Kolumne: Wie mit dem Begriff der „Transparenz“ täglich Schindluder getrieben wird

Veröffentlicht am 24. April 2013 in der Kategorie Management & People Skills von

Themen:

Immanuel Kant hätte geweintFrauen und Telefonrechnungen haben eins gemeinsam: Beide bleiben mir ein Rätsel. So ähnlich hat das schon Helmut Schmidt gesagt, nur ohne Frauen. Da bei Frauen kein Fortschritt in Sicht ist, bin ich froh, dass es jetzt wenigstens bei meiner Telefongesellschaft vorangeht. Kürzlich hat der Vorstand Transparenz beschlossen. Ganz offiziell. Wofür, ist nicht so ganz klar, aber immerhin. Vermutlich hat es damit zu tun, dass wir besser nachvollziehen können, warum und wie wir täglich von den Telefon-Fuzzis über den Tisch gezogen werden. Das sagt natürlich so niemand, zu viel Transparenz wäre auch wieder nicht gut.

Der erste Schritt der Transparenz besteht darin, dass mein Kundenbetreuer überhaupt nicht mehr zu erreichen ist. Man hat wohl festgestellt, dass sich Menschen für eine so komplizierte Aufgabe wie die Transparenz eher weniger eignen. An die Stelle des Menschen sind eine Online-PIN und ein Passwort getreten. Beide staubten bei mir jahrelang in irgendeiner Kiste vor sich hin, aber für die Transparenz ist mir nichts zu schade. Sonder- und Abend-, Alten- und All-Inclusive-, Schüler- und Wochenend-Tarife - ich gebe zu, auf der farblich hübsch gestalteten Webseite ist alles vorhanden: Kein Tarif auf die Fidschi-Inseln, keine Flat in das polnische Mobilnetz südlich von Warschau fehlt. Die SMS-Gebühren sind übersichtlich in 26 Kategorien mit jeweils vier Unterkategorien gegliedert, die minimal mit 0,067 Euro, maximal mit 4,50.- zu Buche schlagen.

Wann welcher Tarif zur Anwendung gelangt, bleibt zwar nebulös, aber dafür kann ich jederzeit oder auch erst später in eine andere Flat 2000 XL wechseln. Die Wechselgebühr wird dann mit der einmaligen Anschlussgebühr, der Abstufungs- und der Zinsgebühr verrechnet. Nee, das letzte war die Bank, jetzt komme ich schon ganz durcheinander. Wann ich kündigen kann, finde ich nicht sofort. Ich finde es, um ehrlich zu sein, überhaupt nicht. Ansonsten ist alles so detailliert und transparent, dass ich mich darin heillos verfange. Offenbar verliert Transparenz durch Über-Transparenz ihre Transparenz, also – sich selbst. Man könnte den Eindruck haben, genau darauf legt es irgendjemand an.

Transparenz überfordert uns

Transparenz ist das Modewort des Jahres 2013, noch bevor 2013 überhaupt richtig begonnen hat. Es ist das Zauberwort schlecht hin. Keine Branche, keine Partei, keine Organisation, kein Unternehmen, in denen es nicht transparent zugeht. Transparenz adelt. Fast hat man den Eindruck: Was transparent ist, kann nicht schlecht sein: Managergehälter, die Kosten bei Stuttgart 21, Kennzeichnungen bei Lebensmitteln, die Eurorettung, die Zusammensetzung meines Stroms, die Abholbedingungen von Altschrott, die Bestechungs-Richtlinien bei Siemens, die Beschreibung eines Zertifikates meiner Bank. Transparenz trennt die Welt in Gut und Böse. Wer daran zweifelt, dass Transparenz gut ist, hat wohl etwas zu verbergen. Wie ich. Denn ich habe Zweifel. Wenn zu viele Leute mit zu viel Inbrunst zu lange dasselbe sagen, beginne ich nachzudenken. Das ist bisweilen eine hilfreiche Fähigkeit. Ich finde Transparenz anstrengend. Transparenz überfordert uns. Wir glauben, Dinge zu verstehen, die wir letztendlich doch nicht begreifen.

Transparenz heißt ja nicht, ellenlange Texte zu schreiben und den Kunden mit so vielen Details zuzuschütten, dass er völlig die Besinnung verliert. Ein Kurzprospekt für ein Anlagezertifikat meiner Bank umfasst heute bereits 4-5 Seiten. Zu verstehen ist es nur mit einer akademischen Zusatzausbildung in Finanz-Sprech. Transparenz heißt auch nicht, uns Nebensächlichkeiten als wichtig zu verkaufen. Die Gesamtvergütung eines Bankvorstands wird ja nicht durch die reine Zahl interessant, sondern dadurch, dass ich verstehe, wie sie zustandekommt: Verdient er viel, wenn er auf meine Kosten spekuliert? Was spekuliert er überhaupt? Darf er überhaupt spekulieren? Von all dem lese ich leider nichts.

Wo Vertrauen fehlt, hilft auch Transparenz wenig

Ich würde diese ganze Transparenz auch gar nicht brauchen, wenn ich Vertrauen hätte. Vertrauen in Menschen, Firmen, Parteien und Organisationen. Doch damit ist es leider nicht weit her. Solange ich aber den Eindruck nicht loswerde, dass mich ständig alle irgendwie behumpsen wollen, hilft mir auch die Transparenz nicht weiter: Sie ist der untaugliche Versuch, das verloren gegangene Vertrauen in unsere wirtschaftlichen und politischen Eliten zu ersetzen.

Wenn ich beispielsweise wüsste, dass, nehmen wir mal Maggi, dass also Maggis oberstes Ziel ist, sich um meine Gesundheit und mein Wohlergehen zu kümmern, dann könnten sie sich den ganzen Sprachschmodder auf der Rückseite des Etikettes gerne sparen. Solange ich aber den Eindruck nicht loswerde, die Pampe solle nur möglichst günstig hergestellt werden, glaube ich all dem nicht. Ich benötige auch keine seitenlange Anleitung im Internet, wie ich einen Heizstab aus einer Waschmaschine einbaue, wenn ich Service-Kräfte hätte, die das schnell, verlässlich und zu einem fairen Preis erledigen. Und die auch kommen, wenn ich sie brauche. Letztlich entlastet die angebliche Transparenz auch Lieferanten und Firmen und befeuert den gesamten Do-it-yourself-Markt: Noch nie waren Vebrauchsanleitungen so ausführlich und transparent wie heute in 37 verschiedenen Sprachen. Doch wenn ich das Gerät mit seinen Sonderfunktionen aufgebaut und verstanden habe, ist wahrscheinlich seine Lebenszeit schon wieder vorüber und ich kann ein noch neueres Gerät mit noch mehr überflüssigen Funktionen und noch neueren Anleitungen aufbauen. So hält die Industrie mich beschäftigt.

Hat sich Transparenz vielleicht zu einem hinterhältigen Marketing-Instrument entwickelt, um uns noch leichter zu überlisten und von wesentlichen Fragen abzulenken? Immanuel Kant hätte wohl geweint. Aufklärung hat er sich anders vorgestellt.

Ein gefährliches Elixier

Je länger ich darüber nachdenke, desto logischer wird es: Viele Diskussionen brechen genau in dem Moment in sich zusammen, wenn die Forderung nach Transparenz erfüllt ist. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Dann lehnen wir uns zufrieden zurück, als hätten wir einen Hirsch erlegt. Obwohl nichts gelöst ist. Über die Nebeneinkünfte von Abgeordneten redet niemand mehr, seit eine lange Liste in der Bundestagsverwaltung ausliegt. Seit unsere Eier rundherum und transparent mit roten Hieroglyphen bedruckt sind, gibt es kaum mehr Diskussionen über die Hühner- oder Käfighaltung. Die Hieroglyphen sind zwar schön, doch ich bezahle mein Geld nicht dafür, dass ich stundenlang über europäischen Eiervorschriften brüten muss – denn es warten auch noch die Öko-Vorschriften für Rasendünger, Motoröl und die chemische Analyse von 14 Zahnpasta-Proben. Das kostet Zeit. Und es ist meine Zeit. Und Zeit ist ein knappes Gut.

Mein Geld zahle ich ja nicht für das Produkt, sondern ich zahle es ein die vertrauensvolle Beziehung zum Hersteller. Es ist eine Vertrauensprämie. Dafür, dass ich dem, was gesagt, getan, produziert oder alles so angestellt wird in Wirtschaft und Politik, vertrauen kann. So verstehe ICH das zumindest. Transparenz ist da ein gefährliches Elixier, weil sie vom Wichtigen ablenkt: Von der Wiedergewinnung eben dieses Vertrauens in diejenigen, denen wir uns anvertrauen. Solange sich da aber nichts tut, sind mir die Frauen, trotz aller Intransparenz, dann doch um vieles lieber.

(Bild: © GeorgiosArt - iStockphoto.com)