Wenn Deutsche und Italiener zusammen im Meeting sitzen … (Teil II)

Veröffentlicht am 31. Mai 2010 in der Kategorie Management & People Skills von

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Das Bild, das Deutsche und Italiener voneinander haben, ist weitgehend von Klischees geprägt. Faktisch wissen beide Nationalitäten recht wenig voneinander. Entsprechend oft kommt es zu Missverständnissen und Irritationen, wenn Deutsche und Italiener zusammen arbeiten.

Small Talk schafft Verbindung

Kommunikation ist in Italien stärker als in Deutschland mit Essen und Trinken verbunden. Das zwanglose Gespräch über Kunst, Sport, Ferien sowie die Familie dienen der Kontaktaufnahme und Beziehungspflege. Gern werden Familienphotos gezeigt.

In Deutschland werden in der Geschäftskommunikation politische und religiöse Themen eher gemieden, in Italien hingegen sind sie akzeptiert. Klischeehafte Themen wie Mandolinen, Mondschein und Mafia sollten für Deutsche im Small Talk mit Italienern aber tabu sein. Wichtig ist es, eine hohe Allgemeinbildung zu zeigen. Deutsche Geschäftsleute sollten im Gespräch mit Italienern nicht nur mit technischen Kenntnissen und beruflicher Erfahrung brillieren, sondern auch mittels ihres Wissens über Kunst und Kultur, Architektur und Design, Film und Literatur.

Mit dem hohen Wert von Beziehungspflege und Flexibilität geht in Italien ein anderes Zeitempfinden einher. Zwar gilt Pünktlichkeit auch in der italienischen Geschäftswelt als Ausdruck von Vertrauenswürdigkeit, allerdings ist in Italien die Toleranzgrenze höher als in Deutschland. Das bedeutet, man kann in Norditalien mit Anstand 20, in Rom 30 und in Neapel 45 Minuten später als vereinbart zu einer Verabredung kommen. Als höflich gilt es jedoch, die Verspätung telefonisch anzukündigen.

Italiener sind es gewohnt, auf engem Raum miteinander zu arbeiten. Diese Gewohnheit setzt sich im Kommunikationsverhalten fort. Während Deutsche durchschnittlich eine Körperdistanz von 1 bis 1,50 Meter in der beruflichen Kommunikation halten, kommen sich Italiener 0,80 Meter bis Schulterschluss nahe und pflegen auch Körperberührung, ohne sich bedrängt zu fühlen.

Insgesamt ergänzen sich Deutsche und Italiener in ihrem Kommunikationsverhalten gut – vorausgesetzt sie akzeptieren ihre teils unterschiedlichen Kommunikationsstile und sind bereit, aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen: die eine Seite Eloquenz, die andere Seite Präzision.

Führungskräfte sind Autoritäten

In Italien divergiert der Führungsstil ebenso von Unternehmen zu Unternehmen und von Führungskraft zu Führungskraft wie in Deutschland. Entsprechend problematisch sind pauschale Aussagen. Für deutsche und italienische Unternehmen gilt jedoch: Sie haben verglichen mit angelsächsischen und skandinavischen Unternehmen tendenziell eher eine ausgeprägte Hierarchie und ihre Führungskultur ist autoritär. Trotz dieser Gemeinsamkeiten lassen sich Unterschiede feststellen. So ist der Führungsstil im italienischen Management noch stärker als in Deutschland von der formalen Hierarchie geprägt; des Weiteren von patriarchalen (Denk-)Strukturen. Meist gilt die unausgesprochene Regel: Der „capo“, also Chef, hat immer Recht und seine Anweisungen sind, ohne sie zu hinterfragen, zu befolgen. Bei Entscheidungen gilt sozusagen immer das Senioritätsprinzip.

In Italien fallen beim Besetzen von Führungspositionen weniger stark als in Deutschland Fachwissen und Expertenerfahrung ins Gewicht. Gefragt sind eher Generalisten mit Persönlichkeit. Persönliche Netzwerke spielen eine größere Rolle als in Deutschland.

Einmal in Position, müssen sich italienische Manager für ihre Mitarbeiter jederzeit als kompetente Ansprechpartner erweisen. Häufiges Fragen nach Information und/oder Erlaubnis gehören zur Norm. Aus deutscher Perspektive erscheint dies manchmal wie ein Mangel an Initiative. Im italienischen Kontext ist dies jedoch eine übliche Form, Kontakte und Beziehungen zu pflegen und Autoritäten den gewünschten Respekt zu erweisen.

Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig

Insgesamt ist das Verhältnis Führungskraft-Mitarbeiter in Italien eher personenorientiert, während in Deutschland der Fokus eher auf der Aufgabe liegt. Italienische Manager führen vorwiegend im persönlichen Kontakt. Aufgrund der permanenten beziehungspflegenden mündlichen Kommunikation wird der tendenziell eher autoritäre Führungsstil weniger als solcher empfunden.

Italienische Führungskräfte motivieren ihre Mitarbeiter weitgehend über den persönlichen Kontakt zu ihnen. Die Umgangsformen sind eher informell und wenig bürokratisch. Italienische Führungskräfte lassen ihren qualifizierten Mitarbeiter in der Regel große Gestaltungsfreiräume. Sie führen weniger als deutsche Manager über vereinbarte Pläne und Ziele sowie Regeln, Normen und Standards. Daraus resultiert wiederum ein hoher Bedarf an Kommunikation zwischen den Führungskräften und ihren Mitarbeitern, um sich auf das Vorgehen zu verständigen.

Deutsche Führungskräfte schätzen an ihren italienischen Kollegen meist deren Kreativität und Improvisationstalent in Krisensituationen; italienische Führungskräfte hingegen bewundern an ihren deutschen Kollegen oft deren präzise Planung und Organisation sowie Termineinhaltung. Damit sind, wenn diese Stärken zu stark ausgeprägt sind, jedoch zugleich negative Klischeebilder verbunden: „italienisches Chaos“ und „deutsche Inflexibilität“. Entsprechend ambivalent ist vielfach das Bild das „deutsche“ Führungskräfte von ihren italienischen Kollegen und umgekehrt haben.

Deutlich kann man jedoch feststellen: Die traditionellen Klischeebilder weichen zunehmend auf. Denn im Zuge der Globalisierung gleichen sich die Managementkulturen und Führungsstile in beiden Ländern an. Hinzu kommt: In beiden Ländern gelangen immer mehr Männer und Frauen in gehobene Führungspositionen, die ganz selbstverständlich ein, zwei Fremdsprachen sprechen und deren Identität und Lebensstil sich nicht nur aus nationalen, sondern auch internationalen Wurzeln speist. Auch dies trägt dazu bei, dass heute ein wechselseitiges Verstehen leichter möglich ist als noch vor wenigen Jahrzehnten – zumindest wenn man trotz aller Gemeinsamkeiten der nationalen (Business-)Kulturen auch deren Unterschiedlichkeit wertschätzt und akzeptiert.

Autoren: Dr. Susanne Müller & Ernesto Laraia

Die Unternehmer.de-Leserfrage:

Welche Erfahrungen haben Sie mit Italienern bzw. Deutschen im Unternehmensumfeld gemacht?

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(Bild: © amenasme  – fotolia.com)