Personalabbau nach der Krise: „Sechsstellige Abfindungen sind keine Seltenheit!“

Veröffentlicht am 7. September 2009 in der Kategorie Management & People Skills von

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GeldkofferWenn Großunternehmen Personal abbauen wollen, zahlen sie Mitarbeitern, die freiwillig ausscheiden, oft hohe Abfindungen. Auf die Empfänger wirkt dieser Geldregen oft wie ein Lottogewinn. Und dies hat zum Teil fatale Folgen. Davon ist der Karriere- und Newplacement-Berater Frank Adensam, Ludwigshafen, überzeugt. Bernhard Kuntz hakte nach.

Herr Adensam, zur Zeit gewinnt man den Eindruck, die Wirtschaftskrise neige sich dem Ende entgegen. Werden die Unternehmen trotzdem in den kommenden Monaten noch in einem größeren Umfang Personal abbauen?

Adensam: Ich befürchte ja, weil in vielen Unternehmen noch Überkapazitäten bestehen; des Weiteren besteht ein großer Neuorientierungs- und -strukturierungsbedarf. Häufig werden die Unternehmen jedoch versuchen, den Personalabbau möglichst geräuschlos zu gestalten – zum Beispiel mittels Abfindungsprogrammen.

Erhalten Mitarbeiter, die freiwillig aus den Unternehmen ausscheiden, heute höhere Abfindungen als früher?

Adensam: Ja. Früher galt die Faustregel: Pro Jahr Betriebszugehörigkeit erhält der Arbeitnehmer ein halbes Monatsgehalt. Doch inzwischen sind in vielen Branchen 0,8 bis 1,3 Monatsgehälter üblich. Und DAX-notierte Unternehmen zahlen sogar bis zu zwei Monatsgehälter pro Jahr Betriebszugehörigkeit, wenn sie trotz Betriebsvereinbarung Mitarbeiter abbauen möchten. Deshalb sind sechsstellige Abfindungen keine Seltenheit.

Ein verlockendes Angebot. Oder?

Adensam: Selbstverständlich. Denn wie lange müsste ein Arbeitnehmer ansonsten für diesen Betrag sparen? 20 oder 30 Jahre? Deshalb denkt sich mancher: Warum soll ich nicht die Abfindung einstecken und mir dann so schnell wie möglich eine neue Stelle suchen? Insbesondere dann, wenn er sich ausrechnen kann: Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich vermutlich, wenn die Betriebsvereinbarung ausläuft, entlassen – dann aber ohne Abfindung.

Diese Überlegung klingt vernünftig.

Adensam: Ist sie auch. Doch leider wird aus der raschen Stellensuche meist nichts. Denn selbst wenn die Betroffenen ‚freiwillig’ gehen, fallen sie anschließend oft in ein emotionales Loch. Hinzu kommt: Plötzlich haben sie das nötige Kleingeld und die erforderliche Zeit, um sich jahrelang gehegte Wünsche zu erfüllen – zum Beispiel endlich mal wieder länger als drei Wochen in Urlaub fahren. Also wird die Stellensuche vertagt.

Was ist daran gefährlich?

Adensam: Je länger eine Person arbeitslos ist, umso geringer ist ihre Chance, eine neue Stelle zu finden. Wer nach einem halben Jahr noch arbeitslos ist, dem unterstellen viele Personaler: Der hat sich ans Nichtstun gewöhnt. Und: Wenn der wirklich gut wäre, hätte er schon eine neue Stelle gefunden. Deshalb sollten Arbeitnehmer, die ihre Stelle verlieren, so früh wie möglich damit beginnen, sich einen neuen Job zu suchen. Denn meist vergehen zwischen dem Beginn der Suche und dem Antritt der neuen Stelle mindestens sechs Monate.

Zuweilen bietet der alte Arbeitgeber Unterstützung bei der Stellensuche an – zum Beispiel, indem er eine Karriereberatung bezahlt. Sollten Arbeitnehmer ein solches Angebot nutzen?

Adensam: Auf alle Fälle! Und wenn ihnen ihr Arbeitgeber dieses Angebot nicht macht, dann sollten gerade Empfänger hoher Abfindungen erwägen, einen Teil hiervon selbst in eine solche Beratung zu investieren.

Warum?

Adensam: Vielen berufserfahrenen Arbeitnehmern erscheint das, was sie oft jahrzehntelang in ihrem Job taten, als ganz selbstverständlich. Deshalb ist ihnen nicht bewusst, welche besonderen Fähigkeiten und Erfahrungen sich dahinter verbergen, die für andere Arbeitgeber interessant sein könnten. Also wissen sie auch nicht, welche Pfunde sie beim Sich-bewerben in die Waagschale werfen können. Hinzu kommt: Wer sich jahrelang nicht bewarb, kennt die aktuellen Anforderungen des Marktes an Bewerber nicht. Er weiß auch nicht, wie er einen Zugang zum unsichtbaren Stellenmarkt findet, über den mindestens 60 Prozent der offenen Stellen besetzt werden.

Müssen sich erfahrene Arbeitnehmer anders bewerben als Berufseinsteiger?

Adensam: Ja. Von ihnen wollen die Betriebe ganz präzise wissen, warum sie für bestimmte Stellen attraktive Kandidaten wären. Dies darzustellen, fällt vielen schwer. Hinzu kommt: Die Unternehmen gestehen berufserfahrenen Arbeitnehmern nur eine geringe Einarbeitungszeit zu. Sie sollen von Anfang an funktionieren. Deshalb muss die Stelle haargenau zum Bewerber passen. Sonst ist er nach wenigen Monaten wieder arbeitslos.

Herr Adensam, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Bernhard Kuntz. Mehr über ihn erfahren Sie in der unten stehenden Autoren-Information. Frank Adensam ist ebenfalls Autor auf Unternehmer.de.

(Bild: © Taffi - Fotolia.com)