Wortwitz und Sprachgewalt – So ziehen Sie alle rhetorischen Register

Veröffentlicht am 23. April 2009 in der Kategorie Marketing & Vertrieb von

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Ob Konzepte, Präsentationen oder Vorträge - die ersten Zeilen sind die schwersten. Es gibt aber einige ganz praktische Tipps, mit denen Schreibblockaden sich überwinden und kreative Ideen sich fördern lassen. Z.B. mithilfe der BILD-Zeitung...

Die folgenden Hinweise sind eine bunte Mischung meiner eigenen Erfahrungen. Darum sind sie weder allgemeingültig noch funktionieren sie bei jedem.

Schreibhemmungen und -blockaden überwinden

Ernest Hemingway, Franz Kafka, J.R.R. Tolkien und viele andere berühmte Autoren hatten mit ihnen zu kämpfen, die meisten von uns kennen sie. Schreibblockaden oder Schreibhemmungen äußern sich ganz unterschiedlich. Die berühmte Angst vor dem Blatt Papier gehört genauso dazu wie das Zu-viel-Grübeln vor dem ersten Satz, das Satz-für-Satz-Stottern oder körperliche Unruhe vor dem Schreiben oder währenddessen.

In vielen Fällen ist Angst die Ursache. Angst vor dem Termin, Angst vor dem scheinbar Unwiderruflichen des schriftlich Fixierten, Angst vor potenzieller Kritik, Angst davor, etwas falsch zu machen.

Vielfach äußert sich diese Angst in der Phrase vom Schreiben-Müssen: Ich muss die Rede, den Vortrag, die Präsentation schreiben.

Besinnen wir uns auf das Positive: Wir teilen unserer Umwelt unsere Gedanken mit und zeigen ihr, dass wir etwas zu sagen haben. Wer etwas zu sagen hat, hebt sich von der Menge ab. Wer sich von der Menge abhebt, wird beachtet. Weil dieses Bewusstsein häufig noch nicht dazu führt, dass die Tastatur zu glühen beginnt, hier einige Hilfestellungen:

  1. Einfach anfangen: Der Computer ist nur eine Maschine. Er bewertet nicht, kritisiert nicht und bildet geduldig jene Wörter ab, die wir eingeben.
  2. Ideen einem Diktiergerät anvertrauen: Der Weg übers Mündliche hilft, wenn wir über eine Sache reden, aber (noch) nicht schreiben können.
  3. Notizen sammeln und notieren: Wenn jeder Gedanke einen Zettel bekommt, können wir die Reihenfolge beliebig verändern. Zudem schmecken die ausgesonderten hervorragend unserem Freund, dem Papierkorb.
  4. Stolz sein: auf einzelne Formulierungen, Satzfetzen, Ideen.
  5. Mit jemandem darüber reden: Heinrich v. Kleist dazu in seinem Aufsatz „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden“: „[…] Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht hervorgebracht haben würde“ (Kleist 2007: 27).
  6. Grübeln (Brüten) vermeiden: Wenn’s nicht wird, wird’s nicht (toller Satz!). Nutzen Sie die Zeit für andere Dinge, am besten körperlich. Ihr Unterbewusstsein wird es richten.

Kreativität fördern - Die Mythen

Grob verallgemeinernd kann man von Kreativität als einer Fähigkeit sprechen, Bekanntes neu zu kombinieren und demnach ein zuvor unbekanntes Resultat zu entwickeln, das so noch nie existiert hat. Viel ist in den letzten Jahren über diesen Zauberbegriff und ihn fördernde Techniken geschrieben worden, darunter befinden sich zwei Mythen, die es zu entzaubern gilt:

  • Mythos 1: Im Team entstehen neue Gedanken schneller und effektiver.
  • Mythos 2: Brainstorming ist Viagra fürs Gehirn und lässt neue und vor allem kreative Ideen sprießen.

Sehen wir uns zuerst das Team an. Im Grunde ist es nichts anderes als eine temporär zusammengestellte Gruppe. Wie bei der Gruppe der Zuhörer  wirken auch hier Prozesse, die sich negativ auswirken:

  • Konformitätsdruck: Gruppenmitglieder neigen dazu, das Verhalten und die Meinungen der jeweils anderen anzunehmen.
  • Gruppennormen: In Gruppen bilden sich - meist unbewusst - bestimmte Verhaltensnormen heraus. Abweichungen davon werden nur wenig toleriert.
  • In-group und out-group: Mitglieder einer Gruppe bevorzugen Mitglieder ihrer eigenen und setzen jene einer anderen Gruppe herab. Dabei ist es gleichgültig, nach welchen Kriterien die Gruppen gebildet wurden (zum Beispiel eine rote und eine blaue); die Herabsetzung kann sogar feindliche Reaktionen nach sich ziehen. So haben Sozial-wissenschaftler in einem Ferienlager willkürlich Gruppen von Kindern gebildet. Schon bald zeigten sich Wir-gegen-die-Gefühle, die zu verschiedenen Formen offensichtlicher Feindseligkeiten führten. Erst gemeinsam zu erledigende Aufgaben, ein gemeinsam zu erreichendes Ziel beendeten die Feindseligkeiten. Dies funktioniert auch bei Erwachsenen (vgl. Cialdini 2007: 229 f.). Das heißt aber nicht, dass in der nun größeren Gruppe die erwähnten negativen Tendenzen nicht aufträten.
  • Soziales Bummeln: Gruppenmitglieder neigen unbewusst dazu, sich auf Kosten der anderen auszuruhen und in ihren Anstrengungen nachzulassen; bekannt ist dies Phänomen auch durch die Paraphrasierung des Begriffes Team: ‚Toll, ein anderer macht’s’.

Kommen wir zum zweiten, hartnäckig sich haltenden Mythos, dem Brainstorming. Bereits fünf Jahre, nachdem Alex Osborn seine Theorie veröffentlichte, konnten Psychologen der Stanford-University nachweisen: Einzelne Personen erzeugen in einer bestimmten Zeitspanne nicht nur mehr, sondern auch bessere Ideen als in der Gruppe. Das war 1958. Warum sich der Glaube an die ideenfördernde Wirkung des Brainstormings hartnäckig hält, soll hier nicht diskutiert werden.

Eine Vermutung der Psychologen lautet: Die Teilnehmer selbst haben mehr Freude am Gemeinsamen und sind der (irrigen) Meinung, dass sie mehr Ideen entwickeln. Auf gut Psychologisch heißt das: verzerrte Wahrnehmung. Fest steht, dass auch nachfolgende Untersuchungen immer zu ähnlichen Resultaten kommen und diese bestätigen.

Wirklich kreative Texte können also nur von einer Person geschrieben werden, eben wenn der Gruppendruck fehlt und der Einzelne sich zurückziehen kann. Dies ist allerdings kein Widerspruch zum Vorhergesagten. Ideen holen wir uns auch im Gespräch mit anderen. Geschriebene Texte oder Textpassagen müssen wir sogar mit mehreren besprechen.

Kreativität fördern - Die Fakten

Schreiben aber sollten wir allein und möglichst in einer entspannten Atmosphäre! Zugleich ist es besser, wenn wir Kreativitätstechniken, die in der Gruppe durchzuführen sind, kritisch gegenüberstehen, denn - trotz des postulierten Kritikverbots beim Brainstorming - wirken die oben beschriebenen Normen samt ihrer beschriebenen negativen Auswüchse genau hier. Als förderlich, um kreatives Potenzial zu heben, haben sich hingegen andere Faktoren erwiesen:

  • Intrinsische Motivation: Menschen widmen sich einer Sache um ihrer selbst willen. Im Gegensatz dazu steht die extrinsische Motivation. Hier erwächst die Motivation aus den Konsequenzen, die folgen (Lob, Geschenk, Anerkennung …). Der Extremfall intrinsischer Motivation wird vom Motivationsforscher Csikszentmihalyi „Flow“ genannt. Das „Fließen“ bezeichnet einen Zustand, in dem der Mensch von einer Aufgabe völlig gefangen wird und ihr nachgeht.
  • Interesse und Neugier: Eng mit intrinsischer Motivation hängen Interesse und Neugier für ein bestimmtes Thema zusammen. Selbst wenn scheinbar alles gesagt, alles gedacht wurde - es gibt immer wieder andere Blickwinkel auf einen Sachverhalt, der Erstaunliches zutage fördert. Was bedeutet Atom? Das Unteilbare. Wer steht im Mittelpunkt? Die Erde. Was ist sie? Eine Scheibe. Von deren Rand man unweigerlich abstürzen wird. Wenn es keine Neugier gegeben hätte, wären jene „Wahrheiten“ noch heute unumstößlich.
  • Nonkonformismus, Überzeugung, Selbstvertrauen und Zielorientierung: Galilei, Einstein, Kolumbus und andere hätten nie ihre Ziele erreicht, wenn sie dem Zeitgeist gefolgt wären und auf die wohlmeinenden Stimmen ihrer Zeitgenossen gehört hätten. Die kritische Einstellung gegenüber tradierten Normen hilft den Nonkonformisten und Zielorientierten dabei, andere Lösungen zu finden, eben weil sie einen Sachverhalt auch aus einer anderen Sicht betrachten können (‚Man fängt eine Rede an, indem man die Zuhörer begrüßt.’ ‚Wer sagt das?’).

Welche Schlüsse lassen sich aus den genannten Punkten ziehen? Betrachten Sie den zu schreibenden Text nicht als Last, sondern als Lust. Er ist das preiswerteste Mittel, mit dem Sie sich aus der Masse herausheben können. Vertiefen Sie sich in die Aufgabe und suchen Sie nach anderen als den gewohnten Wegen und damit auch Resultaten.

Finden Sie neue Blickwinkel auf das Thema, fühlen Sie sich als Entdecker. Vor allem aber folgen Sie dem Rat von „Rosenstolz“: „Wenn du etwas anders bist als der ganze lahme Rest, wird die ganze Stadt langsam nervös, egal, lass sie nur reden …“ Genau das wollen wir ja mit einer Rede oder einem Vortrag erreichen! Dass andere über uns reden und wir anders sind als der ganze lahme Rest. Denn genau das ist das Kriterium einer Marke, die jeder haben bzw. verkörpern will.

Lesen, lesen, lesen

Sie verzichten auf BILD? Sollten Sie aber nicht, zumindest nicht immer. Mit dieser Zeitung können Sie lernen, wie man prägnant und zugleich unterhaltend schreibt. Einige Beispiele vom 20. Juni 2008, der Tag nach dem Sieg der deutschen Fußballer über Portugal:

  • „SCHWEINI-GEIL!“ (Wortspiel mit dem bekannten Adjektiv)
  • „Hund beim Arzt teurer als Mensch“ (Antithese)
  • „Bankraub für ihren neuen Busen“ (Paradoxon mit Alliteration = Anfangsreim)
  • „In Berlin sieht Kate Winslet ganz alt aus“ (Doppeldeutigkeit durch Phraseologismus)
  • „Charlotte Roche - Das ist ihr Feuchtgebieter“ (Doppeldeutigkeit durch Anspielung auf den Buchtitel)
  • „Das Stoppel-Ding von Sting“ (Neuschöpfung aus zwei vorgegebenen Begriffen)
  • „Ballack gibt Ronaldo den Rest“ (Phraseologismus mit Alliteration)
  • „In Ascot zeigt man wieder Mut zum Hut“ (Paronomasie = ähnlicher Klang unterschiedlicher Worte)

Diese wenigen Beispiele aus nur einer einzigen Zeitung bestätigen meine These aus Kapitel 1, wonach Schreibende beim Schreiben vom Inhalt zur Form gehen, nicht umgekehrt. Man frage die BILD-Autoren, ob sie wissen, welche rhetorischen Figuren sie dort angewendet haben, vor allem aber, ob sie dies bewusst taten: ‚Also, bei dieser Überschrift könnte ich ja mal einen okkasionellen Phraseologismus mit einer Alliteration koppeln. Oder macht sich ein Chiasmus besser?’

Die Beispiele zeigen auch, dass Information und Spiel mit den Worten kein Widerspruch ist, ganz im Gegenteil. Wenn wir unsere Gedanken sprach-spielerisch verpacken und prägnant übermitteln, werden sie von den Hörern schneller aufgenommen, eben weil das Hören nun mit Spaß verbunden ist.

Im Gegensatz zu BILD steht zum Beispiel DIE ZEIT. Als dickes Wochenblatt des Bildungsbürgertums greift es nicht nur andere Themen auf, sondern bearbeitet diese auch tiefgründig und mit einem anderen Sprachstil. Doch auch DIE ZEIT hat ihren Stil in den letzten Jahren geändert, nicht mehr trocken, sondern interessanter und manchmal sogar spritzig.

Bleiben Sie aber nicht bei Zeitungen und Magazinen stehen. Wer nachhaltig besser schreiben und damit reden will, sollte lesen, wessen er habhaft werden kann. Das beginnt bei Etiketten auf Shampoo-Flaschen und endet noch nicht bei Anzeigentexten. Lesen Sie zur Freude Ihrer Kinder deren Bücher, schmökern Sie wieder Märchen, lesen Sie Krimis, Plakate, Anzeigen und alles, was Ihnen unter die Augen gerät. (Ein besonderer Tipp: Lesen Sie Walter Moers, mehr Phantasie und Sprachspiel in Kombination geht fast nicht.)

Ihr Fundus an Worten und Stilrichtungen erweitert sich, was den Reden und Vorträgen zugute kommt. Wenn Sie aber mehr lesen, dann tun Sie dies bitte bewusster. Warum stolpere ich über jene Zeile? Weshalb ist mir dieser Satz nicht ganz verständlich? Warum überkommt mich jetzt ein leichtes Schmunzeln? Welchen Eindruck übt dieser Text auf mich aus und warum? Wenn Sie viel lesen, merken Sie: Alle kochen nur mit Wasser. Wenn Sie sehr viel lesen, entdecken Sie Fehler, Ungereimtheiten, Dinge, die Sie besser machen würden. Viel Spaß dabei!

(Bild: © Kadal - Fotolia.com)