Vorsicht vor Experten: Seien Sie lieber zu skeptisch als zu gutgläubig!

Veröffentlicht am 16. Mai 2012 in der Kategorie Marketing & Vertrieb von

Nichts ist unausrottbarer als unser Glaube, Experten sprächen a priori die Wahrheit. Wenn dieser „Experte“ dann auch noch einen Professorentitel trägt, scheinen wir unseren Verstand auf Sparflamme zu schalten. Mit dem unerschütterlichen Glauben an Experten haben wir selbst dieser Manipulation eine große Tür aufgemacht. Was ist eigentlich ein Experte? Grundsätzlich gibt es zwei Sorten. Jene mit akademischen Titeln und Experten kraft Aussage.

von Wolf Erhardt

Nicht jeder weiß, wie akademische Karrieren zustande kommen. Schon nach dem Grundlagenstudium beginnt die Spezialisierung. Die Diplomarbeit beleuchtet ein noch kleineres Feld der Erkenntnis, denn schließlich muss sie nicht etwa das Aufzählen empirischer Fakten enthalten, sondern eine eigene geistige Leistung. Das ist ziemlich schwierig geworden heutzutage, wo Millionen von Akademikern zum Beispiel im Fach Chemie ihre Diplomarbeiten schreiben. Man stürzt sich also auf einen winzig kleinen Teil der Leinwand, und malt mit einem Pinsel, der nur ein Haar hat.

Dann kommt der Doktortitel. Und wenn man ihn mit ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit erlangen möchte, muss man wissenschaftlich bisher Unergründetes finden. Das Stück Leinwand wird immer kleiner, mikroskopisch klein. Dann folgen Jahre als „Postdoc“ an irgendeinem Institut, an der Universität oder in der Freien Wirtschaft. Noch einmal wird der Fetzen der Forschung kleiner, dem der Wissenschaftler seinen Namen aufprägen kann. Bis zum ersehnten Professorentitel und so weiter und so weiter.

Auf keinen Fall ist man anschließend in der Lage, mit breitem Pinsel ein großes und prächtiges, meinetwegen auch nur impressionistisches Bild seiner kompletten Wissensdisziplin zu malen. Im Gegenteil. Schließlich ist man als Nobelpreisträger (die ultimative Stufe der akademischen Laufbahn) zu einem Fachidioten geworden, wird aber im Fernsehen als Genie herumgezeigt und darf alles sagen. Eigentlich ist man zur Fata Morgana geworden.

Der „gewöhnliche Experte“ wird einfach nur ausgelobt. Das Fernsehen – gerade die Privatsender – benutzt den Begriff ganz inflationär. Ein Experte im Fernsehen steht für die Richtigkeit der Aussagen – ein Nachweis für „Qualitätsjournalismus“. Ansonsten ist der Experte eine gelungene Marketing-Kreation. Nicht mehr und nicht weniger.

Das heißt nicht, dass alle Experte keine Ahnung haben. Die aktuelle Finanzkrise zeigt aber überdeutlich, dass wir uns Experten gegenüber völlig falsch verhalten. Wir sollten eher skeptischer sein – als gläubiger. Kaum ein Problem ist so simpel, dass es von nur einem einzigen Experten beschrieben oder gar gelöst werden kann.

Nobelpreisträger in der Küche

Wenn Sie in Ihrem täglichen Leben eher weniger mit Nobelpreisträgern zu tun haben – wie wäre es mit den vielfältigen Problemen beim Einbau Ihrer neuen Küche?

Sie benötigen einen Installateur. Der hat aber keine Ahnung von Elektrik. Dann muss ein Fachmann die schönen neuen Fliesen anbringen. Schließlich kommt noch der Maler, der verputzt und alles streicht. Anschließend brauchen Sie einen Eheberater, weil die Küche doch nicht so aussieht, wie Ihre Holde es sich vorgestellt hatte. Kämen Sie auf die Idee, diese Aufgaben einem Professor für Innenarchitektur zu übertragen? Das ist natürlich eine rhetorische Frage.

Nobelpreisträger melden Konkurs an

Ein klassisches Beispiel dafür, wie Experten sogar viele tausend Fachleute manipulieren konnten – gerade wegen ihres Nobelpreises – ist der Zusammenbruch des 1998 größten Hedgefonds: Long-Term Capital Management, kurz LTCM genannt.

Long-Term Capital Management (LTCM) war ein 1994 von John Meriwether (früherer Vize-Chef und Leiter des Rentenhandels bei Salomon Brothers) gegründeter Hedgefonds. Unter den Präsidenten waren auch Myron Samuel Scholes und Robert C. Merton, denen 1997 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen wurde.

Während der Währungskrise in Russland 1998 verspekulierten sich die Experten gehörig. LTCM stand nicht mehr genug Eigenkapital zum Ausgleich zur Verfügung und seine komplette Zahlungsunfähigkeit stand kurz bevor. In dieser Situation war ein Zusammenbrechen der US-amerikanischen und internationalen Finanzsysteme mehr als wahrscheinlich. Und das war 1998. Die ganze Börse hängt eben nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.

Wir kommen jetzt nicht wirklich weiter, wenn wir auf andere Erklärungsmuster ausweichen. Kahneman (ein berühmter US-amerikanischer Psychologe, Nobelpreis 2002) hat zum Beispiel einen schönen Spruch gemacht: „Geld wird nicht gezählt. Geld wird gefühlt.“ Und ein Hedgefond, der von zwei Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften geführt wurde, fühlte sich eben sehr gut an.

(Bild: © Andreas Haertle - Fotolia.de)