eines wichtigen weiteren Punktes, nämlich der Aussagenbeweissicherung.

Aussagen gegen Widerruf abzusichern ist ein weiterer Part der forensischen Befragung. Daher auch der Namensbestandteil der Forensik. Sachverhalte aufzuklären und beweisbar zu machen, darum geht es im Kern bei kriminalistischen Befragungstaktiken. Zur Aussagenbeweissicherung gibt es vielfältige Möglichkeiten, die aber eines eigenen Artikels bedürften.

Abschließend ist zu sagen, dass im Rahmen dieser Serie nur ein kleiner Einblick in die Welt der kriminalistischen Befragungstaktiken gegeben werden konnte. Bis zu einem gewissen Punkt ist es sicher möglich, sich kriminalistisches Wissen in Form von forensischen Befragungstaktiken theoretisch anzueignen. Um dieses Wissen aber wirklich in der Realität anwenden zu können, ist neben dem theoretischen Verständnis vor allem das praktische Üben mit Hilfe von Rollenspielen unter Anleitung eines erfahrenen Ausbilders entscheidend. Gute Bücher und Artikel können sicherlich dazu beitragen, den eigenen Wissenshorizont deutlich zu erweitern, aber letztlich sind gute mehrtägige Seminare, bei denen die praktische Anwendungskompetenz im Vordergrund steht, der Weg zum Erfolg.

Weitere Artikel dieser Serie:

Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (I)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (II)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (III)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (IV)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (V)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (VI)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (VII)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (VIII)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (IX)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (X)
Forensisches Interview: Kriminalistische Gesprächskompetenz für Unternehmer! (XI)

(Das Buch zum Artikel: Kriminalistische Befragungstaktiken für die Wirtschaft)

(Bild: © Stefan Rajewski – Fotolia.com)