Warum das Gehirn Veränderungen braucht

Veröffentlicht am 8. Januar 2018 in der Kategorie Management & People Skills von

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Warum das Gehirn Veränderungen braucht

Die Idee, dass unser Gehirn wie eine Datenverarbeitungsanlage funktioniert und wir unsere neuronale Festplatte nur mit der nötigen Software und entsprechenden Daten füttern müssen, ist bestechend. Aber sie ist falsch und verleitet zur Vergeudung unserer Potentiale.

Menschen machen sich Gedanken. Am meisten Gedanken machen sie sich über sich selbst.

Jedenfalls spätestens seit René Descartes, der im 17. Jahrhundert den Satz „Ich denke, also bin ich“ geprägt hat. Seitdem war eigenständiges Denken sozusagen philosophisch abgesegnet. Wenn Menschen über sich nachdenken und vor allem über das Denken nachdenken, lassen sie sich zu gern vom kulturellen Mainstream inspirieren.

Das Gehirn im digitalen Zeitalter

Lange Zeit, im Gefolge der darwinschen Abstammungslehre sahen wir unser Denken vor allen durch genetische Festlegung gesteuert. Nach dem Siegesmarsch der Industrialisierung kam das Bild unseres Gehirns dem einer Maschine gleich. Die wird einmal eingerichtet (Jugend), läuft dann eine Weile produktiv (Zeit der Berufstätigkeit) und ist dann nach einer Reihe von Jahren abgenutzt und immer weniger zu gebrauchen (Rentenalter).

Das Computerzeitalter hat uns dann das Bild einer neuronalen Datenverarbeitungsanlage beschert – mit Festplatte (Gedächtnis), Arbeitsspeicher (Bewusstsein) und Prozessor (Großhirn). Und entsprechend meinen wir, dass das Füttern mit Daten etwas mit Lernen zu tun hätte.

Wissen rein, analysieren und dann – wenn wir genügend Intelligenz mitbringen – kommt auch brauchbarer Output wieder raus. Fehlanzeige.

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Nutzt du das volle Potential deines Gehirns?

In einer immer komplexer werdenden Welt stößt dieses Bild zunehmend an seine Grenzen. Dazu gerät Weiterbildung teilweise in die Kritik und die deutsche Wirtschaft beschwert sich zunehmend über einen Mangel an Fachkräften. Was ist also mit der Ressource Hirn geschehen?

Böse Zungen haben dazu eine einfache Erklärung: Wir würden nur 10% unseres Gehirn nutzen. Das ist natürlich Quatsch, denn unser Körper würde sich nicht ein so energiezehrendes Organ leisten, um davon nur 10% zu nutzen. Es kommt aber darauf an, wie wir es nutzen.

4 Fakten zum Thema Lernen 3.0

Nach dem stumpfsinnigen Auswendiglernen von Zahlen und Fakten (Lernen 1.0) und dem Hineinstopfen des Verständnisses komplexer Zusammenhänge (Lernen 2.0) kommen wir nun in eine Phase, in der ein neues Upgrade nötig ist: Lernen 3.0.

Dazu müssen wir zunächst von diesen Glaubenssätzen verabschieden:

  1. Unser Gehirn ist keine Datenverarbeitungsanlage. Das zeigt zum einen schon die Tatsache, dass jeder billige Taschenrechner trotz geringerem Vernetzungsgrad wesentlich schneller rechnen kann als Menschen das im Allgemeinen können, Menschen dafür aber mit dem Begriff Glück wesentlich mehr anfangen können als ein Computer.
  2. Unser Gehirn nutzt nicht ab und ist auch nicht irgendwann „voll“. Im Gegenteil: Je mehr und je vielfältiger wir es nutzen, um so mehr passt hinein und es wird immer leistungsfähiger. Lebenslang.
  3. Intelligenz ist keine ausschließliche Funktion von Rationalität. Kognitive Fähigkeiten allein sind nicht ausreichend, um vernünftig zu handeln. Das zeigen Untersuchungen an Menschen mit partiellen Schädigungen des Frontalhirns, welche die körperliche Empfindungsfähigkeit beeinträchtigen. Empfindungen sind ein zentraler Bestandteil menschlicher Vernunft. Ohne sie könnten wir nicht planerisch agieren. Sie sind nämlich die Schnittstelle zu unserer intuitiven Intelligenz.
  4. Wir lernen nicht vorwiegend durch die Aufnahme von Wissen, sondern durch Erfahrung. Das weiß eigentlich jeder, denn sonst könnte es jeder gute Studienabgänger in Nullkommanix zum Vorstandsvorsitzenden bringen. Er ist aber seinen Kollegen mit langjähriger Erfahrung haushoch unterlegen. Das heißt allerdings auch, dass wir nur dann besser werden können, wenn wir möglichst viel Erfahrung sammeln und nicht möglichst viel Wissen in uns hinein stopfen.

EXTRA: Diese 10 Faktoren sind wichtiger als Intelligenz

Tune dein Gehirn richtig

Wie sollten wir also unser Gehirn am besten nutzen? Eine recht einfache Erkenntnis der Neurowissenschaften lautet:

Die Wahl liegt ganz bei dir. Ich zeige dir mal einige Möglichkeiten auf:

1. Möglichkeit: Im Büro bloß nicht auffallen

Du kannst pünktlich im Office ankommen, deinen Rechner hochfahren, die Aufgaben abarbeiten, die du vorfindest und pünktlich Feierabend machen. Erfülle einfach die Erwartungen, die an dich gestellt werden und du wirst nicht auffallen und niemandem zur Last fallen. Hüte dich davor, Dinge in Frage zu stellen und womöglich auch noch Vorschläge zur Verbesserung zu machen.

Das stiftet nur Unruhe und du könntest Gefahr laufen, entweder rausgeworfen oder – schlimmer noch – befördert zu werden. In der nächsten Hierarchiestufe würde man von dir dann nämlich erwarten, dass du dich täglich Gedanken zur Gestaltung machst. Willst du das wirklich?

2. Möglichkeit: Exakte Vorgaben strikt einhalten

Eine gute Möglichkeit, dein Gehirn zu schonen (sonst könntest du es ja womöglich abnutzen), wäre die Wahl einer Beschäftigung, bei der man dir exakt vorgibt, was du genau tun sollst. Du würdest dann nur die Handlungsabläufe lernen müssen und wärst nach einiger Zeit Meister deines Fachs.

Auch das verschafft dir Anerkennung und ist zudem praktisch, denn dann hast du mehr Ressourcen übrig, um in deiner Freizeit sinnvolleres zu tun als in deinen Job. Du hättest mehr Muße für deine Hobbies und Kultur – falls dir das dann nicht doch zu anspruchsvoll wird. In jedem Fall solltest du dann über eine Rente mit 55 nachdenken, denn wer hält es in so einem Job schon länger aus?

3. Möglichkeit: Setze dir einfach deine eigenen Ziele!

Sollten dir die Möglichkeiten eins und zwei nicht zusagen, hätte ich folgende Idee für dich:

  • Folge nicht den Ideen anderer, sondern setze dir selbst Ziele.
  • Und: Ergreife Chancen und stelle dich Herausforderungen.

Nur dann nutzt du die Kapazität deines Denkorgans voll aus. Wer rastet, der rostet und dein Gehirn wird so wie du es benutzt. Aber letzteres sagte ich ja schon. Die Varianten eins und zwei wären dann eine regelrechte Vergeudung deiner Fähigkeiten.

Dein Gehirn kann mehr als nur stereotype Prozesse lernen und abspulen. Es kann auch mehr, als Wissen zu mehren. Es sehnt sich geradezu nach dem Kick des Besseren, nach der positiven Erfahrung. Die Vernetzungsvarianten deines Gehirns sind nahezu unbegrenzt und mit jeder erfolgreich gemeisterten Herausforderung machst du die besten und intensivsten Lernerfahrungen, die du machen kannst. Sie vertreiben damit übrigens ganz nebenbei auch deinen inneren Schweinehund.

EXTRA: Wie man berufliche Ziele formuliert

Das Buch passend zum Thema:

Change! Bewegung im Kopf - Erkenntnissen aus Biologie und Neurowissenschaften

Warum das Gehirn Veränderungen braucht

Verlag: BusinessVillage; Auflage: 4 (31. März 2016)
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Wieso es sich lohnt offen für Veränderungen zu sein:

Solltest du dich für Alternative drei entscheiden haben, dann muss ich dich warnen: Du riskierst ein Leben voller Veränderung und voller neuer Eindrücke (die wollen erst einmal verarbeitet werden). Du wirst vor allem immer besser darin, schwierige Aufgaben als Herausforderungen wahrzunehmen und genau das könnte dir das Surfen oder Fernsehen zunehmend verleiden.

Irgendein wirrer Kopf soll ja mal gesagt haben, dass es zwei Sorten Menschen gebe, die einen hätten Ziele, die anderen Lieblingsprogramme.

Ist das nicht garstig? Wenn du mir hier zustimmst, bleibe bitte bei Alternative eins oder zwei. Denn die Wahl der Alternative drei könnte unter Umständen zu viel Unruhe in dein Leben bringen. Gehörst du aber zu den Unbelehrbaren, dann mach doch einfach das, was du wirklich willst!

Halte die Augen offen, frage dich, was dir wirklich wichtig ist und worauf du an deinem Lebensabend mit Stolz und Zufriedenheit zurückblicken möchtest.

Nur zur Beruhigung für die Zweifler:

Die Tatsache, dass du keine Folge deiner Lieblingsserie verpasst hast, wird es nicht sein. Wenn du zu den Unbelehrbaren gehörst, die unbedingt gestalten wollen, dann warten nicht, bis dir der Ball zugespielt wird, sondern sieh zu, dass du selbst ans Spiel kommst. Das verschafft dir nämlich mehr als nur Anerkennung: Es bringt dir Achtung ein. Dass du damit auch die Neider auf den Plan rufst, liegt in der Natur der Sache.

Wer den Kopf herausstreckt, muss damit rechnen, dass er mehr Wind und Regen abbekommt, als die Anderen. Vielleicht sogar Sturm.

Aber inzwischen hast du ja auch gelernt, Stürme abzuwettern. Und wie heißt es so schön: Mitleid bekommt man umsonst, Neid muss man sich erarbeiten. Aber Überlege dir das wirklich gut. Du könntest dein Gehirn ja auch wie eine Maschine oder einen Computer benutzen. Das wäre viel einfacher. Und ach, ja: Du könntest dich natürlich immer noch auf ein eventuell vorhandenes Minusgen berufen  …

Wie man neue Gewohnheiten im Alltag integriert:

1. Du musst wollen: Deine Motivation ist die Grundlage für jede neue Gewohnheit. Wenn es hier schon an der Basis bröckelt, kann jedes weitere Vorhaben um langfristig durchzuhalten.

2. Regelmäßigkeit & Routine: Eine Gewohnheit in den Alltag zu integrieren, kann zwischen 21 und bis zu 66 Tage dauern. Hierbei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel das gesetzte Ziel oder die tatsächliche Zeit, die der neuen Gewohnheit gewidmet wird. Fakt ist jedoch: Man sollte sich eine eigene Routine schaffen und konsequent am Ball bleiben.

3. Die Faktoren für Gewohnheiten: Gewohnheiten bestehen laut Autor Charles Duhigg aus drei Faktoren: Lust, Belohnung und Routine. Wenn du verstehst, weshalb du eine Gewohnheit regelmäßig tust, inwiefern sie dich belohnt oder glücklich macht, kannst du versuchen die Routine zu durchbrechen. Routine entsteht, weil das Gehirn die positiven Gefühle immer wieder spüren möchte, die durch die Faktoren Lust und Belohnung deiner Gewohnheit ausgelöst werden.

EXTRA: Prokrastination - 16 Wege aus dem Teufelskreis

TED-Talk: Wie Menschen neue Gehirnzellen entwickeln

Die Neurowissenschaftlerin Sandrine Thuret gibt in ihrem Vortrag praktische Tipps, wie im Gehirn Neurogenese entstehen kann und dadurch das Erinnerungsvermögen und die Laune verbessert wird:

Über den Autor: Dr. Constantin Sander

Dr. Constantin Sander hat acht Jahre Forschung und neun Jahre Marketing und Vertrieb als Background. Er ist Business-Coach in Heidelberg.

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