Karrieremythen: „Manche Mythen wirken wie eine Zensur im Kopf!“

Veröffentlicht am 14. Juli 2010 in der Kategorie Management & People Skills von

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Immer wieder stehen sich Menschen selbst im Weg, wenn es um ihre Karriere geht. Ich bin zu alt. Ich habe kein Studium. Ich brauche einen Auslandsaufenthalt. Alles Annahmen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben?

Der Münchner Headhunter und Personalberater Marcus Schmidt räumt in seinem Buch "Die 40 größten Karriere-Mythen" mit den angeblich so wichtigen Karriereregeln auf. Unternehmer.de wollte von ihm wissen, was nun an den einzelnen Mythen dran ist.

Unternehmer.de: Herr Schmidt, wie kam Ihnen die Idee zu Ihrem Buch "Die 40 größten Karriere-Mythen: Ein Headhunter zeigt, worauf es wirklich ankommt"? Was war Ihr Antrieb?

Marcus Schmidt: In meinen Gesprächen mit Kandidaten und Mandanten tauchen immer wieder diese Karriere-Mythen auf. Also Vorstellungen darüber, wie Karriere „garantiert immer“ geht oder was eine Karriere „garantiert immer“ verhindert. Zum Beispiel der Mythos, dass man unbedingt ein Doppelstudium braucht, um Karriere zu machen. Oder eine bestimmte Einstiegsposition - etwa als Unternehmensberater - unumgänglich ist. Ich habe die häufigsten Vorurteile gesammelt und sie in meinem Buch für alle diejenigen widerlegt, mit denen ich kein persönliches Gespräch führen kann.

Unternehmer.de: Welcher Mythos hält sich in der Gesellschaft denn besonders hartnäckig? Warum, denken Sie, ist das so?

Marcus Schmidt: Mystifiziert wird vor allem das, was man selbst nicht abdeckt. Wer zum Beispiel Vorstandsassistent war oder wer einen MBA hat, der kann diese angeblichen Karriereturbos realistisch einschätzen. Viele Manager beurteilen vor allem die Karriere der anderen als geradlinig, während ihnen ihr eigener Lebenslauf vergleichsweise zufällig erscheint. Der medienöffentliche Lebenslauf eines DAX-Vorstands wirkt von außen betrachtet zwingend schlüssig. Und wenn der Vorstand noch promoviert hat und aus dem „Bürgertum“ kommt, ist schnell eine Erklärung für seinen Karriereerfolg parat.

Unternehmer.de: „Mit 50 ist man zu alt für Karriere.“ Stimmt diese Annahme wirklich nicht, oder gibt es auch Berufe, in denen man ab 50 noch große Sprünge machen kann? Was raten Sie Menschen, die einen solchen Beruf ausüben?

Marcus Schmidt: Dieser Mythos wirkt vor allem selbsterfüllend. Wer daran glaubt, erliegt ihm leichter. Generell kann natürlich jeder Job zur Sackgasse werden. Wenn ich ihn nämlich zu statisch begreife, mich nicht mit den Märkten und dem Wettbewerb mitentwickle und mich nicht selbst regelmäßig auch auf meine Motivation überprüfe. Ich bin überzeugt davon, dass man nur das dauerhaft gut machen kann, was einem auch Spaß macht.

Unternehmer.de: Ein anderer Mythos, den Sie entlarvt haben: „Netzwerke helfen immer bei der Karriereentwicklung.“ Also ruhig mal die Finger weg von Facebook, Xing & Co.?

Marcus Schmidt: Im Web 2.0 glauben Karrieristen zunehmend an die Unterstützungskraft von Netzwerken, die ja oft explizit als Business- und Karrierenetzwerk positioniert sind. Viele Teilnehmer offenbaren im Netz neben ihren Kontaktdaten auch sehr persönliche Informationen. Manche hinterlegen sogar ihren kompletten Lebenslauf. Netzwerke sind aber für sich genommen kein Wert. Sie sind lediglich ein Medium. Über sie verbreiten sich Informationen, die für den Betreffenden positive, aber eben auch negative Auswirkungen haben können. Natürlich kann der Einzelne durch sein virtuelles Netzwerk profitieren, indem er etwa von einem interessanten Jobangebot erfährt. Aber weder wird ihm dieser Job dann anonym angeboten, noch bleibt im Zweifel sein Interesse dafür anonym. Er bewirbt sich quasi vor Publikum, also öffentlich. Und bezahlt so in jedem Fall auch für das Angebot durch Preisgabe von Informationen – etwa die seiner grundsätzlichen Verfügbarkeit. Und im Fall der Ablehnung auch die der Nichteignung.

Unternehmer.de: „Karriere macht nur, wer nach unten tritt und nach oben buckelt.“ Leben deshalb so viele die Ellenbogenmentalität aus?

Marcus Schmidt: Viele Mythen halten sich auch deshalb, weil sie eine Scheinsicherheit bieten. Wer sich in einer als chaotisch empfundenen Welt an solchen Regeln orientiert, muss nicht so häufig individuelle Entscheidungen treffen, wie er sich situativ jeweils verhalten soll. Die Quittung kommt dann allerdings später, weil gerade so ein normiertes, nicht mehr zeitgemäßes Verhalten ins Karriere-Aus führt.

Unternehmer.de: Auch nur Mythos? „Alternativen überlegt man sich, wenn es im aktuellen Unternehmen nicht mehr weitergeht.“ Für was plädieren Sie? Immer eine Alternative in der Hinterhand haben?

Marcus Schmidt: Viele sehen ihren aktuellen Job zwangsläufig als relativ sicher und berechenbar an. Sie können sich nicht vorstellen, dass sich Parameter ändern und merken oft zu spät, dass ihr Job abgewertet wird oder gar durch Outsourcing ganz verschwindet. Auch Unternehmensbereiche oder ganze Unternehmen können den Anschluss verlieren oder übernommen werden. Wer von Zeit zu Zeit eine Bestandsaufnahme macht und auch Alternativen durchdenkt und prüft, wird nicht kalt erwischt. Eine gute Testfrage dazu ist: Würde ich in meinen derzeitigen Job aktuell gern wieder einsteigen?

Unternehmer.de: Einer Ihrer Mythen sagt: „Man muss stets umfassend informiert und dauernd erreichbar sein.“ Man darf also auch mal die Zeitung nicht gelesen haben, den News-Feed ignorieren und das Handy ausschalten? Welche Vorteile bringt das?

Marcus Schmidt: Das schafft Abstand und Zeit zur Reflexion. Muße, die Informationen auch einmal zu analysieren und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Statt sich von jeder neuen Infowelle treiben zu lassen, kann man so besser Akzente setzen und damit echten Mehrwert schaffen.

Unternehmer.de: Gibt es auch einen altbekannten Mythos, der eigentlich keiner ist?

Marcus Schmidt: Bei den von mir untersuchten 40 Karrieremythen lässt sich keiner uneingeschränkt aufrechterhalten. Es gibt allerdings durchaus Unterschiede in der Rigorosität der Mythen. Manche Mythen wirken erfahrungsgemäß wie eine Zensur im Kopf, wenn es um scheinbar Uneinholbares, wie Alter oder sozialen Status geht. Wer hingegen etwa ‚nur’ sein Studienfach nach der aktuellen Mehrheitsmeinung ausrichtet und ohne Spaß einfach etwas scheinbar gut Vermarktbares studiert, vergibt vielleicht Freude am Studium, kann sich aber im Verlauf seiner Karriere doch immer auch noch auf seine Neigungen und Stärken besinnen.

Unternehmer.de: Nachdem Sie in Ihrem Buch 40 falsche Annahmen aufgedeckt haben, welche Tipps geben Sie, damit es mit der Karriere funktioniert?

Marcus Schmidt: Vermeiden Sie Empfehlungen, die Ihnen nicht selbst einleuchten, nur weil sie sich in der Vergangenheit scheinbar bewährt haben. Zudem sollten Sie mit jedem Schritt die Bandbreite an Optionen verbreitern. Das gilt für die Studienwahl oder die Promotion ebenso wie für einen Karriereschritt. Betrachten Sie Ihre Karriere gerade am Anfang äußerst modular. Sie werden nur in den wenigsten Fällen wirklich abschätzen können, wohin Sie Ihr Karriereweg führt. Alles, was Ihnen früh Breite und Tiefe gibt, kann ihnen später gerade unverhofft nützen. Das ist keine Aufforderung zur Verzettelung. Aber ein Aufruf, sich gegen konsequente frühe Verschulung, Verkaderung und Stromlinienförmigkeit abzugrenzen.

Unternehmer.de: Herr Schmidt, wir bedanken uns für dieses Gespräch!

Das Interview führte Unternehmer.de-Redakteurin Patricia Scholz.

Marcus Schmidt: Die 40 größten Karriere-Mythen

(Bild oben: © michanolimit - Fotolia.com)