Opel: „Merkel vor dem Schrotthaufen“

Veröffentlicht am 5. November 2009 in der Kategorie Reportage von

Alte Automobile entsorgenDer geplatzte Verkauf von Opel an Zulieferer Magna schlägt weltweite Wellen – mit durchaus gemischten Reaktionen. Während in Deutschland Angst und Empörung dominieren, wird die Entscheidung von internationalen Medien überwiegend begrüßt. Doch auch die Inlandspresse sieht nach dem drohenden Kahlschlag neue Chancen keimen – Unternehmer.de präsentiert einen Überblick über die internationale Berichterstattung.

Von Unternehmer.de-Reporterin Linda Csapo

Die Süddeutsche Zeitung hebt zunächst das für Bundeskanzlerin Merkel äußerst unglückliche Timing des geplatzten Deals hervor – das böse Erwachen kam ausgerechnet während Merkels ersten US-Reise innerhalb der neuen Amtszeit:
„Man muss sich das alles mal vergegenwärtigen: Angela Merkel hält im Kongress eine Hymne auf die USA. Sie dankt den Amerikanern für die Unterstützung, die sie nie vergessen werde. Sie sagt, dass es für die USA keinen besseren Partner gebe als Europa und umgekehrt. Sie sagt, dass es sich um eine Wertegemeinschaft handele. Und sie erinnert an Bill Clintons berühmten Satz nach dem Fall der Mauer: ‚Nichts wird uns aufhalten. Alles ist möglich.’ Nur Stunden später bekommen diese Worte eine völlig neue Bedeutung, weil man sie nämlich wie die Doktrin von General Motors lesen kann. Ein Konzern, den die US-Regierung mit mehr als 50 Milliarden Dollar gerettet hat und der faktisch zu einem Staatskonzern geworden ist, düpiert die deutsche Kanzlerin und eine Firma mit zigtausend Arbeitnehmern an einem Tag, der für einige Stunden ein deutsch-amerikanischer Festtag zu sein schien. Nichts ist unmöglich.“

Auch der österreichische Standard sieht „Merkel vor dem Schrotthaufen“ stehen:
„Das war schon ein ziemlicher Affront: Die Verbeugung Angela Merkels vor dem US-Kongress wurde noch beklatscht, da holte Amerika schon zum Tiefschlag aus. (...) Auch wenn nun heftig spekuliert werden mag, inwieweit Präsident Barack Obama in das Manöver eingebunden war - dass die US-Regierung die strategisch ebenso entscheidende wie politisch brisante Kehrtwende zumindest duldete, davon darf man ausgehen. Jetzt steht Merkel vor einem riesigen Schrotthaufen, den sie auch noch selbst zu verantworten hat. Die Opel-Arbeitsplätze, deren weitgehende Rettung die Kanzlerin im Wahlkampf versprochen hatte, wackeln mehr denn je.“

Die niederländische de Volkskrant aus Amsterdam schließt sich dem an – und zeigt gleichzeitig Verständnis für alle Parteien:
„Deutschlands Wut ist verständlich. Dennoch sind einige Randbemerkungen angebracht. So war es von Anfang an klar, dass GM Opel eigentlich nicht loswerden wollte. Nach dem Deal mit Magna hätte GM noch 35 Prozent an Opel gehalten. Niemand bestreitet, dass GM - derzeit zu 60 Prozent in der Hand des amerikanischen Staates - das Recht hat, diesen Deal abzublasen. Die Übernahme durch Magna wurde für die Medien groß angekündigt. Auch mit Blick auf die deutschen Wahlen. Aber juristisch war sie noch gar nicht durch. Schließlich können die deutschen Politiker ihre Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen: Die Schließung einiger Opel-Fabriken steht so oder so an - ob nun GM die Mehrheit hält oder Magna. Die Frage ist, wo in Europa das geschieht. Während die Deutschen am Mittwoch sauer waren, haben die Briten ein Fest gefeiert. Sie glauben, bei Vauxhall mehr Jobs behalten zu können, wenn GM der Eigentümer bleibt.“

Die Moskauer Komsomolskaja Prawda dagegen schwankt in ihrem Kommentar zwischen mildem Hohn und russischer Folklore:
„Ups! Sie haben uns Opel nicht gegeben. (...) Die Situation erinnert ein bisschen an das alte russische Märchen vom Großvater, der seine Kuh verkaufen wollte. Der Autobauer im fernen Deutschland war für GM ein Klotz am Bein, aber sobald sich die neuen Investoren überlegten, wie sie Opel zu einem gewinnträchtigen Unternehmen machen können, hat man sich bei GM gedacht, dass man diese Kuh doch wohl selbst noch brauchen könnte.“

Auf ein Ende der Wettbewerbsverzerrung hofft nun die Neue Züricher Zeitung:
„Es wäre letztlich wohl das Beste, wenn das strukturell offenbar nicht lebensfähige Unternehmen nicht weiter mit Steuergeldern subventioniert und so der Gesamtmarkt verzerrt würde. (...) So grausam es für die betroffenen Mitarbeiter wäre: Eine Restrukturierung in einem geordneten Insolvenzverfahren oder eine Zerschlagung - also der Verkauf der gesunden und der Untergang der ungesunden Konzerneinheiten - erscheint als die beste Lösung. Auch die Selbstständigkeit, eventuell nach dem Vorbild von Saab, wäre eine interessante Option gewesen. Dazu wird es nun jedoch - vorerst - nicht kommen. Opel wird weiterwursteln.“

Doch auch die deutschen Kollegen befürworten einen Schlussstrich der politischen Intervention. So schreibt der Wiesbadener Kurier unter dem Titel „Staat hat versagt“:
„Jetzt ist das Geschrei groß, dass der Opel-Deal mit Magna nicht geklappt hat. Am lautesten schreien einmal mehr die, die die größte Schuld am Desaster haben, nämlich die Politiker, die sich vorzeitig auf Magna festgelegt haben, ohne zu bedenken, dass auch die EU-Wettbewerbskommissarin ein Wort mitzureden hat. Der Staat als Retter hat kläglich versagt. Natürlich ist es ein böses Spiel von General Motors, erst viele Monate mit Übernahmewilligen zu verhandeln, um dann die Tochter selbst zu behalten und gleich wieder mit Insolvenzdrohungen zu starten.“

Das Handelsblatt geht mit der alten und neuen Regierung ebenso hart ins Gericht:
„Ob schwarz-rote oder schwarz-gelbe Koalition: Der Staat gefällt sich weiter in der Rolle des Retters und hält den Steuerzahler so in Geiselhaft für verfehlte Unternehmensentscheidungen diesseits wie jenseits des Atlantiks. Schon jetzt ist absehbar, dass General Motors in dem unendlichen Pokerspiel versuchen wird, Mittel aus dem Deutschlandfonds für Opel zu ergattern. Auf die Begründung von GM darf man ebenso gespannt sein wie auf die der zu erwartenden Ablehnung aus Berlin. Mit verantwortlicher Unternehmensführung hat das alles nichts mehr zu tun - und die wäre ein wichtiges Kriterium für den Erhalt von Staatshilfe.“

Und schließlich sieht die Frankfurter Allgemeine durchaus auch die positiven Seiten des Desasters:
„Für den Steuerzahler in Deutschland ist die Wende bei Opel eine gute Nachricht. Denn selbst wenn General Motors auch für seinen neuen Plan noch auf staatliche Hilfe aus Berlin angewiesen sein sollte, dann wird diese zumindest um eineinhalb oder zwei Milliarden Euro geringer ausfallen als bisher vorgesehen. Angesichts der ohnedies schwierigen Haushaltslage ist dies sehr zu begrüßen, man muss dem General-Motors-Verwaltungsrat beinahe dankbar dafür sein.“

Das Unternehmer.de-Dossier zum Thema Opel:

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