Work-Life-Balance: Psychische Probleme vermeiden (Teil I)

Veröffentlicht am 1. September 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

Themen: , , ,

„Alles wird mir zu viel. Ich schaffe das nicht mehr.“ Dieses Gefühl plagt immer mehr Berufstätige. Nicht nur wegen der Arbeitsmenge, sondern weil ihr Job sie zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert, für deren Lösung sie noch keine Routinen entwickelt haben. Eine entsprechend große mentale Kraftanstrengung kostet es, sie zu meistern.

„Besuchen Sie ein Zeitmanagementseminar.“ Diesen Rat gaben Führungskräfte in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft Mitarbeitern, wenn diese klagten: „Mir wird alles zu viel; ich schaffe es nicht mehr.“ Das taten dann viele Mitarbeiter, und Zeit- und Selbstmanagementseminare entwickelten sich zu einem Standardangebot im Weiterbildungsprogramm der Unternehmen. Dort lernten die Mitarbeiter, sich Ziele zu setzen, „wichtige“ von „dringlichen“ Aufgaben zu unterscheiden und in ihrem Arbeitsalltag Prioritäten zu setzen – was bei vielen Mitarbeitern auch tatsächlich zu einer Entlastung führte.

Kein Zufall ist jedoch, dass der Boom der Zeitmanagement-Seminare just begann, als vor circa 20 Jahren viele Unternehmen die Arbeitsabläufe in ihrer Organisation neu strukturierten – auch als Folge der rasanten Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik. Erledigte zuvor, vereinfacht formuliert, jeder Mitarbeiter schlicht die in seiner Stellenbeschreibung definierten Aufgaben, so war nun plötzlich Team- und Projektarbeit angesagt. Und die Kollegen – auch in anderen Bereichen? Sie sollten fortan als firmeninterne „Kunden“ gesehen werden, gegenüber deren Wünschen man sich nicht mehr mit einer Bemerkung wie „Ich habe keine Zeit“ oder „Das gehört nicht zu meinem Job“ verschließen kann.

Dadurch erhöhte sich nicht nur die Arbeitsbelastung. Für viele Mitarbeiter bedeutete es auch eine erhebliche mentale Umstellung, sich auf die neue Arbeitsform einzustellen.

Neue Medien haben Arbeitswelt verändert

Blickt man heute auf die damalige Situation in den Betrieben zurück, dann denkt sich manch leicht ergrauter Arbeitnehmer: Was war das damals für eine geruhsame Zeit. Zwar standen in den meisten Büros bereits PCs. Doch das Internet? Das kannten nur einige Wissenschaftler. Und Emails versenden? Der Siegeszug der elektronischen Post begann erst 1993 allmählich. Und Mobiltelefone? Die hatten damals außer den „big Bossen“ bestenfalls einige Außendienstmitarbeiter. Heute hingegen sind diese Medien ganz selbstverständlich in den Arbeitsalltag der meisten Berufstätigen integriert.

Im Alltagstrubel ist uns oft nicht bewusst, wie stark diese Medien in sehr kurzer Zeit – nicht mal zwei Jahrzehnten – neben unserem Arbeitsleben auch unser Verhalten verändert haben. Als Trainer und Berater stellt man zum Beispiel fest: Früher standen bei Seminaren die Teilnehmer in den Pausen bei einem Kaffee zusammen und schwatzten. Heute hingegen checken sie oft noch im Seminarraum, welche Mails, Anrufe und SMS sie erhalten haben, und verziehen sich dann in eine stille Ecke, um entweder zurückzurufen oder diese zu beantworten.

„Ich muss stets und überall erreichbar sein – und wenn nicht, dann muss ich wenigstens so schnell wie möglich reagieren.“ Das hat sich nicht nur zu einem Lebensgefühl vieler Menschen entwickelt. In vielen Jobs sehen sich Berufstätige tatsächlich mit dieser Erwartung konfrontiert – sei es seitens ihrer Kollegen, Chefs oder Kunden. Hierfür ein Beispiel: Wenn früher ein Kunde ein Angebot einholte, war er froh, wenn er es zwei, drei Tage später auf dem Tisch hatte. Und wenn’s länger dauerte? Dann hatte der Verkäufer die Ausrede parat: „Das liegt an der Post.“ Heute hingegen rufen Kunden oft schon ein, zwei Stunden, nachdem sie ihre Anfrage per Mail versandt haben, an und klagen: „Warum reagiert ihr nicht? Ihr habt aber einen schlechten Service.“

Permanent „ruf-bereit“

Doch nicht nur wegen der permanenten „Ruf-Bereitschaft“ fällt es immer mehr Menschen schwer, mal abzuschalten. Hinzu kommt: Sie stehen tatsächlich in immer kürzeren Zeitabständen vor neuen Herausforderungen – nicht nur am Arbeitsplatz. Denn Fakt ist: Die Unternehmen müssen heute in immer kürzeren Zeitabständen ihre Strategien und ihre Art, Aufgaben zu lösen, überdenken. Für ihre Mitarbeiter bedeutet dies: An sie werden häufiger neue Anforderungen gestellt. Und sie müssen häufiger gewohnte Denk- und Verhaltensmuster aufgeben. Das führt bei vielen Mitarbeitern zu einem Gefühl der Überforderung – zumal wenn sie auch privat gefordert sind. Ein Zeichen hierfür ist die wachsende Zahl der Männer und Frauen, die über psychische Probleme oder gar Erkrankungen klagen; des Weiteren die steigende Zahl von Burn-out-Fällen.

Die meisten Burn-out-Erkrankungen resultieren jedoch nicht daraus, dass die Betroffenen vor einem Berg von Herausforderungen stehen, der mengenmäßig nicht mehr zu bewältigen wäre. Sie resultieren vielmehr daraus, dass sie vor Herausforderungen stehen, für deren Lösung sie entweder noch keine Strategien besitzen oder noch keine Routine entwickelt haben – weshalb es sie auch eine sehr große mentale Kraftanstrengung kostet, diese zu meistern.

Weitere Artikel dieser Serie:

Work-Life-Balance: Psychische Probleme vermeiden (Teil II)

(Bild: © Scott Hancock – Fotolia.com)