Qualifizierte Stellen für junge Mütter und ältere Frauen? Fehlanzeige!

Veröffentlicht am 4. Juli 2012 in der Kategorie Management & People Skills von

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Viel Prosa, aber wenig, was mir hilft – so lautet das Votum vieler Frauen, wenn man mit ihnen über die Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf spricht. Denn beim Bewerben sammeln sie die Erfahrung: Qualifizierte Teilzeitstellen gibt es immer weniger, während die Zahl der Minijobs steigt.

Klaus Demand, Inhaber eines Ingenieurbüros in Darmstadt, war überrascht. Mit „maximal 15 bis 20 Bewerbungen“ hatte er als Reaktion auf seine Stellenanzeige in der Wochenendausgabe der örtlichen Tageszeitung gerechnet. Doch als er montagmorgens – also zwei Tage nach Erscheinen der Anzeige – in sein Büro kam, lagen im Briefkasten bereits ein halbes Dutzend Bewerbungen. Und in seinem E-Mail-Account? Dort fand er nochmals doppelt so viele.

Und der Bewerbungsstapel wuchs. Insgesamt 176 Frauen und fünf Männer bewarben sich in der zweiwöchigen Bewerbungsfrist auf die Teilzeitstelle einer „Bürofachkraft“. Und dies obwohl in der „eher mickrigen Stellenanzeige“, so Demand, eigentlich „nichts Tolles“ versprochen wurde – außer einer „relativ freien Zeiteinteilung“ und einem „guten Gehalt“. Trotzdem bewarben sich sogar promovierte Betriebswirtinnen. Und was Demand noch mehr überraschte. Mindestens zehn Interessentinnen fragten, bevor sie sich bewarben, nach: Handelt es sich bei der Stelle auch wirklich um keinen Minijob, sondern eine „sozialversicherungspflichtige Teilzeitstelle“ – „gerade so, als könnten sie es nicht glauben, dass es so etwas noch gibt“, berichtet Demand.

Probleme haben junge Mütter und ältere Frauen

Daraufhin schaute der Inhaber des Ingenieurbüros sich nochmals an: Was für Frauen bewerben sich eigentlich? Und er stellte fest: Fast 80 Prozent der Bewerberinnen sind Mütter heranwachsender Kinder. Und eine zweite starke Bewerbergruppe sind Frauen über 50, die in der Regel schon ein, zwei Jahre arbeitslos sind.

Interessiert fragte Demand denn auch bei den „durchweg sehr gut qualifizierten Frauen“, die er zu Vorstellungsgesprächen einlud, nach: Warum bewerben Sie sich eigentlich bei so einer kleinen Klitsche? Dahinter steckte die Frage: Bei Ihrer Qualifikation müssten Sie doch eine attraktivere Stelle finden? Die mehr oder minder verklausulierte Antwort der jungen Mütter: Wir haben wenig Alternativen. Denn faktisch werden auf dem Arbeitsmarkt kaum qualifizierte Teilzeitstellen angeboten. Entweder handelt es sich um Minijobs oder Vollzeitstellen, die ich mit der Betreuung meiner Kinder nicht vereinbaren kann. Und die Frauen über 50? Sie antworten oft ähnlich wie die ehemalige Marketingleiterin eines Pharmaunternehmens: „Mit 53 Jahren habe ich meinen Zenit am Arbeitsmarkt überschritten. In meiner alten Position will mich niemand mehr haben.“

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „Fachkräftemangel“ – seit Jahren liest und hört man diese Schlagworte in den Medien. Und Bundesarbeitsministerin von der Leyen wird nicht müde zu betonen, wie gut der Arbeitsmarkt zur Zeit sei. Besagte Frauen spüren davon offensichtlich wenig. Im Gegenteil! Gerade für Mütter scheint es heute – anders als von Bundesfamilienministerin Schröder oft betont – meist sogar schwieriger als früher zu sein, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Weniger qualifizierte Stellen, mehr Minijobs

Denn Fakt ist: Viele qualifizierte Teilzeitstellen wurden in den zurückliegenden Jahren in Minijobs zerschlagen. Wenn aus einer Stelle zwei oder drei werden, wirkt sich das zwar positiv auf die Arbeitsmarktstatistik aus, doch für Frauen, die auch wegen ihrer Altersvorsorge eine sozialversicherungspflichtige Teilzeitstelle von 15 oder 20 Wochenstunden suchen, bedeutet dies vielfach „rien ne va plus“ – nichts geht mehr.

Zugleich fand bei vielen Vollzeitstellen nicht nur eine Arbeitsverdichtung statt. Aufgrund der zunehmend praktizierten Projektarbeit können Frauen, die regelmäßig um 16 Uhr das Büro verlassen müssen, diese Stellen häufig nicht mehr wahrnehmen – ein Grund, warum zum Beispiel eine Frankfurter Architektin ihre Position als Projektmanagerin bei einem Baukonzern aufgab und stattdessen eine Stelle beim städtischen Bauamt annahm – obwohl sie dort ein Drittel weniger verdient. „Doch jetzt habe ich regelmäßige Arbeitszeiten. Und ich werde von Kollegen nicht mehr schief angeschaut, wenn ich nach Hause gehe, während sie noch schuften.“

„Frauen-Jobs“ wurden häufig ausgelagert

Viel Prosa, aber wenig, was mir hilft – so lautet das Votum vieler Frauen, wenn man mit ihnen über die Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Unternehmen spricht. Denn faktisch bezögen sich diese meist nur auf die Frauen, die seit Jahren für sie arbeiten. Bei Neueinstellungen lautet die Alternative oft: entweder Fulltime- oder Minijob? Und meist kämen die Programme auch nur den Beschäftigten der Konzernmütter zugute. Gerade die Bereiche, in denen traditionell viele Frauen zum Beispiel als Sachbearbeiterinnen oder Kundenbetreuerinnen arbeiteten, haben viele Unternehmen jedoch in Tochtergesellschaften ausgelagert. Und die eher einfachen Tätigkeiten wie das Reinigen der Gebäude? Oder das Einräumen der Regale? Oder das Bedienen in der Kantine? Diese Tätigkeiten haben die meisten Großunternehmen, um Lohnkosten zu sparen, ganz an externe Dienstleister outgesourct, wo ihre Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenfalls nicht gelten.

Doch darüber liest und hört man in den Medien wenig. Denn so eine Frau, die sich bei Demand vorstellte: „Wen juckt es schon, wenn eine Kantinen-Mitarbeiterin oder Reinigungsfrau zwei, drei Jobs machen muss, um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu finanzieren? Oder wenn die Mitarbeiterin eines Supermarkts oder Callcenters erst abends um 10 nach Hause kommt?“ Die Konzern-Aktionäre „juckt“ dies nicht. Das Stammpersonal in der Konzernzentrale auch nicht, denn für dieses gelten ja andere Regeln. Und die Bundesarbeits- und -familienministerin auch nicht – schließlich stimmt die Statistik. Offensichtlich juckt es nur die betroffenen Frauen.

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