Was im Leben wirklich zählt: Quo vadis, Homo Oeconomicus? (Teil I)

Veröffentlicht am 4. März 2009 in der Kategorie Management & People Skills von

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Schaffen wir den Paradigmenwechsel? Vielleicht kennen Sie auch noch den „Homo Oeconomicus“ aus Ihrer Schul- oder Studienzeit. Und vielleicht haben auch Sie mit kindlichem Erstaunen zugehört, als man Ihnen den Menschen als rational handelnden Nutzen- und Gewinnmaximierer erklärt hat. Es hat ja schon etwas Faszinierendes, wenn man als analytisch geschulter Mensch einen Ansatz kennen lernt, bei dem man Verhaltensweisen mathematisch sauber ableiten und beweisen kann. Der nach Wissen dürstende rationale Verstand hat meist seine wahre Freude dran.

Natürlich wird auch gesagt, dieses Kontrukt sei eine Abstraktion von der Wirklichkeit, um Handlungsweisen analytisch darstellen zu können. Doch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die rationale und auf den eigenen Vorteil bedachte Handlungsweise des Homo Oeconomicus bewusst oder unbewusst im wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Handeln als Paradigma Eingang gefunden hat und seit geraumer Zeit als Leitbild dient.

Gleichzeitig ist immer häufiger zu vernehmen, so gehe es nicht weiter. Jedoch, wenn einem die Füße und Hände durch Paradigmen und noch so gut gemeinten Glaubenssätzen und vorgefasste Meinungen festgenagelt sind, steht man still. Der Wunsch weiterzugehen mag zwar wirklich da sein, man kann sich jedoch nicht vorwärtsbewegen, weil man sich an etwas festhält. Entweder halten die Glaubenssätze die Füße wie angenagelt fest oder die Hände halten sich irgendwo am Geländer fest und gestatten kein Vorwärtskommen.

In der subjektiven Wahrnehmung scheint dies jedoch irgendwie das kleinere Übel zu sein, denn das Neue macht zumeist Angst - man kennt es halt nicht. Da einem die alten Strukturen eine vermeintliche Sicherheit bieten - man weiß halt worauf man sich da eingelassen hat - hält man daran fest. Dies scheint mit unseren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Denkmustern nicht anders zu sein, so hartnäckig, wie sie sich halten.

Wäre es nicht vorteilhafter, wenn man getrau dem Spruch, „Der menschliche Geist ist wie ein Fallschirm; er funktioniert am besten, wenn er offen ist“, bereit wäre, verhärtete Denkstrukturen zu hinterfragen und neue Ideen zuzulassen, also neue Wege zu gehen? Ein schönes Beispiel dafür ist wie ich finde, das Folgende:

Mir sagte mal ein alter Unternehmer, den man als knallhart im Geschäftsleben und als autoritäre Führungsperson titulieren würde, während wir seine Nachfolge regelten: "Alter steht nicht nur für Verfall, sondern auch für Entwicklung. Warum merkt das keiner?" Dann gab er sich gleich selbst die Antwort: "Weil die meisten Menschen Angst vor dem Alter haben. Und wissen Sie, was sich in der Angst vor dem Alter widerspiegelt? Leben, dem man keinen Sinn gegeben hat". Damit hinterfragte er nüchtern sein eigenes Leben.

Als er später erfuhr, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde, rief er mich spontan an und lud mich ein. In Erinnerung geblieben ist mir u.a. folgende Aussage: "Wissen Sie, der Tod ist eine Sache, die einen ziemlich traurig machen kann. Jedoch unglücklich zu leben ist eine ganz andere Tragödie. Wir sollten uns viel öfter die Frage stellen, ob wir ein Leben führen, dass uns erfüllt."

Wirtschaftskultur des Wettbewerbs und der Konkurrenz

Die Lebensweisheit dieses alten Unternehmers drückt meines Erachtens in wenigen Worten aus, was jeder Mensch früher oder später in seinem Leben für sich selbst herausfindet, nämlich, was im Leben wirklich wichtig ist. Eine Wirtschaftskultur, die sich als Nutzen- und Gewinnmaximierer sieht, die sich über Wettbewerb und Konkurrenzdenken definiert und im Gewinnstreben ihre Erfüllung sieht, steckt im Vergleich zu diesem Unternehmer meiner Meinung nach noch in den Kinderschuhen.

Ich frage, müssen wir erst alt werden, unser Unternehmen übergeben haben und dem Tod ins Auge sehen, bevor wir die Erkenntnis dieses alten Unternehmers haben? Fragen Sie sich vielleicht manchmal: „Lebe ich das Leben, das ich mir wünsche?“ „Bin ich der Mensch, der ich sein möchte?“ „Fühle ich mich mit mir wohl“? Und dies nicht nur privat, sondern in allen Ihren Rollen und Funktionen.

Neues ökonomisches Prinzip - gegenseitige Achtung und Wertschätzung

Der alte Unternehmer meinte, er hätte sein ganzes Leben lang nicht den Mut gehabt, eine wichtige Erkenntnis laut zu sagen. Er war der Meinung, andere hätten dies als Zeichen von Schwäche gewertet und er hätte sich damit geschadet; er sagte mir: „Wir glauben, dass wir Liebe nicht verdienen und dass es ein Zeichen von Schwäche ist, ihr Raum zu geben. Deshalb kämpfen wir lieber, schaffen Fronten und streben danach, immer der Sieger zu sein. Dabei ist zu lieben, Achtung voreinander zu haben und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen die einzige rationale Handlung. Diese Werte sind verbindend, sie entsprechen unserem wahren Wesenskern. Wertschätzung, Achtung und Liebe sind der Extremzustand von Konfliktlosigkeit. Es gibt nichts ökonomischeres als diese Werte zu leben.“

Nun, ich stelle die Frage: Ist diese Aussage die Gefühlsduselei eines alten Mannes, der den Blick für die Realität verloren hat? - Ich glaube nein! Die Fähigkeit, Verständnis zu haben, für sich selbst, für andere, Achtung und Wertschätzung sich selbst und anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, das ist es, was uns Menschen auszeichnet und das gilt für alle Lebensbereiche - auch für die Geschäftswelt. Und diese Werte sind es auch, die langfristige Vertrauensbeziehungen ermöglichen und die Voraussetzung für wirklichen Erfolg sind.

Gegenwärtig können wir gut beobachten, wohin die Orientierung am rational handelnden und auf seinen Vorteil bedachten Homo Oeconomicus führt. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass in der langfristigen Betrachtung wir uns mehr Schaden als Nutzen stiften, wenn wir uns auf unsere Fähigkeit zum rationalen Handeln beschränken und andere unserer Qualitäten ausgrenzen.

Könnte es sein, dass wir uns mit inzwischen empirisch widerlegten, überholten Lehrmeinungen und Glaubenssätzen verstrickt und festgefahren haben, wir uns das jedoch nicht so wirklich eingestehen wollen? Als rational denkender und handelnder Mensch, der die Welt hauptsächlich über den Verstand erlebt, fühlt man sich da vielleicht herausgefordert. Jedoch, ist es nicht so, dass sich Wirtschaft und Politik seit langer Zeit wie im Hamsterrad bewegen, nicht wirklich kreative Lösungsansätze für die Probleme unserer Zeit entwickeln und stattdessen Altes und Bekanntes immer wieder neu auflegen, um sich den Anschein zu geben, sie hätten alles im Griff? Gibt es Antworten, die aus dem Hamsterrad herausführen und wenn ja, wie können sie aussehen?

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(Bild: © Dejan Jovanovic - Fotolia.de)