Ehekrise, Frustkäufe, Schulden: Warum treffen wir falsche Entscheidungen?

Veröffentlicht am 25. Januar 2012 in der Kategorie Management & People Skills von

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Ihr Arbeitsplatz ist nicht gefährdet. Sie engagieren sich natürlich in politischen Foren und Debattierklubs, um halbwegs informierte Wahlentscheidungen zu treffen. Ihre Ehe ist nicht in der Krise und Ihre Kindererziehung läuft prima. Ihr Freundeskreis ist groß und interessant. Sie konsumieren selbstredend auch nur im Rahmen Ihres monatlichen Budgets. Frustkäufe unterlaufen Ihnen nicht. Falls das so ist: Herzlichen Glückwunsch. Sie haben ihr Leben im Griff, verarbeiten und bewerten sämtliche Informationen korrekt. Beschleicht sie aber das Gefühl, das sich die Wirklichkeit langsam zur Kakofonie einer Pekingoper entwickelt, die Sie aber leider nur durch das Guckloch einer Peepshow betrachten können, dann sollten Sie unbedingt Weiterlesen. Was führt dazu, dass Sie manchmal das Terrain mit der Landkarte verwechseln? Sich falsch entscheiden und Entscheidungen treffen, die sie besser unterlassen hätten?

von Wolf Erhardt

Einige Erklärungsversuche: Da ist zum einen das sogenannte „Unbewusste“. Die meisten Menschen können mit dem Begriff des „Unbewussten“ oder „Unterbewusstsein“ spontan etwas anfangen. Manchmal wird dabei aber glatt übersehen, dass Informationen aus dem Unbewussten nicht mehr unbewusst sind, sobald sie unser Aktualbewusstsein erreicht haben. Wir können diese Quelle von unbewussten Informationen dann nicht mehr erkennen. Wir können nur erkennen, welche Informationen über unsere Sinnesorgane von außen auf uns einwirken. Und auch das noch nicht einmal mit absoluter Genauigkeit. Was uns von innen dazu gespielt wird, identifizieren wir in dem Augenblick, wo es hochpoppt, nicht mehr als unbewusst.

Zum anderen neigen wir sehr stark dazu, uns die wesentlichen Begründungen einer Entscheidung erst im Nachhinein zu suchen. Wir rationalisieren rückwirkend Entscheidungen, die wir in Wirklichkeit auf der Grundlage einer Mixtur von vollständig unbewussten Emotionen und bewusst erkannten Tatsachen getroffen haben. So sind wir programmiert. Und das ist sehr gut so. Anders könnten wir die Kakofonie der sekündlich auf uns einprasselnden Informationen gar nicht verarbeiten. Dabei wären sogar die 100 Milliarden Neuronen überfordert, die sich als Mega-Computer in den drei Pfund Eiweiß zwischen Ihren Ohren befinden.

Wir entscheiden nach Mustern. Die Verhaltensökonomie - als im Moment sehr hoch gehandelte Symbiose zwischen Ökonomie, Psychologie und Neurowissenschaften - hat genau diese Muster erforscht. Ein wenig erschreckend ist dabei, dass diese Muster ganz gut vorhersagbar sind. Nicht alle. Aber doch eine so große Anzahl, dass sie beschreibbar sind. Alles, was ich beschreiben kann und was sich mit ziemlicher Genauigkeit wiederholt, ist aber leider auch die Steilvorlage für Manipulationen. Manipulationen sind allerdings nicht per se schlecht. Sie sind nur dann schlecht, wenn man uns veranlasst etwas zu tun, was wir eigentlich nicht tun wollten und was uns Schaden zufügt.

Werden wir etwa wirklich manipuliert?

Gibt es Führer, die über eine Art von Geheimwissen verfügen? Dieses aber nicht bekannt geben wollen, weil sie eine Massenpanik befürchten? Das wäre eine Erklärung. Stimmte sie nicht, müsste man annehmen, wir würden langsam aber sicher verdummen. Über 4 Milliarden Seitenaufrufe pro Jahr bei Google. Das sind etwa 120 pro User. In Deutschland. Ganz nebenbei kaufen wir noch 400 Millionen Bücher pro Jahr. Elf pro Bundesbürger. 18 Millionen Tageszeitungen werden täglich verkauft. Etwa vier Stunden täglich verbringt der Deutsche nebenbei noch vor der Glotze. (Wann schlafen wir eigentlich?)

Machen wir einen Sprung in die große weite Welt: Facebook. Facebook übertitelt seine Seite gerne mit: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“ 750 Millionen Menschen weltweit nutzen Facebook. (Laut Herrn Zuckerberg, dem Gründer von Facebook …). Weitere Statistiken über die Anzahl von versendeten SMS, E-Mails oder die Nutzung von „Twitter“ etc. würden hier nur langweilen. Es kann also nicht daran liegen, dass wir über zu wenig Informationen verfügen. Als mündige Bürger oder mündige Verbraucher. Aber warum ändert sich nichts? Warum nehmen wir Katastrophen hin? Warum fragen wir nicht weiter nach? Davon werden Sie in diesem Buch noch viel hören.

Zunächst einmal: Sie müssen schon ein Heiliger sein, wenn Sie sich nicht ehrlich zugestehen, dass sich trotz Ihres enormen Medienkonsums weder Ihre Weltkenntnis verbessert hat noch Ihre Fähigkeit, aus historischen Ereignissen irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Schlüsse, die Ihnen eine auch nur annähernd bessere Prognosefähigkeit für zukünftige Ereignisse gibt. Sie glauben allerdings, dass die nächsten Meldungen Ihnen die wirklich tiefen Erkenntnisse bringen. So, wie Sie sich ständig vornehmen mit dem Rauchen aufzuhören oder eine neue Diät wirklich durchzuhalten, weniger Alkohol zu trinken oder ins Fitness-Studio zu gehen. Nächste Woche. Garantiert.

Fassen wir zusammen:

  • Dass die Menschen langsam verdummen, ist unwahrscheinlich.
  • Dass wir über zu wenig Informationen verfügen, stimmt definitiv auch nicht.
  • Dass wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen rational umgehen, aber leider gleichfalls nicht.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr darüber, warum wir manchmal falsche Entscheidungen treffen.