Mindestlohn: „Anspruchsvolle Pflegearbeit sollte gut bezahlt werden“

Veröffentlicht am 22. Dezember 2010 in der Kategorie Recht & Gesetze von

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Als letzte von neun Branchen hat die Pflegebranche 2010 einen einheitlichen Mindestlohn eingeführt.

Unternehmer.de fragte nach bei Friedhelm Fiedler, Mitglied der Geschäftsleitung von ProSeniore, Deutschlands größter Pflegeheimkette: Im Interview spricht der stellvertretende Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Pflege über polnische Dumpinglöhne, die Kontrollen des Zolls und die ersten Erfahrungen mit dem Mindestlohn.

Unternehmer.de: Seit August 2010 gibt es einen flächendeckenden Mindestlohn für die Pflegebranche. Die Gewerkschaften behaupten, einige Unternehmen würden die Mindestlöhne durch Tricks unterwandern. Wie ist Ihre Erfahrung?

Friedhelm Fiedler: Nein, uns ist noch kein Fall bekannt geworden, in dem der Mindestlohn umgangen wurde. Das ist die typische Panikmache der Gewerkschaften. Die Pflege-Unternehmen im Arbeitgeberverband Pflege zahlen ihren Beschäftigten sogar schon seit Jahresbeginn 2010 die 8,50 Euro beziehungsweise 7,50 Euro Stundenlohn. Zu 99 Prozent weiß die Branche, welche Stunde geschlagen hat.

Unternehmer.de: Die Mindestlöhne werden durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Zollverwaltung kontrolliert. Funktionieren diese Kontrollen?

Friedhelm Fiedler: Da vertrauen wir dem Zoll voll und ganz. Dessen Arbeit ist sanktionsbewehrt: Findet der Zoll einen Sünder, kann das zu Strafen von bis zu 500.000 Euro führen. ProSeniore sitzt ja in Saarbrücken und wir haben gehört, dass in Kürze im Saarland flächendeckend jedes Pflege-Unternehmen überprüft werden soll. Da kann sich niemand rausschummeln.

Unternehmer.de: Die Pflegebranche hat Probleme Fachkräfte zu finden. Nutzt der Mindestlohn etwas, um Pflegekräfte anzuwerben?

Friedhelm Fiedler, Mitglied der Geschäftsleitung von ProSeniore

Friedhelm Fiedler: Nein. Den Mindestlohn haben wir für angelernte Pflegehilfskräfte eingeführt. Jede examinierte Pflegefachkraft verdient mehr als den Mindestlohn. Und dieser Lohn wird mit der zunehmenden Knappheit der Pflegefachkräfte noch steigen. Die Engpässe führen zu einer Lohnspirale nach oben, in Baden-Württemberg können wir das heute schon sehen.

Unternehmer.de: Warum plädieren Sie als Unternehmen dann für Mindestlöhne?

Friedhelm Fiedler: Aus zwei Gründen. Zum einen meinen wir, dass anspruchsvolle Pflegearbeit auch gut bezahlt werden sollte. Und zum Zweiten ist der Mindestlohn wichtig, wenn der Arbeitsmarkt nach Osten geöffnet wird.

Unternehmer.de: Durch das Arbeitnehmer-Entsendegesetz dürfen auch andere EU-Bürger bei uns arbeiten.

Friedhelm Fiedler: Genau, ab 1. Mai 2011 darf beispielsweise eine polnische Pflegerin, die bei einem polnischen Unternehmen angestellt ist, auch in Deutschland arbeiten. In diesem Fall gilt für sie dann aber auch der deutsche Mindestlohn. Der Mindestlohn ist wichtig, damit osteuropäische Pfleger nicht den Markt mit Dumpinglöhnen kaputt machen.

Unternehmer.de: Sie sind auch Mitglied der Geschäftsleitung von ProSeniore, Deutschlands größtem Altenheim-Anbieter. Was hat sich durch den Mindestlohn bei Ihnen verändert?

Friedhelm Fiedler: Gar nicht so viel. Wir sind sehr froh, dass es jetzt einen flächendeckenden Mindestlohn gibt. Das ist wichtig für das Image der Branche, um weiterhin für Pflegekräfte attraktiv zu bleiben.

Unternehmer.de: Wie viele ihrer über 9.000 Pflegemitarbeiter haben denn vom Mindestlohn profitiert?

Friedhelm Fiedler: Ganz ehrlich: Fast bei niemanden mussten wir das Gehalt anheben – bei uns haben auch vor dem Mindestlohn schon die allermeisten Mitarbeiter über 7,50 pro Stunde verdient. Besonders betroffen von der Einführung waren ambulante Dienste im ländlichen Raum. Weil sie bei den Kassen nur die Pflege abrechnen dürfen und nicht die meist langen Fahrzeiten zwischen den Patienten, wurde das durch die Löhne der Pflegekräfte ausgeglichen. Nach der Einführung sind einige dieser Anbieter pleitegegangen, vor allem im Osten.

Unternehmer.de: In den Neuen Bundesländern verdienen die Pflegekräfte auch mit Mindestlohn einen Euro weniger pro Stunde als in den alten Ländern. Ist das noch zeitgemäß, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Friedhelm Fiedler: Grundsätzlich gibt es ein Lohngefälle zwischen Nord, Ost, West und Süd – in Süddeutschland wird am besten bezahlt. Und es gibt ein Gefälle zwischen Ballungsräumen und ländlichem Raum. Aber sie haben Recht: In fast allen neun Branchen mit Mindestlohn ist dieser im Osten geringer. Das liegt vor allem daran, dass die Euro-Kaufkraft in Deutschland-Ost mehr wert ist als im Westen. Sie können in einer brandenburgischen Kleinstadt viel preiswerter essen gehen als in NRW.

Unternehmer.de: Ungerecht ist die Bezahlung trotzdem.

Friedhelm Fiedler: Das Gefälle wird sich in den nächsten Jahren aufheben. Bis 2013 steigt der Mindestlohn in der Pflegebranche auf 9 Euro im Westen und 8 Euro im Osten. Prozentual gesehen ist der Anstieg in Deutschland-Ost da also viel höher.

Unternehmer.de: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Fiedler.

Das Interview führte Unternehmer.de-Reporter Uwe Wüllner.

Hintergrund:

  • In Deutschland gibt es bisher in neun Branchen Mindestlöhne: Neben der Pflegebranche gibt es eine Lohnuntergrenze auch im Baugewerbe, im Elektrohandwerk, bei Dachdeckern, im Maler- und Lackiererhandwerk, bei der Gebäudereinigung, bei Wäschereidienstleistungen und in der Abfallwirtschaft (einschließlich Straßenreinigung und Winterdienst).
  • Derzeit wird in der Politik darüber diskutiert, auch Mindestlöhne in der Zeitarbeitsbranche einzuführen.
  • Die Pflegebranche ist ein wachsender Bereich. Bis 2050 wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen auf bis zu 4,8 Millionen verdoppelt haben. Schon heute arbeiten mit 900.000 Beschäftigten mehr Menschen in Pflegeberufen als in der Automobilindustrie.

* Im Gegensatz zu 20 anderen europäischen Ländern existiert in Deutschland kein gesetzlicher Mindestlohn, sondern nur ein auf wenige Branchen begrenzter.
** Bei einer 40-Stunden-Woche

Die Mindestlohn-Reportage auf Unternehmer.de:

Mindestlohndebatte: Haarschnitt auf Staatskosten?

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*Im Gegensatz zu 20 anderen europäischen Ländern existiert in Deutschland kein gesetzlicher Mindestlohn, sondern nur ein auf wenige Branchen begrenzter

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