Was wird aus den Quelle-Mitarbeitern?

Veröffentlicht am 29. Oktober 2009 in der Kategorie Reportage von

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people 84.000 Menschen verlieren im Zuge der Quelle-Pleite schlagartig ihren Arbeitsplatz. Zwar bemüht sich die Bundesagentur für Arbeit um rasche, unbürokratische Vermittlung. Auch aus der Privatwirtschaft gibt es zahlreiche Angebote. Die meisten Betroffenen wird der krisengeschüttelte Arbeitsmarkt der Region jedoch nicht so schnell aufnehmen können.

Von Unternehmer.de-Reporterin Linda Csapo

„So habe ich mir meinen Berufsstart nun wirklich nicht vorgestellt.“ René M., 18 Jahre alt und seit zwei Jahren Auszubildender in der Verwaltung bei Quelle, wirkt eher resigniert als wütend, als er sich kopfschüttelnd eine Zigarette ansteckt. Gerade hat er an einer Info-Börse der Bundesagentur für Arbeit speziell für die jüngsten Quelle-Mitarbeiter teilgenommen: Nur fünf Tage nach dem endgültigen Quelle-Aus haben 20 Job-Berater in Gruppenvorträgen und Einzelgesprächen über offene Stellen und mögliche Übernahmen aufgeklärt – sie informierten aber auch über Leistungsansprüche sowie das Schreckgespenst Hartz IV.

Wahrlich nicht die Themen, über die man sich als junger Berufseinsteiger den Kopf zerbrechen möchte. „Und wir stehen im Vergleich zu den Älteren noch ziemlich gut da,“ fährt René fort. Optimismus hört sich anders an.

Hoffnung für die Jungen

Dabei hat René recht: Für die bundesweit 200 Quelle-Azubis sehen die Zukunftsaussichten zwar nicht unbedingt rosig aus, geben aber durchaus Anlass zu Hoffnung: Etwa 100 Ersatzlehrstellen können ihnen laut Bundesagentur derzeit angeboten werden. So will der Handelskonzern Metro bis zu 50 Lehrlingen den Abschluss ihrer Ausbildung ermöglichen. Auch der Hamburger Versandriese Otto hatte bereits kurz nach Bekanntwerden der Pleite angekündigt, zumindest einem Teil der Auszubildenden übernehmen zu wollen – Mobilität und Flexibilität der jungen Menschen vorausgesetzt.

Wahrscheinlich werden auch der Baur-Versand im oberfränkischen Burgkunstadt sowie der Mode- und Wäschehändler Witt im oberpfälzischen Weiden Lehrstellen anbieten können. Beide gehören ebenfalls zu Otto. Bei der Nürnberger Industrie- und Handelskammer hätten sich in den vergangenen Tagen zudem zahlreiche weitere, vor allem mittelständische Unternehmen gemeldet und offene Lehrstellen angeboten.

Abwicklung und Ausverkauf

Wie alle anderen der insgesamt rund 4.000 Quelle-Mitarbeiter erhalten auch die Lehrlinge zum 31. Oktober ihre Kündigung. Für die Abwicklung des riesigen Versandhauses werden vorläufig aber noch etliche Helfer benötigt: Bis Ende November müssen 18 Millionen Artikel aus den Warenlagern verramscht  werden – das entspricht etwa 1.000 LKW-Ladungen. Der Ausverkauf läuft über das Internet, wo mit zum Teil absurden Preissenkungen geworben wird (so wird zum Beispiel eine komplette Wohnzimmereinrichtung für 55 Euro angeboten), sowie in dem Kaufhaus an der Stadtgrenze Nürnberg-Fürth.

Hier begegnet man in diesen Tagen fassungslosen Mitarbeitern, die angesichts des wüsten Ansturms der Schnäppchenjäger nicht selten mit den Tränen ringen. „Das sind nicht unsere Stammkunden,“ empört sich Irene B. „Das sind die Fledderer. Wären die früher auch in solchen Scharen hereingerannt, müssten wir gar nicht erst schließen.“ Frau B. ist 59 Jahre alt und seit 42 Jahren bei Quelle angestellt. Angefangen mit der Ausbildung hat sie ihr ganzes Leben lang für das Versandhaus gearbeitet, ebenso wie ihre erwachsene Tochter Sabine. Die hatte bereits im Juni ihre Kündigung erhalten, nun steht zum 1. November auch Irene B. auf der Straße. „So kurz vor der Rente nimmt mich doch kein Mensch mehr,“ resigniert sie und füllt einen Wühltisch mit Damenwäsche wieder auf.

Es wird tatsächlich schwierig werden, gerade für die ältere Generation. Die Region hatte in den vergangenen Jahren bereits die Schließungen der AEG-Werke und von Grundig zu verkraften, in deren Folge ebenfalls Tausende Arbeitsplätze vernichtet worden sind. Johann Rösch von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di versucht zwar Mut zu machen: Anders als damals handle es sich bei den Quelle-Mitarbeitern größtenteils um gut vermittelbare, ausgebildete Fachkräfte. Nur ca. 450 von ihnen seien ungelernte Arbeitskräfte, die vornehmlich in der Logistik tätig waren.

Rainer Bomba, Chef der Generaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, verweist zudem auf derzeit ca.10.000 offene Stellen in der Metropolregion Nürnberg. Allerdings nicht in der Branche Verkauf und Versand. Die meisten Arbeitssuchenden werden also um Umschulungen und berufliche Weiterqualifikation nicht herumkommen, und ein Teil von ihnen wird aus der Arbeitslosigkeit sicherlich nur schwer wieder herausfinden. „Bei manchen wird der Weg sehr lang werden,“ so Bomba.

„Task Force Quelle“

Die Bundesagentur für Arbeit begegnet dem plötzlichen Hochschnellen der Arbeitslosigkeit in der Region mit einem wahren Kraftakt: Für die Betreuung der Tausenden schlagartig arbeitslos gewordenen hat sie eine eigene Quelle-„Task Force“ eingerichtet. Arbeitsagenturen aus 30 bayerischen Städten haben hierfür ihre Mitarbeiter nach Nürnberg abbestellt, 150 sind es insgesamt.

Langes Schlangestehen vor dem städtischen Arbeitsamt sollte den zum Teil traumatisierten Quelle-Mitarbeitern nicht zugemutet werden, und deshalb steht nun auf dem Gelände des Quelle-Vetriebszentrums eine Art Außenfiliale der Bundesagentur. Hier wird direkt vor Ort Beratung, Vermittlung und Unterstützung beim Ausfüllen der Anträge angeboten. Priorität hat für die Task-Force-Mitarbeiter zunächst die Registrierung der Betroffenen, damit diese rechtzeitig ihr Arbeitslosengeld erhalten. Insgesamt hätten zudem etwa 800 Quelle-Beschäftigte bereits an eine neue Stelle vermittelt werden können.

Bundesweite Solidarität

Quelle-Gesamtbetriebsratschef Ernst Sindel berichtet darüber hinaus von Jobangeboten und Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland. „Diese Welle der Hilfsbereitschaft ist schon bemerkenswert“, so Sindel. „Wir werden alles nutzen.“

Azubi René bleibt jedoch skeptisch. Eine konkrete Zusage hat er noch nicht und wird sich in den kommenden Tagen deshalb erst einmal um Bewerbungen kümmern müssen. Auf seine Hoffnungen angesprochen, meint er lakonisch: „Das ist doch jedes Mal das gleiche. Kaum sind die Reporter und Kameras weg, werden wir ganz schnell wieder vergessen sein.“

(Bild: © Sandor Jackal - Fotolia.com)