Die Reportage: Im Griff der Energie-Giganten (2)

Veröffentlicht am 2. Dezember 2010 in der Kategorie Reportage von

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Teil 2 unserer Strommarkt-Reportage: Das Problem der mangelhaften Überwachung des Stromhandels ist politisch längst bekannt. So hatte etwa der Bundesrat bereits 2006 eine Ausweitung der Meldepflichten auch auf Waren gefordert, um Marktpreismanipulationen effektiv verhindern zu können.

Von den Unternehmer.de-Reportern Linda Csapo und Jonas Scheibchen

Die damalige Bundesregierung winkte jedoch ab, mit der Begründung, keinen „nationalen Alleingang“ in Europa beschreiten zu wollen. Denn die europäische Finanzmarktrichtlinie sehe eine Meldepflicht für das Spotgeschäft mit Waren, zu denen auch Strom gehört, nicht vor.

„Liest man diese Stellungnahme heute, kommt man aus dem Staunen nicht heraus“, so Kevin Canty und Volker Lüdemann.

Im ersten Teil des Artikels lesen Sie: Trotz sinkender Einkaufspreise ist der Strompreis seit der Liberalisierung stetig gestiegen. Die aktuelle Erhöhungswelle sorgt bei Verbraucherschützern und der Bundesnetzagentur für Empörung.

Stromanbieter: Überwältigende Marktmacht

Die Politik also träge, die Konzerne gewinnorientiert – da bleibt dem Verbraucher eigentlich nur noch die Eigeninitiative durch konsequenten Anbieterwechsel. Denn laut einer Studie des Leverkusener Energiewirtschaftlers Gunnar Harms, die von Bündnis 90/Die Grünen in Auftrag gegeben worden ist, kassieren die Energiekonzerne bereits in diesem Jahr, also noch vor den angekündigten Preiserhöhungen, bei ihren Kunden rund eine Milliarde Euro zu viel ab.

Die Einkaufspreise an der Leipziger Börse seien in den letzten zwei Jahren um bis zu 40 Prozent gesunken, was die Erhöhung der EEG-Zulage also bei weitem kompensiert. Im selben Zeitraum ist der Strompreis für Privatkunden laut Verivox jedoch um 8 Prozent gestiegen, in den vergangenen zehn Jahren sogar um 60  Prozent. Doch damit nicht genug: In den kommenden zehn Jahren soll er laut Bundesverband der Verbraucherzentralen um weitere 60 Prozent steigen.

„Die Verbraucher müssen endlich ihre Marktmacht erkennen und zu günstigeren Anbietern wechseln“, fordert deshalb Verbraucherschützer Blenkers. „Dann könnten sie auch viel mehr Druck auf die Konzerne ausüben. Allerdings darf man dann nicht den Fehler machen und nur zu einer Konzerntochter des Anbieters wechseln.“ Was in Deutschland gar nicht so einfach ist, denn es herrscht ein enorm hoher Konzentrationsgrad im Endkunden- und Großhandelsmarkt: Die ehemals acht überregionalen Verbundunternehmen schlossen sich mit der Öffnung des Marktes 1998 zu den vier Riesen E.On, RWE, Vattenfall und EnBW zusammen.

Die beiden größten Energielieferanten E.On und RWE beherrschen heute etwa zwei Drittel, gemeinsam mit Vattenfall und EnBW rund 90 Prozent des Markes. Territorial gehen sie sich weitgehend aus dem Weg – man könnte fast meinen, wie abgesprochen. Eine Marktmacht, die überwältigt, und auch die kleinen Mitbewerber auf den Plan ruft: Im Oktober hatten sich 50 Stadtwerke zu einer überregionalen Zeitungskampagne gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zusammengeschlossen, denn diese nütze ausschließlich der Gewinnsucht der Energieriesen, während gleichzeitig dringend nötige Milliardeninvestitionen in die Stadtwerke gefährdet seien. Motto der Kampagne: „Vier gewinnen. Millionen verlieren.“

Stromanbieter: Erstaunliche Wechselunlust

Doch trotz allem: Die Wechselwilligkeit der Endverbraucher ist erstaunlicherweise nach wie vor sehr niedrig. Seit der Strommarktliberalisierung hat gerade einmal jeder fünfte Privathaushalt seinen Anbieter gewechselt. Aus Angst vor überbordendem Papierkram und als Kapitulation vor dem unübersichtlichen Angebotswirrwarr der Myriaden kleiner Anbieter – es gibt in Deutschland derzeit etwa 9000 verschiedene Tarifmodelle – wird den teuren Ex-Monopolisten brav die Treue gehalten, allen Empfehlungen von Bundeskartellamt, Bundesnetzagentur und Verbraucherschützern zum Trotz.

Die immer wiederkehrenden Negativschlagzeilen vermeintlicher Abzockerei und schwarzer Schafe im Stromgeschäft verschärfen die Vorsicht und Wechselunlust der Verbraucher zusätzlich. Dabei sollten lediglich Modelle, die auf Vorkasse beruhen, nach Empfehlung der Verbraucherzentrale vermieden werden, denn das vorgestreckte Geld ist im Falle einer Insolvenz höchstwahrscheinlich weg.

Es muss allerdings niemand befürchten, nach einem misslungenen Wechsel im Dunkeln sitzen zu müssen: Sollte der neue Anbieter unerwartet pleitegehen, springt der örtliche Versorger – das sind in der Regel die Stadtwerke – zu den gewohnten Konditionen automatisch ein. Fazit: „Wir raten den Verbrauchern, die Preise zu vergleichen und zu einem Stromanbieter zu wechseln, der günstige Beschaffungskosten auch weitergibt“, so die Peter Reese, Leiter Energiewirtschaft bei Verivox.

Hoffnung gibt es auch von Seiten des Bundeskartellamts: Als Reaktion auf die nahezu einheitlichen Strompreiserhöhungen sowie auf das trotz Wettbewerb nach wie vor bestehende Oligopol der vier Giganten hat Kartellamtschef Andreas Hundt eine neue Untersuchung über die Erzeugungsstruktur in Deutschland angekündigt. Ergebnisse soll es im Januar 2011 geben – zeitgleich zu den „Preisänderungen“.

Mehr Informationen zu aktuellen Stromtarifen sowie Tipps zum Anbieterwechsel unter www.verivox.de.

Lesen Sie im ersten Teil des Artikels: Trotz sinkender Einkaufspreise ist der Strompreis seit der Liberalisierung stetig gestiegen. Die aktuelle Erhöhungswelle sorgt bei Verbraucherschützern und Bundesnetzagentur für Empörung.


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