Warum befriedigen die blödesten Fotos im Netz unsere heimlichen Sehnsüchte? [Kolumne]

Veröffentlicht am 24. März 2016 in der Kategorie Management & People Skills von

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Warum befriedigen die blödesten Fotos im Netz unsere heimlichen Sehnsüchte? [Kolumne]Ich habe vor wenigen Tagen auf Facebook das Bild einer Kohlroulade gepostet. Das erste Mal. Ich hatte mir lange Jahre geschworen, nie, aber auch wirklich niemals, Bilder von Sonnenuntergängen, Kohlrouladen oder Katzen einzustellen, die hinter einem blöden Lichtstrahl herjagen. Ich bin ehrlich: Ich habe es nicht durchgehalten.

Fotos posten? Eigentlich habe ich das ja nicht nötig

Es war eine richtig gute schmackhafte deutsche Kohlroulade, Sie kennen die, so mit zwei kleinen Gürkchen in der Mitte. Ungelogen: Innerhalb von 5 Minuten hatte ich 10 Likes mit folgenden Kommentaren:

"Lecker",

"Mhhm, sieht sehr lecker aus",

"Guten Appetit",

"Hätt` ich jetzt auch gerne",

"Toll",

"Kann ich noch kommen?",

"Wirklich lecker".

Natürlich habe ich diesen Versuch nur aus, sagen wir mal, wissenschaftlichen Zwecken gestartet. Ich bin ein erwachsener Mensch, der solchen Schnickschnack im Prinzip nicht nötig hat und seine Zeit nicht mit diesen albernen Bildern auf Facebook vergeudet. Ich weiß wirklich Besseres mit meiner Zeit anzufangen in diesem digitalen Zeitalter, in dem einem Mails und diese unsäglichen sozialen Netzwerke nur Zeit und Schlaf rauben.

Effektives Networking

Ich zum Beispiel nutze das Netz eher für effektives Networking - zum Beispiel, um den Ratschlag von ausgewiesenen Experten einzuholen, wie ich meine Oleander auf meinem Balkon zum Blühen bekomme. Dazu musste ich, einmalig und aus besonderen Gründen, Fotos von meinem Oleander ins Netz stellen, damit die Experten diese auch ausreichend und detailliert begutachten konnten. Es ging ja nicht anders.

Aber es war, schlussendlich, ein Experiment, das die Überlegenheit von intelligentem Networking im Netz unterstrichen hat. Die Kommentare und Ratschläge waren von so profunder Tiefe, dass sie mir gezeigt haben, wozu das Netz fähig ist, wenn man es gekonnt nutzt: "Sieht nicht gut aus", "Ich würd's mal mit Wasser probieren", "Hui, nicht so schön", "Du musst ihnen was vorsingen". So kann das eben aussehen, wenn man intelligent vorgeht.

Ehrliche Eingeständnisse

Ich muss einräumen: Ich habe mich über diese Likes für Kohlroulade und Oleander gefreut. Wenn ich ehrlich bin:

Ich habe mich nach ihnen gesehnt, sozusagen nach ihnen gelechzt.

Es war das Gefühl, wahrgenommen und gemocht zu werden, völlig unabhängig davon, was ich tue.

Ehrliche Eingeständnisse

Wenn der blöde Heini nebenan mit seinem bescheuerten Video über einen Affen, der ihm das Ohr krault, 500.000 Klicks bekommt, werde ich doch wohl 10 schaffen! In der Tat: Jedes Like ist wie eine Psychotherapie, weil es dir das Gefühl gibt, irgendwie und mit irgendetwas bedeutend zu sein.

Womit du dir im einzelnen in dieser globalen Welt Aufmerksamkeit verschaffst, ist letztendlich völlig egal, weil du sowieso nur ein kleines versprengtes Nichts bist, das niemanden interessiert.

Ein Nichts ohne Aufmerksamkeit

Ich selber zum Beispiel bin kein Flüchtling, kein heulender Grieche, kein homosexueller Dritt-Heirater, kein Veganer, kein Anhänger der Ess-Hydro-Kultur - nein, ich passe in kein einziges Mainstream-Klischee, das heute zu Aufmerksamkeit verhilft. Mein normales Leben ist, öffentlich und global und aufmerksamkeitstechnisch gesehen, gar nichts mehr wert.

Es ist völlig unbedeutend. Früher, zu Zeiten meiner Eltern etwa, haben wir diese Bedeutungslosigkeit akzeptiert, ohne mit der Wimper zu zucken, und sind gestorben, ohne ein einziges mal in der TV-Sendung "Richterin Barbara Salesch" aufgetreten zu sein.

Das "Ich" dient als ultimative Bezugsperson

Heute ist das alles anders: Jeder der gefühlten 70 Millionen Coaches und Psychologen in Deutschland bläut mir ein, dass ich wichtig, dass ich selber die einzig bedeutende Bezugsperson in meinem Leben bin. Ich solle nach meinen eigenen Möglichkeiten, nach neuen Zielen in mir selbst suchen, mich nur zu meinem eigene Wohle selbst verwirklichen.

Das Blöde daran ist nur, dass, selbst wenn mir das gelingt, es sonst niemand merkt. Meine Selbstverwirklichung schafft mir keinen Fatz mehr Wahrnehmung oder Bedeutung. Ich bleibe mit meiner Selbstverwirklichung ziemlich allein.

Wir wollen wahrgenommen & bestätigt werden

Da machen die Facebook- und Google-Fuzzis das schon besser: Ob sie sich das in ihrer Garage ausgedacht haben oder ob das im Silicon Valley wirklich alles so helle Köpfe sind, weiß ich nicht. Aber eins zumindest haben diese pizzaessenden Weltverbesserer begriffen: Dass der neue moderne Hochgeschwindigkeits-Globus Menschen produziert, die nur eines wollen:

Wahrgenommen und bestätigt zu werden.

Aufmerksamkeit und Lob, Unterstützung und leise "Hey-ich-bin-auch-noch-da"-Rufe. Die sich gar nicht jeden Tag selbst verwirklichen, nicht ständig zu neuen Höchstleistungen streben wollen. Ein einfaches "Lecker" aus dem Netz reicht oft schon aus und ist mehr wert als jeder neue Hauptabteilungsleiterposten.

Ich bin heilfroh, dass ich das zwischen allen Kohlrouladen und Oleandern noch rechtzeitig begriffen habe. Und: Schauen Sie nachher einfach mal auf meiner FB-Seite vorbei - und sagen Sie mir, wie Sie die neuen Bilder von meiner Linsensuppe finden... ich bin sicher, ich kann mich auf Sie verlassen.

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(Einzelbildnachweis: vergnügen © shutterstock.com)