Interview: “Chefs müssen zuerst lernen sich selbst zu führen”

Veröffentlicht am 19. Oktober 2010 in der Kategorie Management & People Skills von

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Um ein guter Chef für seine Mitarbeiter zu sein, sind gewisse soziale Kompetenzen auf der Führungsebene unerlässlich. Der Vorgesetzte muss verstehen, dass er sowohl in der Lage sein muss, Lob und Kritik an seine Mitarbeiter auszusprechen, als auch auf Feedback zur eigenen Person angemessen zu reagieren.

Im Interview gibt Petra Klein, Trainerin und Coach der Steinbeis Beratung GmbH, Tipps, worauf es bei der Mitarbeiterführung ankommt.

Unternehmer.de: Mitarbeitermotivation ... eine schwierige Aufgabe?

Petra Klein: Mitarbeitermotivation ist zwar keine leichte, aber eine zentrale Aufgabe. Um sie zu lösen, ist es erforderlich, ein modernes Verständnis von Führung zu entwickeln. Dazu bedarf es der Bereitschaft, sich mit den eigenen Erwartungen, aber auch mit den Erwartungen der Mitarbeiter auseinander zu setzen. Wichtig ist auch der Mut, neue Handlungsmodelle auszuprobieren. Denn Mitarbeiter erwarten heute, dass der Vorgesetzte sie so weit wie möglich in die Verantwortung einbezieht und ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Kompetenzen zu erweitern. Moderne Führung sollte klare Rahmenbedingungen vorgeben, so dass der einzelne seine Stärken entwickeln kann, ohne sich überfordert zu fühlen. So kann das Innovationspotenzial ausgeschöpft werden, ohne dass die Mitarbeiter ständig kontrolliert und angetrieben werden müssen.

Unternehmer.de: Sind spezielle Soft Skills gefragt, wenn der Chef jünger ist als die Mitarbeiter? Welche?

Petra Klein ist Coach der Steinbeis Beratung GmbH

Petra Klein: Generell gilt: Wichtig ist ein offener, respektvoller und interaktiver Informations- wie Kommunikationsstil. Mitarbeiter fühlen sich dann am ehesten ernst genommen. Führungskräfte sollten sich auch bewusst machen, dass vor allem gemeinsam geteilte Ziele den Erfolg des Unternehmens bestimmen. Ist der Vorgesetzte jünger als seine Mitarbeiter sollte er deren Erfahrungen und Kompetenzen wertschätzen sowie anerkennen. Kooperative Führung darf jedoch nicht mit Inkonsequenz verwechselt werden. Die Kunst des Führens besteht darin, Menschlichkeit mit der nötigen Prise Autorität zu würzen. Soziale Kompetenzen sind in diesem Zusammenhang außerordentlich wichtig.

Unternehmer.de: Welche Kompetenzen werden speziell im Mitarbeitergespräch gefordert?

Petra Klein: In Mitarbeitergesprächen ist wichtig, auf den Mitarbeiter einzugehen und seine Beweggründe zu verstehen. Außerdem ist es sehr sinnvoll, mit Lob und Ermutigung zu arbeiten. Aber für das Lob muss es auch begründeten Anlass gegeben. Kritische Punkte sollen auf keinen Fall übergangen werden. Es ist im Gegenteil so, dass ein Lob doppeltes Gewicht hat, wenn klar ist, dass vom Vorgesetzten notwendige Kritik genau so offen angesprochen wird. Damit Mitarbeitergespräche, die im Übrigen einen enormen Einfluss auf das Engagement der Mitarbeiter haben, ihren besonderen Nutzen entfalten können, sollten die Führungskräfte über die entsprechenden Gesprächsführungskompetenzen verfügen. Diese sind Fertigkeiten, die sie sich in Trainings aneignen können.

Unternehmer.de: Lässt sich Chef-Sein lernen?

Petra Klein: Selbstverständlich. Für junge Führungskräfte ist es sinnvoll, sich einen guten Coach zu suchen, der sie darin unterstützt, zu einer Führungspersönlichkeit heranzureifen. Im Dialog lässt sich am ehesten klären, wie der Betroffene sein Potenzial stärker zum Tragen bringen kann und was ihn gegebenenfalls daran hindert, seine Führungsaufgaben zu bewältigen. Durch die sachkundige Begleitung eines erfahrenen Coachs können Klippen rechtzeitig erkannt und zum richtigen Zeitpunkt neue Weichenstellungen vorgenommen werden. Generell gilt, dass Chefs als Erstes lernen müssen, sich selbst zu führen, erst dann sind sie in der Lage, auch andere zu leiten. Der Vorgesetzte muss erkennen, worin seine persönlichen Ressourcen bestehen und wie er diese optimal einsetzen kann. In vielen Situationen muss eine Führungskraft auch einmal ein Risiko eingehen und dann selbstkritisch prüfen, wie erfolgreich die jeweilige Entscheidung war. Letztlich gilt, dass die in der praktischen Arbeit gewonnene persönliche Erfahrung mehr hilft als jede noch so plausible Theorie.

Unternehmer.de: Was kann man als Angestellter tun, wenn der Chef keinerlei Soziale Kompetenz hat?

Petra Klein: Angestellte haben in dieser Hinsicht nur begrenzt Einflussmöglichkeiten. Allerdings nutzen viele Unternehmen zur Führungskräfteentwicklung das so genannte „360-Grad-Feedback“. Dabei haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, ihren Chef zu beurteilen. Letzterer erhält so Informationen über seine berufliche Stärken und Schwächen. Dieses Wissen kann und sollte er für seine weitere berufliche und/oder persönliche Entwicklung nutzen. Lernen – und in der Folge Kompetenzentwicklung – ist nämlich ohne Feedback kaum möglich. Insofern kann auch der Angestellte mit dazu beitragen, dass sein Chef seine Sozialen Kompetenzen ausbaut –  sofern dieser willig dazu ist.

Unternehmer.de: Vielen Dank Frau Klein für das Gespräch!

Das Interview führte Unternehmer.de-Redakteurin Patricia Scholz.

(Bild: © BOOJOO - Fotolia.com)