Vom fehlenden Vertrauen in der Geschäftswelt … [Kolumne]

Veröffentlicht am 23. Juni 2014 in der Kategorie Management & People Skills von

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Vom fehlenden Vertrauen in der Geschäftswelt ... [Kolumne]Angeblich lebt unsere Gesellschaft vom Vertrauen. Davon ist aber nicht mehr viel übrig. Vielleicht wäre eine gehörige Portion Skepsis wichtiger.

Vor ein paar Tagen bat mich die Degussa-Bank in einem Fernsehspot, Ihr doch bitte mein Vertrauen zu schenken für ein neues Anlageprodukt in Gold. Bevor ich mich allerdings entscheiden konnte, war der Spot vorbei. Die Finanzmenschen sind im Moment nicht zu beneiden: Sie müssen schwer rödeln, um aus dem Schlamassel wieder rauszukommen, den sie da 2008 mit ihrer weltweiten Zockerei angerichtet haben. Mit den Politikern zusammen bilden Sie regelmäßig den Schluss jeder Umfrage. An der Spitze in der Regel Hebammen und die Feuerwehr. Beides Berufe, auf die der normale Bürger im Alltag eher selten trifft. Aber das ist eine gute Frage: Was machen die beiden anders? Was können wir von ihnen lernen?

Musikantenstadl im Kreissaal

Vielleicht bedienen beide ja eine subtile Heils- und Rettungserwartung bei uns. Das würde jedoch nicht erklären, warum das Image der evangelischen und katholischen Kirche, die diesen Anspruch früher ja gepachtet hatten, völlig ramponiert ist. Ich selber - das sage ich gleich vorab - habe dieses ganze Vertrauens-Gedöns über Bord geworfen. Für mich sind Misstrauen und Skepsis das neue Vertrauen. Ich zweifele lieber als dass ich glaube.

Und ich glaube eben, dass Menschen fehlbar sind und Unternehmen auch nur aus Menschen bestehen. Soziologen und Psychiater erzählen uns zwar, Vertrauen sei der Grundstein unseres sozialen Zusammenhalts. Ohne Vertrauen gehe gar nix. Grundsätzlich mögen sie recht haben: Als Babies werden wir ja mit einer gehörigen Portion Urvertrauen geboren. Da haben wir freilich noch keine einzige Sendung des Musikantenstadl gesehen und noch nie einem Immobilienmakler gegenübergesessen. Wenn wir, etwa 50 Jahre später, das richtige Leben kennengelernt haben, ist fast alles Vertrauen weg. Das haben wir toll hingekriegt: Das, was wachsen und sich vermehren soll, stirbt im Laufe unseres Lebens aus.

Nicht nur im Beruf, nein, auch in unseren privaten Beziehungen. In einer Studie sollten Paare auf einer Skala von 1-100 den Grad des Vertrauens markieren, den sie ihrem jeweiligen Partner entgegenbringen. Gerade einmal 20 Prozent zeigten auf den Punkt 100. Alle anderen stromerten so bei 80-90 Prozent herum. Das Signal ist deutlich: Hundertprozentiges Vertrauen ist in unserer aufgeklärten Welt offenbar nicht mehr zeitgemäß. Nur wer sich ein bisschen Misstrauen und Zweifel bewahrt, geht als mündiger Mensch anstatt als Trottel durch. Das Problem ist nur: Die 10 Prozent Misstrauen werden das verbliebene Vertrauen ganz schnell auffressen. Wie ein Krebsgesschwür. Unaufhaltsam und unerbittlich. Da können Sie das mit dem Vertrauen auch gleich lassen.

Vertrauen für Hartmut Mehdorn

Wem vertrauen SIE eigentlich noch? Noch so richtig, so richtig 100 Prozent? Die Auswahl ist klein geworden, in der Tat. Unser Vertrauen zerschellt immer wieder in schöner Regelmäßigkeit an der Realität so wie die Atlantikwellen an den Küstenfelsen von Cornwall. Außerdem haben Politiker, Marketingleute und viele andere dazu beigetragen, dass der Begriff Vertrauen schlichtweg degeneriert ist: Mitte Februar sprach der Berliner Oberbürgermeister Klaus Wowereit dem Chef des Hauptstadtflughafens, Hartmut Mehdorn, öffentlich sein Vertrauen aus. Der Satz zerlegt sich von ganz alleine in seine satirischen Einzelteile, ohne dass man ein weiteres Wort über ihn verlieren muss.

Ein Fußballtrainer, dem der Vorstand das Vertrauen ausspricht, kann für die Woche darauf schon mal seine Sachen packen. Sobald wir öffentlich von Vertrauen sprechen, hat sich offenbar bereits die Schablone des Misstrauens über den Vorgang gelegt. Das ist ein interessanter Zusammenhang. Nun kann ich das alles soziologisch erklären, etwa darauf hinweisen, dass Vertrauen einfach ein unwillkürlicher Reflex auf die zunehmende Komplexität unserer Welt ist; dass wir viele Wirkungszusammenhänge nicht mehr verstehen und daher bestimmten Dingen einfach „vertrauen“ müssen. Meistens aber nehmen wir die Komplexität ja nur unreflektiert hin, wir „vertrauen“ ihr ja nicht. Denn Dingen, die ich nicht verstehe, kann ich nicht vertrauen.

Ich kann sie höchstens „glauben“. Wenn mein Kunde nicht richtig weiß, was ich tue, kann er mir auch nicht vertrauen. Mitarbeitern kann ich als Führungskraft dann nicht vertrauen, wenn ich sie nicht kenne. Wir aber vertrauen uns Bergführern an, über die wir nichts wissen und völlig unbekannten LkW-Fahrern, die uns mithilfe ihres Blinklichts zum Überholen ermuntern. Was für ein Glück, dass ich misstrauisch bin.

Vom fehlenden Vertrauen in der Geschäftswelt ... [Kolumne]Ethik, Kontrolle & Transparenz

Wenn es mit dem Vertrauen nicht mehr so richtig klappt, antworten wir meistens mit Ethik, Kontrolle oder Transparenz. Mit tausenden Richtlinien und hehren Forderungen überziehen wir Unternehmen, Wirtschaft und Politik. Doch auch das hilft in der Regel nicht, denn niemand schaut da mehr durch, niemand kann all das mehr lesen, niemand kann all das mehr leisten. Wir werden nun mal kein Gut-Engel-Land. Leider haben Worte wie Misstrauen, Skepsis, Nachfragen keinen guten Klang in unserer Welt. Warum eigentlich nicht? Meine Fähigkeit, erst einmal darüber nachzudenken, welche Interessen den anderen bewegen, was ihn motiviert, was er erreichen will, haben mich in meinem Leben vor der ein oder anderen Fehlentscheidung bewahrt. Immer auch mit dem Negativen zu rechnen, immer auch zu kalkulieren, dass bestimmte Dinge nicht so sind, wie es uns dutzende von Menschen um uns herum einflüstern wollen, ist eine durchaus sinnvolle Fähigkeit zum Überleben.

Warum trauen wir uns nicht einzuräumen, dass wir auch gegenüber unseren Mitarbeitern skeptisch sein dürfen, ja müssen? Dass es falsch ist, ihnen blind zu vertrauen und sich nachher zu beschweren, dass das Projekt in Scherben vor einem liegt. Wenn schon Vertrauen, dann muss Vertrauen genau definiert sein, dann müssen konkrete Erwartungen vereinbart werden. Worauf bezieht sich das Vertrauen?

  • Dass der Mitarbeiter sein Bestes gibt?
  • Dass er eine innovative Idee bringt?
  • Dass das Projekt Kosten spart?
  • Dass es so wird wie sich das die Führungskraft selber vorstellt?

Vertrauen ist eben sehr anstrengend. Und wenn Sie das mal auf Ihre privaten Beziehungen spiegeln, werden Sie denselben Mechanismus finden: Wenn Sie nicht genau definieren, worauf sich das Vertrauen beziehen soll, dann prophezeie ich Ihnen schon jetzt, dass Sie sich bald vor einem Scheidungsrichter wiedersehen werden. Das hat zumindest ein Gutes: Dem können Sie mit Sicherheit vertrauen – oder?

 

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