Burn-out: Ein Mann auf der Suche nach sich selbst

Veröffentlicht am 8. November 2010 in der Kategorie Reportage von

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Magenstiche, Schlafstörungen, Unzufriedenheit. Ganz langsam schlich sich der Burn-out in das Leben von Frank Rosenkranz. Erst als der Ingenieur vor einem Fluss steht und sich umbringen will, erkennt er die Warnsignale seines Körpers. Heute hat er das innere Ausbrennen unter Kontrolle. Wie hat er das geschafft?

Eine Reportage von Unternehmer.de-Mitarbeiter Uwe Wüllner

Eigentlich sollte Frank Rosenkranz* eine Präsentation vorbereiten, wie er das schon hunderte Mal getan hatte. Den Kollegen in der Hamburger Niederlassung wollte er sein Konzept der Geräteautomation erläutern. Aber Rosenkranz saß in seinem kargen Büro, tippte lustlos auf der Tatstatur seines Rechners herum. Der graue Teppich schien ihm damals noch grauer als sonst. Die weißen Wände, an denen Schaltpläne hängen, wirkten noch trostloser als die 20 Jahre zuvor, die er schon in dem mittelständischen Planungsbüro in Wolfsburg* arbeitete.

Fünf unfertige Projekte schwirrten im Kopf des Abteilungsleiters gleichzeitig herum. Und nun wollten sich nicht einmal mehr die Worte in seinem Kopf zu einer Rede zusammenfinden. „Es kam nichts mehr, ich war am Ende“, sagt Frank Rosenkranz heute. In diesem Moment tat der rationale Ingenieur das, was er noch nie getan hatte: Er brach aus seinem Leben aus.

Rosenkranz setze sich in sein Auto und fuhr leer und gedankenlos durch Niedersachsen. Irgendwann stoppte er am Elbe-Seiten-Kanal und schaute aufs Wasser. „Ich habe damals eigentlich nur darüber nachgedacht, ob ich vor einem Baum fahre oder mich gleich in den Fluss stürze.“ Frank Rosenkranz hatte alles. Er war erfolgreicher Niederlassungsleiter, war Vater von vier Kindern, er hatte ein Haus und eine Frau, die er über alles liebt. Aber an diesem Dienstag im November 2009 wurde ihm klar: Er war innerlich ausgebrannt.

Burn-out: Es trifft meistens die Engagierten und Perfektionisten

So wie Frank Rosenkranz geht es neun Millionen Menschen in Deutschland, hat eine Studie der Betriebskrankenkassen herausgefunden. Hinter jeder zehnten Krankschreibung steckt heute eine seelische Erkrankung wie Burn-out oder Depressionen. Besonders betroffen sind Menschen, die sich keine Fehler eingestehen. Es sind Mitarbeiter, die ultrafleißig sind, sehr verlässlich, die sich für eine Sache stark begeistern und viel Engagement zeigen. Anfällig für Burn-out sind Menschen, die Anerkennung über Leistung und Karriere suchen und nie was falsch machen wollen.

„Ich bin Perfektionist“, sagt Frank Rosenkranz, „ich kümmere mich gern um alles, übernehme Verantwortung.“ Bis zu seinem Zusammenbruch hat er jede Präsentation und jede Zuarbeit noch einmal nachgebessert, weil es richtig sein sollte. Und er arbeitet leidenschaftlich für die Firma, die er selbst mit aufgebaut hat.
Nach dem Versorgungstechnik-Studium übernahm ihn sein Professor von der FH Braunschweig-Wolfenbüttel in sein neu gegründetes Unternehmen. Rosenkranz wurde Mitarbeiter Nummer 3. Heute hat die Firma 170 Beschäftigte. Mit dem Wachstum des Unternehmens wuchsen auch seine Aufgaben.

Sein Aufstieg begann auf einem Traktor. Als er vor 14 Jahren im Urlaub auf dem Bauernhof auf einem Trekker saß, rief sein Chef an und fragte, ob Frank Rosenkranz nicht Niederlassungsleiter der Filiale in Dresden* werden wolle. Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Danach wurde er Abteilungsleiter im Haupthaus, führte 40 Mitarbeiter. Auch seine Kunden wurden immer renommierter: Anfangs konzipierte er noch die Gebäudeleittechnik des örtlichen Krankenhaus, dann die der Bundeswehr-Universität in München, später arbeitete er sich hoch bis zum Atommüllendlager und Airbus.

In der Therapie hatte er endlich wieder Zeit für sich

Es waren spannende Aufträge, Rosenkranz war stets nah dran an den großen Debatten unseres Landes: „Ich arbeite hier nicht fürs Geld, sondern aus Leidenschaft“, sagt er. Daneben wuchs auch seine Familie, er heiratete, kaufte ein Haus. „Das ging tack, tack, tack“, erinnert sich Frank Rosenkranz heute, „es waren zehn Jahre, die richtig voll waren“. In diesen Jahren blieb kein Platz mehr für ihn. Fast ein Jahrzehnt war er nicht beim Zahnarzt, merkte nicht einmal, dass er zwei Wochen mit einem Blinddarmdurchbruch lebte.

Nachdem ihm an dem grauen Novembertag im vergangenen Jahr eine SMS seiner Frau davon abhielt Selbstmord zu begehen, begab er sich in die Hände eines Psychotherapeuten. Die Krankenkasse schickte ihn auf ein Burn-out-Präventionsseminar und bezahlte ihn fünf Wochen in einer Reha-Klinik im Harz. Dort stand endlich wieder er im Mittelpunkt: Er bekam Massagen, walkte durch die Wälder, nahm an einer Atemtherapie teil, probierte Tai Chi aus und besuchte Einzel- und Gruppengespräche. Und Rosenkranz lernte „Nein“ zu sagen. Er genoss die Wochen in der Klinik: „Endlich hatte ich mal Zeit für mich, seit vielen Jahren habe ich mal wieder ein Buch gelesen.“ Es war die Biografie des Torwarts Robert Enke, der nicht stark genug war und seinen Burn-out durch Selbstmord beendete.

Ganz langsam kam er wieder zu sich, hinterfragte sich und erkannte die Warnhinweise seines Körpers. Wachte er nicht schon länger nachts schweißgebadet auf, weil er nicht mehr ruhig schlafen konnte? Wollte ihm sein Körper etwas sagen mit dem Bauchgrummeln, für das die Ärzte keine Ursache fanden? Und hatte er nicht bei einem wichtigen Projekt seinen Chef scharf und gereizt vor allen anderen angefaucht, wie es sonst nie seine Art war? Im Nachhinein ergab das alles einen Sinn.

Burn-out: Die Firma half beim Wiedereinstieg

„In der Reha wurde mir zudem alles abgenommen, es gab einen Tagesplan, dem man nur folgen musste.“ Endlich spürte Rosenkranz nicht mehr diesen Druck, die Verantwortung. Ihm half das Gefühl sich wieder frei zu fühlen. Andere Burn-out-Betroffene berichten, dass sie durch Achtsamkeitsmeditation, Yoga, kognitive Verhaltenstherapie oder bestimmte Atemtechniken wieder in Tritt kamen. „Denn das muss man ganz klar sagen, bei der Behandlung ging es allein darum, wieder meine Arbeitsfähigkeit herzustellen.“ Burn-out an sich ist nicht heilbar, man kann lediglich lernen das Problem zu erkennen und unter Kontrolle zu bekommen.

Dabei half auch die Firma von Frank Rosenkranz. Obwohl er der erste Burn-out-Fall war und das Unternehmen keine Erfahrung im Umgang damit hatte, zeigten alle Verständnis und übernahmen seine Aufgaben mit. Nachdem er sechs Monate krank geschrieben war, stieg er mit vier Stunden täglich wieder langsam in den Job ein. Freiwillig hat er die Personalverantwortung erstmal abgegeben und konzentriert sich jetzt darauf, Planungskonzepte auszuarbeiten – das was ihm am meisten liegt.

Außerdem hatte er sich vorgenommen, mehr Sport zu treiben und das Büro immer pünktlich zu verlassen. In den ersten sechs Monaten klappte das noch ganz gut. Immer zwei Mal pro Woche fuhr er nach der Arbeit in ein Fitnessstudio zur Medizinischen Trainingstherapie. Aber in den letzten Wochen schaffte er es häufig nicht mehr. Es gab einfach immer viel zu viel zu tun.

* Orte und Namen wurden zum Schutz des Betroffenen geändert.

Das Burn-out Special auf Unternehmer.de:
10 Fragen und Antworten zum Thema Burn-out

Linktipps:

Burn-Out-Test

Institut für Burnout-Prävention: www.ibp-hamburg.de

Zur psychosozialen Lage in Deutschland

www.burn-out-forum.de

Mittelstand Wissen: Zeit- und Selbstmanagement

(Bild: © Yuri Arcurs – Fotolia.com)