Sprachkritik: Warum der Dativ dem sein Genitiv gar nicht umbringen kann!

Veröffentlicht am 16. März 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

Sie gehen gegen Schlamperei, Schluderei, Anglizismen, falsch gesetzte Apostrophe vor und sehen die deutsche Sprache am Rande des Untergangs. Stilpäpste fanden und finden ein breites Publikum, das sich diebisch mitfreut, wenn es angebliche Fehler aufspürt.

Sprachpfleger gibt es nicht erst seit heute, sondern seit mehreren Jahrhunderten. Eine der ersten Gemeinschaften war die „Fruchtbringende Gesellschaft“. Später richteten sich die Bemühungen gegen den Einfluss des Französischen (noch Kurt Tucholsky schrieb Bureau), heute in erster Linie gegen den Einfluss des Englischen.

Sprache soll konserviert werden

Sprachpfleger tauchen in unseren Schulen ebenso auf wie in allen Buchläden und auf Podien. Daher glauben viele, wer überall vorhanden ist, muss wahr sein. Herr Sprachpflege versucht, den jeweils aktuellen Entwicklungsstand einer Sprache zu konservieren. Für ihn ist die gegenwärtige Norm die beste, die es zu erhalten gilt. Er moniert Änderungen, Entwicklungen, Entlehnungen. Worin jedoch besteht sein grundlegender Denkfehler?

Sprache beruht auf Regeln, die nicht von einer außenstehenden Instanz festgelegt wurden, sondern sich herausgebildet haben und sich ändern. Als Kleinkinder lernen wir diese Regeln beim Hören und nachahmenden Sprechen. Nun gab und gibt es immer Menschen, die glauben: Sprache sei starr und verändere sich nicht, und nur aktuell gesprochenes Deutsch ist gutes Deutsch. Darum schreiben sie Bücher, gründen Vereine und verfolgen damit ein Ziel: Konservieren, einmotten, in Schraubzwingen einklemmen.

Sprache ist ein lebender Organismus

Unsere Sprache entwickelt sich aber, sie ist ein lebender Organismus, ein höchst effektiver dazu. Alles, was unproduktiv ist, wirft sie raus. Positiv formuliert: Wenn Sprecher und Schreiber einen Sachverhalt mit einer einfacheren Struktur mitteilen können, löst diese eine komplizierte ab. Alle so genannten Sprachkritiker – und davon gab und gibt es in Deutschland nicht wenige – missachten dieses naturgegebene Grundprinzip der Sprache.

Sprache kann man also immer nur beschreiben, ihren Zustand, ihr Wirken, ihre Veränderungen. Wer als Nutzer darauf einwirken will, von außen den gegebenen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt konservieren zu wollen, steht von vornherein auf verlorenem Posten, denn die vielen Millionen Sprachnutzer entwickeln die Sprache weiter.

Regeln einhalten oder nicht?

Die Frage stellt sich nun, was tun? Duden und alle Regelbücher beiseite legen und wild drauflos schreiben? Nein. Regelwerke dokumentieren den Zustand einer Sprache in einem bestimmten Zeitraum. Damit die Kommunikation mit allen Sprachnutzern möglichst reibungslos funktioniert, sollten sich Sprachnutzer natürlich an diese Regeln halten und sie beachten. Regelwerke aber können diesen Zustand nicht konservieren und sollten dies auch tunlichst vermeiden.

Und Sprachpfleger, egal wie populär sie auftreten, werden das äußerst produktive, sehr gewandte und ständig im Wandel begriffene Riesentier Sprache nie an die Kette legen können. Dieses Unterfangen muss allein schon darum scheitern, weil viele Millionen Menschen es täglich verwenden und täglich verändern.

(Bild: © Petr Vaclavek – Fotolia.com)