Gesundheitsvorsorge: Macht die moderne Arbeitswelt krank?

Veröffentlicht am 1. März 2013 in der Kategorie Management & People Skills von

Gesundheitsvorsorge: Macht die moderne Arbeitswelt krank?Die Zahl der Berufstätigen mit psychischen Belastungen oder gar Erkrankungen steigt; ebenso der Zahl der Burn-out-Fälle. Knapp 100.000 kommen laut AOK-Angaben Jahr für Jahr hinzu. Solche Nachrichten kann man seit Jahren in den Medien hören und lesen. Und regelmäßig streiten Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter darüber, warum zum Beispiel die Krankheitstage aufgrund eines Burn-Out-Syndroms in acht Jahren auf das 18-fache gestiegen sind.

Der erhöhte Arbeitsdruck und die gestiegene Arbeitsbelastung in den Betrieben sind schuld, betonen in der Regel die Arbeitnehmervertreter unisono. Und die Vertreter der Arbeitgeber? Sie verkünden meist wie Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, die Berufstätigkeit sei nie die alleinige Ursache für das Entstehen psychischer Erkrankungen. Und es schade der Sache, wenn die Debatte über psychische Gesundheit „mit verzerrten Darstellungen und unberechtigten Vorwürfen“ geführt werde. Die psychischen Störungen hätten nicht zugenommen, sie würden nur häufiger diagnostiziert.

Der job-bedingte Stress ist gestiegen

Wer hat Recht? Was ist die reale Ursache dafür, dass mehr Arbeitnehmer über ihre psychische Belastung klagen? Die veränderte Arbeitswelt spielt hierbei durchaus eine Rolle. Davon ist Stefan Bald, Geschäftsführer einer Unternehmensberatung überzeugt: „In den meisten Betrieben geht es heute hektischer als früher zu.“ Zudem seien viele Beschäftigungsverhältnisse fragiler geworden. Angefangen bei den gering Qualifizierten, die heute vielfach nur noch Minijobs und Jobs bei Zeitarbeitsfirmen finden. Bis hin zu den Hochqualifizierten, die in den ersten Berufsjahren oft nur Zeitverträge erhalten. Auch diese veränderten Rahmenbedingungen erhöhten die psychische Belastung vieler Arbeitnehmer. Das blenden viele Arbeitgeber gerne aus.

Doch hierin die alleinige Ursache für die gestiegene Belastung zu sehen, „das greift zu kurz“, betont Bald. „Unser gesamtes Leben hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert.“ So werde heute von den Menschen zum Beispiel insgesamt erwartet, mehr Eigenverantwortung zu zeigen und „private Vorsorge“ zu betreiben. Wir sollen für unser Alter vorsorgen. Wir sollen uns weiterbilden. Wir sollen auf unsere Gesundheit achten. Und, und, und .... Auch das trägt dazu bei, dass die Belastung steigt. Noch entscheidender ist für Bald aber folgender Punkt: „Die Sozialstrukturen in unserer Gesellschaft haben sich gewandelt.“

Unterstützungssystem fehlt zunehmend

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren in Deutschland Familien mit drei, vier Kindern gang und gäbe. Und wenn der Nachwuchs erwachsen war und selbst eine Familie gründete? Dann geschah dies meist in einer relativen Nähe zum Elternhaus. „Entsprechend groß war das familiäre Unterstützungssystem, aber auch der über Jahrzehnte gewachsene Freundeskreis, auf den man sich im Bedarfsfall stützen konnte“, betont Bald.

Und heute? Heute dominieren im großstädtischen Raum die Singlehaushalte – auch weil die Liebesbeziehungen brüchiger und aus Lebenspartnern vielfach Lebensabschnitt-Begleiter wurden. Und die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie? Sie ist in den Ballungsräumen schon eher die Ausnahme als die Regel. An ihre Stelle sind die Alleinerziehenden mit Kindern und die Patchworkfamilien getreten. Und was wurde aus den Verwandten, auf die man im Bedarfsfall zurückgreifen kann? Die existieren vielfach nicht mehr. Oder sie wohnen Hunderte von Kilometern entfernt.

Auch dies erhöht den Druck, unter dem Berufstätige heute stehen. Denn wegen der fehlenden Unterstützungssysteme werden „oft schon Kleinigkeiten zu einem Stress verursachenden Problem“, weiß die Managementberaterin und Coachausbilderin Sabine Prohaska, Wien. Zum Beispiel das Paket, das auf der Post abgeholt werden muss. Oder der angekündigte Besuch eines Handwerkers. Oder der pädagogische Tag im Kinderhort.

Work-Life-Balance-Konzepte greifen oft zu kurz

Auch Bernadette Imkamp, Verantwortliche für Gesundheitsmanagement, ist überzeugt: Die veränderte Arbeitswelt ist nur einer von vielen Faktoren, die dazu führen, dass heute mehr Berufstätige unter einer großen psychischen Anspannung stehen. Deshalb greifen aus ihrer Warte auch alle betrieblichen Work-Life-Balance-Konzepte zu kurz, die ihren Blick nur auf die Arbeitswelt richten. Ihr Ausgangspunkt müsse vielmehr sein: Wie leben die Mitarbeiter heute und mit welchen Anforderungen sind sie aufgrund ihrer Lebenssituation konfrontiert?

Dasselbe gilt für die sogenannten Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch sie sind gut und wichtig. Doch auch sie greifen laut Aussagen von Präventionsexperten Joachim Schönberger„vielfach zu kurz, weil sie den Fokus primär auf Familien oder Alleinerziehende mit Kindern richten“. Dabei stehen Singles oft sogar „noch stärker unter Strom“ als stolze Väter und Mütter – „unter anderem, weil sie mehr Zeit in den Aufbau und in die Pflege eines Freundes- und Bekanntenkreis investieren müssen, der sie emotional trägt“.

Das sieht auch Geschäftsführer Michael Reichl so. Auch er ist überzeugt: Viele Berufstätige sind heute sehr verletzbar – auch weil ihnen ein privates Unterstützungssystem fehlt. So lange im Leben alles glatt läuft, ist das zumeist kein Problem. Doch wehe die Liebesbeziehung oder Ehe zerbricht und die Person fällt in ein emotionales Loch. Oder sie erkrankt. Oder der Lebenspartner oder ein Elternteil wird zum Betreuungsfall. Dann geraten viele Berufstätige schnell an ihre Belastungsgrenze. Oder sie stehen, weil sie versuchen, die vielfältigen Anforderungen doch noch unter einen Hut zu bringen, unter einer so großen Anspannung, dass die körperliche und seelische Erschöpfung droht. Kommen dann noch berufliche Sorgen hinzu, wird die persönliche Krise akut.

Individuelle Unterstützung ist nötig

Bei fast allen Burnout-Gefährdeten und -Geschädigten betont denn auch Joachim Schönberger „hat die Überlastung auch private oder persönliche Gründe“. Und nennt mehrere Beispiele. Da ist zum Beispiel die Controllerin bei einem Mobilfunkunternehmen, die seit Jahren unter Schlafstörungen leidet – auch weil sie nicht den gewünschten Lebenspartner findet. Oder da ist der Salesmanager und Vater zweier Kinder, der meist nur am Wochenende zuhause ist, weshalb es auch in seiner Ehe kriselt. Oder da ist die Lehrerin, deren Mutter einen Schlaganfall erlitt und nun einer intensiven Pflege bedarf. Oder da ist der Investmentbanker, der aus Karrieregründen in London arbeitet, sich aber in der Großstadt nicht zuhause fühlt und in seinem Beruf keine Erfüllung findet. Bei all diesen Personen hat die Überforderung auch berufliche Gründe, doch nicht nur.

Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt. Deshalb bieten sie ihren Mitarbeitern ein immer breiteres Spektrum an Unterstützungsmaßnahmen an, um ihr Leben in Balance zu halten. Und viele machen sich auch gezielt Gedanken darüber, wie sie ihre Mitarbeiter entlasten können – zum Beispiel, wenn ein Elternteil zum Betreuungs- oder gar Pflegefall wird. Dies kann beispielsweise eine betriebliche Regelung sein, dass Mitarbeiter in solchen Situationen eine Auszeit von zwei Jahren und länger nehmen können. Und im Weiterbildungsprogramm können neben den bei Großunternehmen üblichen Stressmanagement-Seminaren auch zahlreiche Angebote stehen, die darauf abzielen, die Resilienz, also Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken – und diese dafür zu sensibilisieren, wann ein „Gefordert-sein“ in ein „Überfordert-sein“’ umschlägt, um einen Burn-out zu vermeiden.

Betriebe entwickeln immer ausgefeiltere Programme

Fakt ist also: Zumindest in den meisten Großunternehmen tut sich etwas. Sie entwickeln stets ausgefeiltere Unterstützungs- und Präventionsprogramme, auch weil sie wissen: In den kommenden Jahren wird es für uns – aufgrund des Fachkräftemangels – immer schwieriger werden, qualifizierte Arbeitskräfte, die ausfallen, zu ersetzen. Die Nutznießer dieser Unterstützungsmaßnahmen sind denn auch weitgehend die gut und sehr gut qualifizierten Mitarbeiter, die die Unternehmen zu ihren Kernmannschaften zählen.

Anders sieht es bei den gering Qualifizierten aus, die zum Teil zwei, drei Minijobs machen müssen, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten. Als Beispiel nennt der Betriebsberater Hans-Jürgen Wittig die Frauen, die spät abends von zuhause weg müssen, um Büros zu putzen oder in Callcentern zu arbeiten, während die Kinder zu Hause sind. Oder die bis abends um 10 an den Supermarktkassen sitzen. Um die macht sich, so der ehemalige Gewerkschaftssekretär, in unserer Gesellschaft niemand Gedanken. „Sie müssen schlichtweg funktionieren, denn sie haben weder eine Lobby noch eine Stimme.“ Und in den Artikeln zum Thema Work-Life-Balance auf den Karriereseiten der Illustrierten und Tageszeitungen? Auch dort tauchen sie nicht auf. Denn die haben in der Regel nur die „Young Professionals“ im Blick, die ihre Karriere noch vor sich haben.

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