Opel: Aufstieg und Fall eines „Stinkkastens“

Veröffentlicht am 10. November 2009 in der Kategorie Reportage von

rücklichter von einem autoVon Gründer Adam Opel nie als Automobilkonzern geplant, entwickelt sich eine Nähmaschinenfabrik zu einem der beliebtesten Kraftfahrzeughersteller in Europa. Doch nach jahrzehntelanger Blütezeit steuert Opel bereits seit den 1980er Jahren auf die heutige Krise zu. Über 147 Jahre Firmengeschichte im Überblick.

Von Unternehmer.de-Reporterin Linda Csapo

19. Jahrhundert: Nähmaschinen und Fahrräder

Der Rüsselsheimer Schlosser Adam Opel (1837 – 1895) legt mit seiner 1862 aufgebauten Nähmaschinenfabrik das Fundament für die Firma Opel. Ab 1886 wird zusätzlich mit der Fahrradproduktion begonnen: Schnell entwickelt sich Opel zum größten Fahrradhersteller Deutschlands. Erst drei Jahre nach dem Tod Adam Opels lassen seine Frau Sophie und die fünf gemeinsamen Söhne erstmals ein Opel-Automobil herstellen – denn Opel selbst hatte nicht an die Zukunft des Autos geglaubt: „Aus diesem Stinkkasten wird nie mehr werden, als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen!“

Bis 1920er Jahre: Aufstieg zum größten Automobilhersteller Deutschlands

In den Anfangsjahren konnte Opel im Auto-Geschäft gegen die damals weiter entwickelte französische Konkurrenz nur schwer bestehen: Zunächst wurde die PKW-Produktion deshalb ganz eingestellt, bis 1902 mit der französischen Firma Darracq eine Kooperation zustande kam. Zwei Jahre später wurde der erste Opel-Darracq Vierzylinder gebaut, 1916 der erste Sechszylinder. Auch während des Ersten Weltkrieges wurde die Autoproduktion nicht unterbrochen.

1924 wurden in Rüsselsheim erstmals Opel-Kraftfahrzeuge am Fließband produziert – durch die preisgünstigere Herstellung konnten fortan auch breitere Schichten erreicht werden. Die Mitarbeiterzahl stieg rasant an: 1924 beschäftigte Opel noch 2.400 Arbeitnehmer, 1928 bereits 9.400. In diesem Jahr erreichte Opel mit über 42.000 hergestellten Autos einen Marktanteil von 44 Prozent in Deutschland.

Ab 1929: Vom Rüstungsgeschäft zur Zerstörung

Die Brüder Wilhelm und Friedrich Opel verkaufen 1929 80 Prozent der Opel-Unternehmensanteile an den amerikanischen Automobilkonzern General Motors. In den darauf folgenden drei Jahren übernimmt GM Opel vollständig: Die Rüsselsheimer drohten, im Zuge der Weltwirtschaftskrise unterzugehen - im Jahr 1930 erwirtschaftete das Unternehmen einen Verlust von knapp 14 Millionen Reichsmark, die Jahresproduktion aller Kraftfahrzeuge halbierte sich auf rund 20.000.

Der Aufschwung kam mit den Nationalsozialisten: Neben dem Opel P4 - der erste deutsche „Volkswagen“ -  verkaufte sich in den 1930er Jahren der auf Veranlassung der nationalsozialistischen Regierung produzierte Blitz-LKW sehr gut. Im Frühjahr 1935 präsentierte Opel zudem anlässlich der anstehenden Olympischen Spiele in Berlin das erfolgreiche PKW-Modell Olympia. Opel stieg zum zweitgrößten Autohersteller Europas und somit wichtigsten Devisenbeschaffer für das Dritte Reich auf: 1938 rollten 140.580 Kraftfahrzeuge vom Band – Opel erwirtschaftete dabei einen Nettoumsatz von 337,7 Millionen Reichsmark.

Ab 1940 musste Opel die Herstellung aller zivilen PKW einstellen und sich ganz in den Dienst der Wehrmacht stellen. Im Rüsselsheimer Werk wurden neben den Blitz-LKW auch Motoren, Raketenteile und Torpedos produziert. Im Gegensatz zu anderen deutschen Konzernen lehnte Opel die Beschäftigung von KZ-Häftlingen stets ab, griff jedoch auf Zwangsarbeiter zurück.

1942 schrieb GM seine Tochtergesellschaft Opel als Vermögenswert in Feindeshand ab. 1944 wurden die beiden Opel-Werke in Rüsselsheim und Brandenburg an der Havel durch Luftangriffe schwer beschädigt. Das zerstörte LKW-Werk Brandenburg wurde nach Kriegsende schließlich vollständig demontiert.

Ab 1945: Neubeginn in Rüsselsheim

1945 ging in die Firmengeschichte als das Jahr ein, in dem kein einziges Opel-Fahrzeug produziert wurde: Erst 1946 verließ der erste Nachkriegs-Opel - ein „Blitz“-LKW - das zur Hälfte zerstörte Rüsselsheimer Werk.

1947 nahm Opel auch die PKW-Produktion wieder auf: Zunächst mit dem erfolgreichen kleinen Vorkriegsmodell Olympia und schließlich ab 1948 mit dem größeren Kapitän. Ende 1947 beschäftigte das Unternehmen in Rüsselheim rund 8.000, 1951 bereits fast 20.000 Mitarbeiter. General Motors übernahm am 1. November 1948 wieder die Führungskontrolle bei Opel.

In den 1950er Jahren stellte Opel mit Olympia, Olympia Rekord und Rekord P1 nach dem VW-Käfer die zweitbeliebtesten deutschen Mittelklassewagen her.

1960er und 70er Jahre: Aufstieg zur Marktführerschaft

Mit den 1960er und 1970er Jahren kam für Opel die große Blütezeit: In einigen Fahrzeugklassen erlangten die Rüsselsheimer sogar vor VW die Marktführerschaft. Auch die neuen Werke in Bochum und Kaiserslautern liefen auf Hochtouren.

Ab Herbst 1970 kamen der Mittelklassewagen Ascona sowie dessen legendäre Coupé-Variante Manta ins Programm. Die Modellreihe gehört samt ihren Nachfolgemodellen mit über drei Millionen Fahrzeugen zu den erfolgreichsten Opel-Produkten.

1972 überholt Opel mit 20,4 Prozent Marktanteil die Konkurrenz aus Wolfsburg. Mit 59.000 Mitarbeitern erwirtschaftet Opel in diesem Jahr einen Jahresumsatz von 6,5 Milliarden DM.

1980er Jahre: Absatzrückgang und Qualitätsprobleme

Anfang der 1980er Jahre sorgt der erste Golfkrieg mit der Ölkrise für einen starken Einbruch in der gesamten Automobilbranche. Opel schreibt 1980 mit Verlusten von 411 Millionen DM erstmals seit Kriegsende wieder rote Zahlen, über 7.500 Beschäftigte müssen entlassen werden. Nur der neue Kadett D und der ab 1983 vorgestellte Opel Corsa können sich auf dem Kleinwagenmarkt gut behaupten.

Doch seit Ende der 1980er Jahre führen zunehmend einfallslose Designs und Qualitätsprobleme (samt diversen Pannen und Rückrufaktionen) zu einer negativen Imageentwicklung der Marke Opel, die sich zu Beginn der 1990er Jahre zu einer schweren Krise verhärtet: Die mangelnde Koordination zwischen GM auf der einen Seite und dem Opel-Management in Rüsselsheim auf der anderen, sowie der rasche Wechsel der Führungskräfte verschärfen die Probleme zusätzlich.

Ab 2000: Rekordverluste und Rettungspläne

In den Jahren 2000 bis 2008 ist der Anteil von Opel-Fahrzeugen bei Neuzulassungen um 30 Prozent zurückgegangen und lag zuletzt bei 8,4 Prozent. 2002 fährt Opel einen Rekordverlust von 674 Millionen Euro ein.

Die anhaltend schlechte Konjunktur lässt den Absatz weiter einbrechen, drastische Sparmaßnahmen werden unumgänglich. Im Jahr 2006 sind noch 27.661 Menschen bei der Opel GmbH beschäftigt, gegenüber etwa 44.700 Mitarbeitern im Jahr 1996.

2004 will Mutterkonzern General Motors das gesamte Europa-Geschäft umbauen: General Motors Europe in Zürich steuert fortan als Zentrale die Firmen Opel, Saab und Vauxhall. Die Opel AG verliert somit ihre Eigenständigkeit. 12.000 Stellen werden von GM europaweit gestrichen.

Es folgen dennoch weitere Rekordverluste: 2007 weist GM für das dritte Quartal ein Minus von 39 Milliarden Dollar aus, 2008 sind es 30 Milliarden. Die deutsche Tochter Opel ersucht nach Liquiditätsschwierigkeiten des Mutterkonzerns die Bundesregierung um Unterstützung. Im Februar 2009 denkt GM erstmals über eine Trennung von Opel nach und zeigt sich bereit, „mit Dritten über die Partnerschaften und Beteiligungen zu verhandeln“.

Das Unternehmer.de-Dossier zum Thema Opel:

Opel: Gescheiterte Chefsache

„Merkel vor dem Schrotthaufen“

Opel: 12 Monate Tauziehen umsonst

Linktipps

Die Tragödie der Traditionsunternehmen

Mittelstand Wissen: Unternehmensfinanzierung

(Bild: © Sigtrix - Fotolia.com)