Wenn Deutsche und Italiener zusammen im Meeting sitzen… (Teil I)

Veröffentlicht am 27. Mai 2010 in der Kategorie Management & People Skills von

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Das Bild, das Deutsche und Italiener voneinander haben, ist weitgehend von Klischees geprägt. Faktisch wissen beide Nationalitäten recht wenig voneinander. Entsprechend oft kommt es zu Missverständnissen und Irritationen, wenn Deutsche und Italiener zusammen arbeiten.

Die meisten Deutschen assoziieren mit Italien Sonne und Strand, Kunst und Kultur, Mode und Fußball sowie gutes Essen und einen vorzüglichen Wein. Zwar sind ihnen auch Unternehmensnamen und Marken wie Fiat, Pirelli, Armani und Versace bekannt, doch nur wenige wissen, dass Italien mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,3 Billionen US-Dollar die siebtgrößte Industrienation der Welt ist (IWF, 2008). Umgekehrt weiß man in Italien um die wirtschaftliche Stärke Deutschlands. Eher gering ist aber die Kenntnis der deutschen Lebensart sowie der jüngsten deutschen Geschichte.

Insgesamt gilt: Das wechselseitige Bild ist eher von Klischees als von einer realen Kenntnis geprägt. Und dies obwohl zwischen Deutschland und Italien enge Kontakte bestehen – auch wirtschaftlich. Das zeigt bereits die Tatsache, dass Deutschland mit einem Exportanteil von fast 13 Prozent und einem Importanteil von fast 16 Prozent Italiens wichtigster Handelspartner ist.

Entsprechend groß ist, bei aller bestehenden Unkenntnis das wechselseitige Interesse an interkultureller Information – auch weil Deutsche und Italiener im Kontakt miteinander immer wieder spüren: Es gibt kulturell bedingte Unterschiede im Wahrnehmen, Verhalten und Bewerten derselben Sachverhalte. Zugleich gilt jedoch: Den „Italiener“ gibt es nicht – ebenso wie „den Deutschen“.

Nicht nur wegen der individuellen Unterschiede, die es zwischen den Angehörigen jeder Nation gibt, sondern auch, weil in Italien die regionalen Unterschiede mindestens ebenso groß sind wie in Deutschland zwischen Nord- und Süddeutschland. Das zeigt sich allein schon darin, dass in Italien eine Partei wie die Lega Nord existiert, von deren Anhängern mancher von einer Loslösung Norditaliens von Süditalien träumt.

Mit einer entsprechenden Vorsicht sollte man allen Aussagen über die kulturell bedingten Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern begegnen, wenn man nicht die ohnehin vorhandenen Klischees verstärken möchte. Dies gilt auch für die folgenden Aussagen. Sie sind sozusagen nur Arbeitshypothesen (oder „Vor-Urteile), deren Gültigkeit es im realen Kontakt zu verifizieren gilt.

Unterschiedliche Kommunikationsstile

Große Unterschiede bestehen zwischen Italien und Deutschland in der Art zu kommunizieren. Deutsche pflegen häufig eine direkte und sachliche Ausdrucksweise. Sie sind jedoch in Gestik sowie Mimik und Körpersprache eher verhalten. Italiener kommunizieren im Allgemeinen emotionaler und expressiver. Dazu zählt auch ein simultanes Sprechen. Eine reiche nonverbale Kommunikation verstärkt in ihren Augen die Signalwirkung und fördert die Beziehungsentwicklung. Fehlen diese Elemente, wirkt auf Italiener der Kommunikationsstil meist hölzern und distanziert.

In Italien werden öfter als in Deutschland Komplimente ausgesprochen und auch gern angenommen. Deutsche reagieren auf Komplimente oft verlegen bis misstrauisch und werten die Botschaft mit einer Entschuldigung oder Erklärung ab. Eine solche Reaktion wird von italienischen Partnern häufig als Zurückweisung erlebt.

Deutsche zeigen ihr Interesse an einem Thema meist durch ein diszipliniertes Zuhören. Italiener hingegen signalisieren ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse, indem sie dem Redner immer wieder Zwischenfragen stellen. In der Anrede spielen Titel eine große Rolle. Jedem Akademiker gebührt ein „dottore“, „professore“ oder „ingeniere“.

In Italien setzt sich die Intelligenz stärker von der Allgemeinheit als in Deutschland ab – auch durch eine elegante Kleidung. Eine gepflegte äußere Erscheinung trägt in Zusammenhang mit kultivierter sprachlicher Kommunikation stark zur Sympathiegewinnung bei. Insgesamt vollzieht sich der Informationsfluss in Italien vorwiegend mündlich. Das „telefonino“, also Mobiltelefon, unterstützt diese Neigung.

Andere Meetingkultur

Die Vorliebe für ein wortreiches Diskutieren und Argumentieren zeigt sich auch in Meetings. Während man sich in Deutschland in einer Besprechung an die vereinbarte Tagesordnung hält und die Themen linear nacheinander abarbeitet, hat in Italien eine Agenda eine ähnliche Bedeutung wie eine Speisekarte im Ristorante. Es ist schön, dass man sie zum Reinschauen hat, man möchte aber immer:  Was ist die Tagesempfehlung von heute?

Die Gespräche in Italien verlaufen eher zirkular. Ein ausgeprägtes assoziatives Denken führt schnell zu einer Erweiterung des Themenkreises, zu vielen Optionen für die Lösung sowie zu Vor- und Rückgriffen in der Themenbearbeitung. Ein spontanes Einladen von Gästen, das simultane Besprechen von Teilthemen in Mikrogruppen und ein häufiges Verlassen des Besprechungsraumes – „con permisso“ – sind in Italien durchaus die Norm.

Deutsche Gesprächsleiter haben bei gemischten Gruppen oft Mühe, die italienische Kommunikationsfreude mit ihren Vorstellungen von Versammlungsdisziplin zu vereinbaren. Ein solcher Versuch würde zudem das italienische Klischee von der rechthaberischen, wenig kommunikativen und kreativen deutschen Führungskraft stützen und negative Reaktionen provozieren. Im Allgemeinen zählt in Italien das Wort mehr als die Schrift. Beim Auslegen von Vereinbarungen, Kontrollen und Regeln lässt man Flexibilität und Großzügigkeit walten. Schriftliche Anweisungen werden als Aggression empfunden.

Autoren: Dr. Susanne Müller & Ernesto Laraia

Die Unternehmer.de-Leserfrage:

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