Mindestlohndebatte: Haarschnitt auf Staatskosten?

Veröffentlicht am 21. Dezember 2010 in der Kategorie Reportage von

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In der Mindestlohndebatte taucht sie immer wieder auf: Die ostdeutsche Friseurin. Für einen Niedriglohn schneidet, wäscht und legt sie. Wir haben eine sächsische Friseurin besucht, die von 5 Euro Stundenlohn leben muss – weil es in ihrer Branche noch keinen Mindestlohn gibt.

Eine Reportage von Unternehmer.de-Mitarbeiter Uwe Wüllner

Barbara Seiler liebt ihren Beruf. Für ihn ist sie heute Morgen um halb fünf aufgestanden und mit der Straßenbahn eine halbe Stunde nach Leipzig rein gefahren. Kurz nach 7 Uhr hat sie angefangen der ersten Kundin im „Salon International“ eine Dauerwelle zu föhnen.

„Das ist doch ein schöner Beruf, jeden Tag hat man Erfolgserlebnisse“, sagt sie und dreht einen Lockenwickler aus dem grauen Haar der Dame. Seit über vier Jahrzehnten ist Barbara Seiler Friseurin, sie war Vize-DDR-Meisterin im Frisieren und arbeitet in der Leipziger Innenstadt, nur eine Minute von der Nikolaikirche entfernt – aber leben kann sie von ihrer Arbeit nicht.

Die ostdeutsche Friseurin - ein Mythos?

Immer wenn in Deutschland über Mindestlohn diskutiert wird, taucht sie zuverlässig auf: Die ostdeutsche Friseurin. Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer sieht „die Friseurin in Leipzig“ als Opfer „politischer Weichenstellungen und unternehmerischer Gewinnmaximierung“. Und auch in vielen Interviews, die Franz Müntefering gegeben hat, musste die ostdeutsche Friseurin als Beispiel für den Mindestlohn herhalten.

Barbara Seiler ist die ostdeutsche Friseurin. Sie arbeitet bis zu sechs Tage in der Woche, im Schichtdienst, 37 Stunden – unbezahlte Überstunden nicht mitgerechnet. Wenn sie Glück hat, bleiben ihr 700 Euro netto am Ende des Monats. Dabei ist ihr Arbeitgeber ein Vorzeige-Salon, weil ihr Chef zumindest den sächsischen Tariflohn von 5,16 Euro pro Stunde zahlt. Der Tarifvertrag ist über fünf Jahre alt, Berufseinsteiger starten in Sachsen mit 3,82 pro Stunde. SPD, Grüne, Linke und die Gewerkschaften fordern das Doppelte als gesetzlichen Mindestlohn: 7,50 Euro.

Früher war alles anders, erinnert sich Barbierin Seiler. Zu DDR-Zeiten zählte ihre Dienstleistung noch etwas. Da musste man sechs Wochen warten, um von den sozialistischen Star-Coiffeuren im „International“ bedient zu werden, es gab eine Sekt-Bar und westdeutsche Messebesucher brachten kosmopolitisches Flair in den Salon. Das Geschäft lebt noch ein bisschen von seinem alten Ruf und der guten Lage. Wenn Ex-Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) in seiner Heimatstadt weilt, lässt er sich hier seinen Haarkranz stutzen.

Barbara Seiler hat sich ihr Mittagessen von zu Hause mitgebracht. In einem Hinterraum des Salons verdrückt sie schnell ihre Knackwurst-Brote in einer Fünf-Minuten-Pause zwischen zwei Kundenterminen. „Obwohl ich überall spare, könnte ich ohne meinen Sohn nicht überleben“, sagt Seiler, „er gibt mir jeden Monat etwas zu Essen und Miete dazu.“

So wie Seiler geht es rund drei Viertel aller sächsischen Friseurinnen, glaubt Roland Ehrhardt. Der Ver.di-Gewerkschaftssekretär ist der Robin Hood der Haarschneidebranche. Als Verhandlungsführer auf Bundes- und Europaebene kämpft er für einen gesetzlichen Mindestlohn. Erhardt schlägt mit der Handkante auf den Tisch und läuft rot an, wenn er hört, dass der Arbeitgeberverband, „skeptisch ist, ob es Aufstockereinkommen in der Branche überhaupt gibt.“

Trotz Vollzeit-Job auf Hilfe angewiesen

Aufstocker sind Angestellte, die von ihrem Lohn nicht leben können und darum auf staatliche Almosen, wie ALG II oder Wohngeld, angewiesen sind. Es sind Menschen wie Barbara Seiler, deren Gehalt trotz Vollzeit-Arbeit hinten und vorne nicht reicht.

Die Situation in den anderen ostdeutschen Bundesländern scheint Ver.di recht zu geben. „Bei uns holt sich jeder angestellte Friseur was vom Staat“, sagt Sybille Hain, die Landesinnungs-Obermeisterin für Thüringen und Sachsen-Anhalt, „mindestens in den ersten zwei Berufsjahren“. In den drei mitteldeutschen Ländern beginnen Friseure mit einem Stundenlohn um die 3 Euro. In Brandenburg ist es sogar noch weniger, in Mecklenburg-Vorpommern etwas mehr.

Wer ist verantwortlich für die Dumping-Löhne?

Schuld an den niedrigen Löhnen haben die Kunden, sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaft einig. Was kann schon als Gehalt übrig bleiben, wenn Haarschnitte nur zehn, acht oder gar fünf Euro kosten? Eine Friseurin verdient durchschnittlich zwischen einem Drittel und einem Viertel ihres Umsatzes. Um sich den Mindestlohn von 1.110 Euro monatlich zu verdienen, müsste sie 4.000 Euro einnehmen. Für Barbara Seiler ist das unmöglich: „An manchen Tagen läuft es so schleppend, dass ich gerade einmal drei bis vier Kunden habe.“

Vor allem Discount-Friseurketten wie „Hairkiller“, „XL Cut“ oder „Hair Express“ haben in den vergangenen Jahren an der Preisschraube gedreht. 4.000 Billigfriseure gibt es schon in Deutschland. Tendenz: steigend. „Preisdumping führt zu Lohndumping“, sagt Sybille Hain von der Friseur-Innung.

Viele Friseurinnen haben den Weg zum Amt auch deshalb bisher nicht angetreten, weil sie sich am Wochenende etwas bei Nachbarn und Freunden dazuverdienen, sagt Joachim M. Weckel vom Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV): „Der Trend geht zur Schwarzarbeit.“ Darum fordert der ZV eine Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7% für Friseurdienstleistungen – so wie in den Niederlanden, wo sie zu einem Anstieg der Arbeitsplätze geführt haben soll. Die Mehreinnahmen sollten auf die Preise umgelegt werden, damit sich der Gang zum Schwarz-Friseur nicht mehr lohne, meint Verbandsjustiziar Weckel.

„Das ist Schwachsinn“, regt sich Ver.di-Mann Erhardt auf, die Preise seien schon jetzt niedrig. Neben einem gesetzlichen Mindestlohn würde er die Zusatzeinnahmen aus der Mehrwertsteuersenkung gern in die Lohntüten der Friseure stecken: Dann müssten diese nicht mehr Schwarzarbeiten und es gäbe auch keine Haarschnitte auf Staatskosten mehr.

Barbara Seiler arbeitet nicht schwarz. Bald geht sie in Rente, solange will sie sich noch mit ihrem Mini-Lohn durchkämpfen. Ob sie heute noch einmal Friseurin geworden wäre? „Hätte ich eine Tochter bekommen, hätte ich ihr abgeraten. Für das Geld lohnt sich der Job nicht mehr.“

Wir haben mal nachgerechnet:

Der 10-Euro-Haarschnitt: Was bleibt bei den Friseuren hängen?

  • Lohn: 2,80 Euro
  • Mehrwertsteuer: 1,60 Euro (19%)
  • Sozialabgaben: 2,50 Euro
  • Gewinn: 0,90 Euro
  • Wareneinsatz: 0,95 Euro
  • Miete: 0,60 Euro
  • Energiekosten: 0,65 Euro

= 10,00 Euro 100%

Quelle: Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks, eigene Berechnungen.

Die Mindestlohn-Reportage auf Unternehmer.de:

Mindestlohn: “Anspruchsvolle Pflegearbeit sollte gut bezahlt werden”

Linktipps:

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