Heute den Burnout von morgen vermeiden (Teil I)

Veröffentlicht am 30. September 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

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Die Zahl der Personen mit psychosomatischen Erkrankungen steigt – auch weil viele Frauen und Männer noch nicht die nötigen Kompetenzen entwickelt haben, um die Herausforderungen, die das Leben heute an uns stellt, zu meistern. Entsprechend schnell schlägt das „Gefordert-sein“ in ein „Überfordert-sein“ um.

Abschalten, einfach mal scheinbar nichts tun – das fällt vielen beruflich stark engagierten Frauen und Männern schwer. Unruhe packt sie, wenn plötzlich kein Handy mehr klingelt und zum Beispiel an Sonn- und Feiertagen solche Ablenkungen wie das Shoppen entfallen. Denn dann steigen in ihnen häufig – ganz unverhofft – „seltsame“ Fragen empor. Fragen zum Beispiel wie:

  • Wofür schufte ich eigentlich tagein, tagaus?
  • Macht mir meine Arbeit Spaß?
  • Bin ich mit meiner Beziehung zufrieden?
  • Wer sind eigentlich meine Freunde?

Gefährliche Fragen! Denn wenn wir auf sie keine befriedigenden Antworten finden, gerät unser „seelisches“ Gleichgewicht schnell ins Wanken. Und sind diese Fragen erst einmal aufgetaucht, können wir sie nicht mehr abschütteln. Wir können sie bestenfalls für einige Zeit „betäuben“ – zum Beispiel mit Arbeit, Alkohol und hektischer Betriebsamkeit.

Deshalb versuchen viele Menschen, diese Fragen erst gar nicht in sich aufsteigen zu lassen. Sie verplanen ihre Freizeit wie ihre Arbeitszeit. Ein Termin jagt den anderen. Schnell wird so auch aus der Freizeit gefüllte Zeit.

Mehr Eigenverantwortung gefragt

Dabei werden Freizeiten, auch Auszeiten genannt, in unserem Leben immer wichtiger – zumindest wenn wir ein erfülltes statt gefülltes Leben führen möchten. Denn in unserer modernen Gesellschaft werden wir mit neuen Anforderungen konfrontiert: Wir sollen mobil und stets erreichbar sein. Wir sollen uns lebenslang weiterbilden, damit unsere Arbeitskraft gefragt bleibt. Und um unsere Alters- und Gesundheitsvorsorge? Auch um sie sollen wir uns stärker kümmern. Egal, wohin wir schauen: Überall wird von uns mehr Eigenverantwortung gefordert, und überall werden wir mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Herausforderungen, von denen wir oft noch nicht wissen, wie wir sie bewältigen sollen. Schließlich sind sie neu. Also brauchen wir Zeit, um neue Lösungswege zu entwerfen.

Hinzu kommt: Immer häufiger geraten wir in Situationen, in denen wir uns entscheiden müssen. Ziehe ich nach Hamburg um, weil ich Karriere machen möchte, oder sind mir meine Freunde wichtiger? Spare ich 200 Euro pro Monat fürs Alter oder fahre ich zwei Mal pro Jahr in die Karibik? Will ich mit meinem Partner Kinder kriegen oder ist mir meine Unabhängigkeit wichtiger?

Bei all diesen Fragen müssen wir uns in der Regel entscheiden, denn es ist eine Illusion anzunehmen: Alles ist zugleich möglich. Wenn ich heute in Frankfurt, morgen in London arbeite, während mein Partner in Shanghai an seiner Karriere bastelt, ist es schwer, zeitgleich gemeinsam eine stabile Liebesbeziehung und Familie aufzubauen. Also muss ich mich entscheiden.

Notwendigkeit, sich zu entscheiden

Solche Entscheidungen zu treffen, fällt vielen Menschen schwer, denn: Wenn wir uns für etwas entscheiden, müssen wir andere Möglichkeiten verwerfen. Wer „Ja“ sagen möchte, muss auch „Nein“ sagen können. Dies können wir aber nur, wenn wir wissen, was uns wichtig ist. Sonst fassen wir zwar viele Vorsätze, doch ein, zwei Tage später sind sie vergessen. Denn unsere Vorsätze sind nicht in einer Lebensvision verankert. Also werfen wir sie, wenn sich die ersten Widerstände beim Umsetzen zeigen, schnell wieder über Bord.

Hinzu kommt: Was in unserem Leben wirklich wichtig ist, ist nie dringend.

  • Es ist nie dringend, joggen zu gehen. Es wäre aber gut für unsere Gesundheit.
  • Es ist nie dringend, mit den Kindern zu spielen. Es wäre aber für sie wichtig.
  • Es ist nie dringend, sich Zeit für ein Gespräch mit dem Partner zu nehmen. Es wäre aber wichtig für die Beziehung.
  • Es ist nie dringend, sich zu fragen „Welche Ziele habe ich im Leben?“ Es wäre aber wichtig, damit wir nicht in eine Sinnkrise geraten.

Weil die wirklich wichtigen Dinge nie dringend sind, schieben wir sie oft vor uns her. Oder wir hegen die Illusion: Wenn ich alles schneller erledige, habe ich auch dafür Zeit. Das erweist sich meist als Trugschluss. Die einzige Konsequenz: Wir führen zunehmend ein Leben im High-Speed-Tempo. Und irgendwann stellen wir resigniert fest: Nun führe ich zwar ein (noch) gefüllteres Leben, aber kein erfülltes Leben.

Lebensbalance-Modell nach Nossrath Peseschkian

Herausforderung: Die Balance im Leben wahren

Eine solche Schieflage ist kein Einzelschicksal. Immer mehr Menschen plagt das Gefühl: Mein Leben ist nicht im Lot. Eine Ursache hierfür ist: Bezogen auf ihre berufliche Laufbahn haben die meisten Menschen eine klare Perspektive – zum Beispiel: „Ich will Marketingleiter werden.“ Oder: „Ich will 80 000 Euro im Jahr verdienen.“. Anders sieht es in den drei Lebensbereichen „Sinn/Kultur/Stille“, „Körper/Gesundheit“ und „Soziales Leben“ aus. Hier fehlen uns häufig klare Ziele.

In der Alltagshektik übersehen wir zudem oft, dass die vier Lebensbereiche in einer Wechselbeziehung stehen. Deshalb verliert, wer zum Beispiel den Bereich „Berufliches Leben“ längerfristig überbetont, auf Dauer neben seiner Lebensfreude, auch seine Leistungskraft. Denn:

  • Wer krank ist, kann weder sein Leben in vollen Zügen genießen noch ist er voller Leistungskraft.
  • Wer einsam ist, ist weder „quietsch-vergnügt“ noch kann er seine volle Energie auf seinen Job verwenden.
  • Wer in einer Sinnkrise steckt, ist weder „lebensfroh“ noch sehr leistungsfähig. Denn hinter all seinem Tun steht die Frage „Was soll das Ganze?“.

Wenn wir ein erfülltes Leben führen möchten, müssen wir also für die rechte Balance zwischen den vier Lebensbereichen sorgen. Dies gelingt uns nur, wenn wir eine Vision von unserem künftigen Leben haben.

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(Bild: © Yuri_Arcurs – iStockphoto.com)