Die neue Schlagfertigkeit: Eine Prise Biss und eine Portion Humor

Veröffentlicht am 4. März 2011 in der Kategorie Management & People Skills von

Schlagfertigkeit verbinden viele mit Plattmachen und Brüskieren - Gewinnen um jeden Preis eben. Dabei lässt sich mit Humor und Sympathie meist mehr erreichen. Eine positive Grundhaltung, ein gesundes Maß an Biss und eine Portion Humor sind die Zutaten für die neue Schlagfertigkeit - ein Schlagabtausch ohne Verletzte in dem beide Seiten ihr Gesicht wahren.

Wer das beherrscht, fühlt sich in Gesprächssituationen souveräner, sicherer und kann sympathisch überzeugen und seinen Standpunkt vertreten. Der Psychologe Valentin Nowotny illustriert in diesem Beitrag, wie Sie ihre innere Grundhaltung trainieren und humorvoll und sympathisch kontern.

Als ich mich mit diesem Thema für den Artikel beschäftigt habe, dachte ich: “Ist doch klar, ohne Humor und Sympathie macht Schlagfertigkeit nicht wirklich Sinn, logisch!“. Allerdings fiel mir dann bei näherer Betrachtung auf, dass der Zusammenhang von Humor, Sympathie und Schlagfertigkeit ein ganz eigener ist und dass es hierzu nichts, aber auch gar nichts gibt, was bisher geschrieben worden wäre!

Ich bin also so vorgegangen, dass ich – ganz humorfrei – fünf Thesen zum Thema formuliert habe, die ich Ihnen im Folgenden einmal kurz vorstellen möchte.

These 1: Schlagfertigkeit ohne Humor ist möglich, aber nicht hilfreich

Eine humorfreie Schlagfertigkeit zerstört jede Beziehung. Somit ist diese zumindest unökonomisch. Die zusätzlich aufgewandte Zeit, bzw. die Anstrengung bei der Suche nach humorvollen Formen von Schlagfertigkeit, ist also in jedem Fall sinnvoll investiert, da sie negativen Tendenzen - und allem, was damit verbunden ist - vorbeugt. Aber wie kann man auf humorvolle Art und Weise schlagfertig sein?

Die Lebenserfahrung zeigt: Erfolgreiche Menschen sind oft mit einem feinen Humor ausgestattet. Scherze unter sich direkt sehenden Kommunikationspartnern sind relativ problemlos, da sich bei direkter visueller Kommunikation sofort erkennen lässt, ob der Scherz angebracht war. Zum Beispiel in dem spontanen Gesichtsausdruck des Gegenübers: Sehen wir ein Schmunzeln, ist alles okay. Bekommen wir jedoch, bei dem gleichen Scherz, irritiert hochgezogene Augenbrauen zu sehen, dann wissen wir, dass wir soeben ein kleines Stück zu weit gegangen sind. Gefährlich wird es demnach beim Telefonieren, da wir die Reaktion unseres Gegenübers nicht sehen können.

Denken Sie auch an die Stachelschweine, diese sollten sich nicht zu nahe kommen, sonst wird es ungemütlich! Gerade bei uns unbekannten Gesprächspartnern, zu denen wir keinen direkten Sichtkontakt haben, sollten wir also besonders vorsichtig sein!

These 2: Humor ist vor allem die Fähigkeit, über den Dingen zu stehen

Es ist umstritten, ob der Mensch allein die Fähigkeit des Humors besitzt, oder ob auch andere Lebewesen diese besitzen: Der Mensch als lachender Affe – wider den tierischen Ernst! Wir lachen, also sind wir! Und sind uns Nahe, möchten wir sozial gesehen ergänzen. Woody Allen sagte einmal „Dabei sein ist 80 Prozent des Erfolges!“. Wenn das nicht selbstironisch ist, was dann?

Allerdings fällt genau diese Haltung „auch einmal über sich selbst lachen zu können“ vielen Menschen ganz und gar nicht leicht. Warum? Es gibt im Traineralltag, wenn es etwa um das Thema Feedback geht, den geflügelten Spruch: „Was Paul über Paula sagt, sagt manchmal mehr über Paul als über Paula.“ Will sagen, die meisten Menschen haben „wunde Punkte“ oder „blinde Flecken“, bei denen sie entweder besonders empfindlich sind (und dies auch wissen) oder aber sie haben ein besonderes Verhalten (über das sich nicht bewusst sind). Beides steuert jedoch Bewertungsprozesse, sorgt ganz real für negative Emotionen und blockiert. Schlechte Voraussetzungen also um eine schlagfertig-humorvolle Haltung einzunehmen!

Witze hingegen sind in der Regel bewertend und gehen somit leicht auf Kosten einer Person. Dies wird Ihnen spätestens dann klar, wenn Sie versuchen, einen Witz über sich selbst zu machen. Den inhaltlichen Stoff hierzu finden Sie in ihren Schwachstellen! Ein Einstieg könnte ebenfalls eine Situation sein, in der Sie äußerst, gar übertrieben wütend reagiert haben und vielleicht eine ohnehin schüchterne Person vollständig verschreckt haben. Können Sie jetzt über ihre übertriebene Wut lachen und in der gesamten Situation eine Komik erkennen? Können Sie ihre emotionale Reaktion als übertrieben ansehen und sich nun humorvoll bei der verschreckten Person entschuldigen, indem Sie ihr eigenes Verhalten schmunzelnd erklären?

Versuchen Sie doch einmal einen Witz über Sie selbst zu machen, lernen Sie Ihre emotionalen Reaktionen kennen und beginnen Sie damit über den Dingen zu stehen! Sarkasmus und Ironie werden dadurch zum Humor, dass der andere die ironisch gemeinte oder sarkastische Aussage als solche versteht und über sie lacht. Nur dann entsteht ein positiver Moment.

These 3: Akzeptanz von eigenen und fremden Fehlern macht Humor erst möglich

Mit der Übung in These 2 erfahren wir praktisch, dass nur dann keine negativen, mich blockierenden Gefühle aufkommen und positive Reaktionen nur dann ermöglicht werden, wenn ich meine eigenen Fehler akzeptiere. Dies lässt sich biologisch kurz erklären: Gefühlsauslöser sind chemische Substanzen wie Endorphine, Oxytocin, Serotonin und Dopamin – Botenstoffe, die unser Gehirn bei verschiedenen Aktivitäten auslöst. Unser Ziel geht also über die Akzeptanz unserer Fehler hinaus; wir wollen unseren Fehlern humorvoll begegnen und über sie lachen. Schließlich ist mit dem Lachen ein Glücksgefühl verbunden, welches den Alltag belebt. Wie haben Sie sich nach der kleinen Übung zu These 2 gefühlt? Und hat nicht auch die Entschuldigung bei der verschreckten Person sie glücklich gemacht?

Die Akzeptanz unserer Fehler bleibt immerhin die Grundlage, mit der wir uns daran hindern, uns für unsere Fehler gar zu bestrafen und uns Potential des Lernens aus Fehlern ermöglichen. Damit ist Fehlertoleranz ebenfalls die Voraussetzung zu Qualitätsverbesserung – nicht nur in Produktions-, sondern auch in Kommunikationsprozessen. Erst wenn A erkennt, dass er/sie nicht gut im Verhandeln ist und dies akzeptiert, wird er/sie zum Chef/zur Chefin gehen und sie/ihn um eine Trainingsmaßnahme bitten.

These 4: Ist das Glas halb leer oder halb voll, ist meine Sichtweise fix oder variabel?

Negatives entdeckt man schnell, da sich negative Gefühle weniger gut kontrollieren lassen und Negatives, wie nachgewiesen wurde, länger im Gedächtnis bleibt. Sicherlich haben Sie aus den vorangehenden Thesen bereits erkannt, dass die humorvolle „neue Schlagfertigkeit“ anspruchsvoller als die alte, humorfreie Schlagfertigkeit ist. Schließlich fordert die „neue Schlagfertigkeit“ die Fähigkeit den anderen zu verstehen und gerade nicht die wunden Punkte zu adressieren, also verletzend zu sein.

Beispiel: Ein Mitarbeiter, ein Brillenträger, arbeitet mitunter etwas oberflächlich und lässt versehentlich statt 100 Luftballons 1.000 Luftballons für die anstehende Betriebsfeier kommen, was ihm bei der Lieferung der Ballons sichtlich unangenehm ist. Statt zu kommentieren „Deine Weitsichtigkeit hat uns ja schon immer begleitet und dich die Beförderung gekostet“, ist es an dieser Stelle geschickter zu entgegnen „Ein Grund weitere Feste zu feiern!“.

Innerhalb kurzer Zeit ist etwas anderes, kreatives, nicht verletzendes zu finden und in eine diplomatische, humorvolle Aussage zu verpacken. Besonders wertvoll und hilfreich sind in dieser Situation eine entspannte Haltung, die Beziehungsebene außen vor zu lassen und möglichst ein positives Beispiel auf ganz anderer Ebene zu finden.

Ist Ihre Sichtweise fix oder variabel? Sehen Sie grundsätzlich eher das Negative oder das Positive? Werden Sie sich darüber im Klaren! Variable Sichtweisen lassen sich wunderbar im Alltag üben: Nehmen Sie sich regelmäßig eine Situation, die Sie beschäftigt und notieren Sie sich zu dieser Situation mindestens drei alternative Sichtweisen! So werden Sie innerhalb kürzester Zeit flexibel, kreativ und reaktionsschnell – sicherlich nicht nur im Rahmen der neuen Schlagfertigkeit.

These 5: Wenn der andere etwas tatsächlich lustig findet, entsteht echte Sympathie

Ich komme noch einmal auf den emotional und ökonomisch positiven Effekt der „neuen Schlagfertigkeit“ auf der Beziehungsebene zurück. Lacht mein Gegenüber freiwillig und gerne mit, entsteht Sympathie in Reinform, die auch als solche empfunden wird. Indem ich also meinen Gesprächspartner nicht verletze oder sogar zum Lachen bringe, empfindet dieser optimalerweise ein Glücksgefühl, welches an meine Person gebunden ist.

Dieses erspart mir für zukünftige Kooperationen oder andere gemeinsame Erlebnisse nicht nur die Zeit, mögliche Gekränktheiten durch umständliche – und am Ende ohnehin kaum glaubwürdige – Entschuldigungen aus dem Weg zu räumen. In – mehr oder weniger ernsten –Verhandlungen hat dieses empfundene Glücksgefühl auch drei weitere interessante Effekte:

  1. Ich befinde mich aufgrund meiner schlagfertigen Gegenantwort in der stärkere Position – mein Gegenüber hat den “Argumentationsdruck“.
  2. Mein Verhandlungspartner empfindet nicht nur ein Gefühl von Unzufriedenheit, und zwar über seine Unterlegenheit, sondern auch ein Glücksgefühl. Er findet mich dadurch sympathischer, seine Bereitschaft Kompromisse einzugehen ist höher.
  3. Durch das unerwartet empfundene Glücksgefühl ist mein Verhandlungspartner einen Moment abgelenkt und hat gegebenenfalls sogar kurzweilig seinen Faden verloren. Dies gibt mir mehr Zeit für den weiteren Verhandlungsablauf.

Fazit: Meiden Sie, wo immer möglich, humorfreie Formen der Schlagfertigkeit, da diese letztlich immer in eine harte Konfrontation führen. Dies vernichtet Sympathie ebenso schnell und vollständig wie ein Osterfeuer das ausgelegte Brennmaterial! Anders gesagt: wenn Ihre Schlagfertigkeit einen nachhaltigen Effekt haben soll, dann sollten Sie solche Scheinsiege genauso meiden wie der Teufel das Weihwasser!

(Bild: © Gerhard Führing – Fotolia.com)