Unternehmensführung in der Krise: Alles anders als bisher?! (Teil I)

Veröffentlicht am 5. Mai 2010 in der Kategorie Management & People Skills von

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Angst vor VeränderungViele Unternehmen müssen aktuell einen Kurswechsel vollziehen, weil sich ihr Umfeld radikal gewandelt hat. Das treffen der damit verbundenen strategischen Entscheidungen fällt vielen Managern schwer, weiß Johann Scholten von der WSFB Beratergruppe Wiesbaden. Denn hierbei müssen die Unternehmensführer sich auch auf ihre persönlichen Einschätzungen der künftigen Marktentwicklung stützen.

Herr Scholten, Sie behaupten, vielen Unternehmen sei noch nicht bewusst, wie radikal sich ihr wirtschafts- und marktpolitisches Umfeld in den vergangenen ein, zwei Jahren gewandelt hat.

Scholten: Ja. Und vielfach ist das Ausmaß der Veränderung für die Unternehmen auch noch gar nicht überschau- und absehbar, weil die Veränderungsprozesse noch in vollem Gang sind.

Was veranlasst Sie zu dieser Einschätzung?

Scholten: Die Tatsache, dass sich im Umfeld der Unternehmen vielfach ein Paradigmenwechsel vollzogen hat.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Unternehmensführung in der KriseScholten: Gewiss. Was wäre zum Beispiel vor zwei, drei Jahren passiert, wenn ein Wirtschaftsweiser prognostiziert hätte: ‚In einigen Monaten leihen sich die Banken wechselseitig kein Geld mehr.’? Er wäre verlacht worden. Und was wäre geschehen, wenn ein Politiker gefordert hätte: ‚Wir sollten den internationalen Finanzmarkt schärfer regulieren und erwägen, Banken teilweise zu verstaatlichen.’? Nicht nur seine Berufskollegen hätten verkündet: Auf solche Gedanken aus der marxistischen Mottenkiste kann nur ein ewig Gestriger kommen. Denn damals lautet das allgemeine Credo: Deregulierung. Und heute? Heute werden solche Regulierungsmaßnahmen diskutiert und praktiziert – weltweit.

Was zeigt das?

Scholten: Dass sich das Umfeld der Unternehmen radikal gewandelt hat. Deshalb sind heute viele Paradigmen und Maximen, aus denen die Betriebe in der Vergangenheit ihre strategischen Entscheidungen ableiteten, obsolet – und somit auch zahlreiche Folgeentscheidungen, die darauf abzielten, die Unternehmensziele zu erreichen.

Können Sie hierfür einige Beispiele nennen?

Scholten: Zum Beispiel die Antworten auf die Fragen: Mit wem und womit verdienen wir künftig unser Geld? Wie strukturieren wir unsere Produktion und unseren Vertrieb? Wie sichern wir unsere Liquidität? Die Antworten auf all diese Fragen stehen heute in vielen Unternehmen auf dem Prüfstand, denn ihnen wurde sozusagen der Boden unter den Füßen entzogen. Deshalb müssen viele Unternehmen ihre Grundsatzentscheidungen und daraus abgeleiteten Folgeentscheidungen überdenken. Denn klar ist: So weiter machen wie bisher können sie nicht. Unklar ist aber vielfach: Wie kann es weiter gehen?

Handelt es sich hierbei um eine historisch einmalige Situation?

Scholten: Ja und nein. Auch zuvor kamen die Unternehmen immer wieder an Punkte, an denen sie ihre Grundsatzentscheidungen überdenken mussten – zum Beispiel, nachdem sie jahrelang ihre Fertigung optimiert hatten. Dann stellten sie oft irgendwann fest: Die Möglichkeiten der bisherigen ‚Technik’ sind ausgereizt. Mit ihr lassen sich keine Quantensprünge mehr erzielen. Um diese zu erreichen, müssen wir ganz neue Wege beschreiten.

Organisationsberater nennen einen solchen fundamentalen Wandel einen Musterwechsel, denn hierbei wird auch die bisherige Art, die Realität zu betrachten, hinterfragt, um zu ganz neuen Lösungsansätzen zu gelangen. Dass Unternehmen einen Musterwechsel vollziehen müssen, ist nicht neu. Was die aktuelle Situation aber einzigartig macht, ist: Ganze Branchen weltweit, wenn nicht gar alle Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre tradierten Denk- und Handlungsmuster zumindest zu überprüfen. Des Weiteren: Der Paradigmenwechsel, der einen Musterwechsel erfordert, vollzog sich nicht schleichend über Jahre, sondern scheinbar über Nacht.

Ist diese Situation existenzbedrohend für Unternehmen?

Scholten: Sie kann existenzbedrohend werden, wenn sich die Verantwortlichen in den Unternehmen nicht fragen, was sich geändert hat und daraus die erforderlichen Schlüsse ziehen. Darin dass der Paradigmenwechsel branchenübergreifend aktuell so offensichtlich ist, liegt aber auch eine Chance für die Betriebe.

Inwiefern?

Scholten: Ein Musterwechsel setzt voraus, dass sich in einer Organisation zunächst das Gefühl verdichtet: ‚Wir nähern uns einer Grenze. Wenn wir an unseren bisherigen Denkmustern und Verfahrensweisen festhalten, scheitern wir auf lange Sicht.’ Ein solches gemeinsames Empfinden in einer Organisation zu schaffen, ist schwer – speziell dann, wenn die Organisation auf den ersten Blick noch gut dasteht.

Dann erkennen viele Mitarbeiter die Notwendigkeit eines Musterwechsels noch nicht, selbst wenn erste Indikatoren schon auf eine Gefährdung hinweisen. Also müssen in einer solchen Situation in der Organisation zunächst die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass über die Frage ‚Sollten wir einen Musterwechsel vollziehen?’ überhaupt gesprochen werden kann. Ohne externe Unterstützung gelingt dies selten.

Und in der aktuellen Situation ist dies anders?

Scholten: Ja, denn aufgrund der dramatischen Ereignisse in den vergangenen ein, zwei Jahren wurde in den meisten Unternehmen fast allen Mitgliedern der Organisation bewusst, dass sich im Unternehmensumfeld ein radikaler Wandel beziehungsweise Paradigmenwechsel vollzieht. Entsprechend leicht kann den Beteiligten vermittelt werden: Wir müssen zumindest darüber nachdenken, inwieweit unsere bisherige Art, Probleme zu lösen und Herausforderungen zu meistern, noch den geänderten Rahmenbedingungen entspricht.

Die Unternehmer.de-Leserfrage:

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(Bild: ©  Marem – Fotolia.com)