Das Startup-Interview: 11 Fragen an Dirk Graber – Mister Spex GmbH

Veröffentlicht am 10. November 2010 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

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Dirk Graber hat den Schritt gemacht, vor dem viele gehörigen Respekt haben. Er hat - zusammen mit drei anderen - sein eigenes Unternehmen gegründet. Seit April 2008 können sich Brillenträger und Brillenbegeisterte im Online-Shop von Mister Spex mit bunten, schwarzen, auffälligen, kleinen, großen, runden, eckigen, klassischen, modernen und nerdigen Brillen eindecken.

Unternehmer.de sprach mit dem Geschäftsführer Dirk Graber über die Startphase bei der Unternehmensgründung.

Unternehmer.de: Wann und wie reifte in Ihnen der Entschluss, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen?

D. Graber: Bereits während meines BWL-Studiums an der Handelshochschule Leipzig (HHL) entdeckte ich durch das Vertiefungsfach Entrepreneurship meine Begeisterung für das Unternehmertum. Nach mehr als zwei Jahren als Berater bei der Boston Consulting Group wollte ich 2007 ein eigenes Unternehmen gründen. Der Kontext sollte E-Commerce sein, denn darin hatte ich Erfahrung durch Praktika bei Jamba und Ebay. Zusammen mit dem Business Angel, ehemaligen Spreadshirt-Gründer und ebenfalls HHL-Alumnus Lukasz Gadowski habe ich verschiedene E-Commerce-Märkte genau analysiert. Uns war wichtig, eine Branche zu finden, die noch Marktpotenzial bietet, und so sind wir auf den Optikmarkt gestoßen. Die großen Player sind allesamt nicht im Web aktiv, und die Margen sind sehr attraktiv.

Unternehmer.de: Was waren Ihre größten Ängste und Bedenken bei dem Gedanken an Ihre Unternehmensgründung?

D. Graber: Natürlich überlegt man sich am Anfang, was passiert, wenn die Gründung scheitert. Ich war damals bereits verheiratet und meine Frau schwanger, daher habe ich mir schon Sorgen um meine Familie gemacht. Aber der Glaube an den Erfolg des Projektes war größer als die Unsicherheit und persönlichen Ängste. Daher habe ich meine Idee auch umgesetzt.

Unternehmer.de: Thema Finanzierung: Welche Quellen standen Ihnen eigentlich bei der Gründung zur Verfügung?

Dirk Graber, Geschäftsführer von Mister Spex

D. Graber: Zum Start bekamen wir Unterstützung von diversen Business Angels wie Lukasz Gadowski, Oliver Beste und Karsten Schneider, die an uns glaubten und in uns investierten. Die Business Angels wiederum stellten Kontakte zu Venture Capital-Gesellschaften her und öffneten Türen für uns. Mit Grazia Equity und dem High-Tech Gründerfonds haben wir dann Ende 2008 zwei Venture Capital-Unternehmen für uns gewinnen können, die uns seither mit Rat und Tat unterstützt und auch neue Kontakte für uns generiert haben. Genauso handhaben es heute unsere neuen Investoren DN Capital und Xange, die seit September 2010 an Bord sind.

Unternehmer.de: Gab es Momente nach der Gründung, in denen existenzielle Unsicherheiten in Ihnen aufkamen?

D. Graber: Ja, denn bereits zum Start unseres Online-Brillenshops im April 2008 war klar, dass wir zum Jahresende Geld aufnehmen mussten, um unser Wachstum zu finanzieren. Dann kam die Finanzkrise, und kaum ein Venture Capital-Unternehmen wollte mehr in Startups investieren. Das war eine schwierige Zeit für uns. Wir mussten die Kostenstruktur anpassen und sogar Mitarbeiter entlassen. Zwei Tage vor Weihnachten wurden uns dann zum Glück anderthalb Millionen Euro von Grazia Equity und dem High-Tech Gründerfonds zugesagt. Hätten wir das Geld nicht bekommen, wäre Mister Spex im Folgemonat pleite gewesen.

Unternehmer.de: Wenn Sie heute zurückblicken: Was waren die größten Fehler, die Sie vor oder während Ihrer Gründung begangen haben?

D. Graber: Der größte Fehler, den wir bei Mister Spex gemacht haben, war die Auswahl der IT-Plattform, mit der wir gestartet sind. Im ersten Jahr hatten wir nämlich auf eine externe Lösung gesetzt, deren Kosten und damit Kapitalbedarf wir jedoch teilweise unterschätzt haben. Daher sind wir relativ schnell auf eine komplette Eigenentwicklung umgeschwenkt, mit der wir dann sehr gut arbeiten konnten.

Unternehmer.de: Sind Brillen nicht eher schwierig per Online-Shop zu verkaufen? Viele Kunden wollen doch sicher vor dem Kauf mal im Spiegel sehen, ob Ihnen das gute Stück steht...

D. Graber: Natürlich sind Brillen mit Sehstärke erklärungsbedürftige Produkte. Daher versuchen wir auf unserer Website und über unseren Kundenservice den Kunden bestmöglich bei seiner Entscheidung zu beraten und zu unterstützen. Den Wunsch, die Brille anzuprobieren, setzen wir zum einen über die Online-Anprobe um, bei der man ein Passbild hochlädt und die Brillen virtuell aufsetzt. Zum andern besteht die Möglichkeit, sich bis zu vier Brillen zur Anprobe nach Hause schicken zu lassen. Dieses Konzept ist ja im Versandhandel nicht neu. Seit Jahrzenten kaufen Verbraucher Produkte wie Kleidung oder Schuhe, die tendenziell anprobiert werden müssen, per Katalog und schicken Dinge, die nicht passen zurück. Dieses Prinzip funktioniert auch über das Internet und mit Brillen.

Unternehmer.de: Und worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz, was waren Ihre größten Erfolge?

D. Graber: Ich bin stolz auf das erfolgreiche Wachstum von Mister Spex. Im Jahr 2010 werden wir mehr als zehn Millionen Euro Umsatz machen und haben bereits mit der Expansion ins europäische Ausland gestartet. Gerade erst haben wir den Deutschen Unternehmer Preis in der Kategorie Startups gewonnen, vor ein paar Monaten wurden wir in die Liste der Red Herring Top 100 Unternehmen in Europa gewählt. Das sind tolle Anerkennungen. Am meisten stolz bin ich jedoch auf die Tatsache, dass Mister Spex mittlerweile für mehr als 100 Mitarbeiter ein verantwortungsvoller Arbeitgeber ist, bei dem sich die Leute wohl fühlen und mit dem sie sich identifizieren.

Unternehmer.de: Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die sich gerade im Moment mit dem Gedanken beschäftigen, einen Online-Shop auf die Beine zu stellen?

Online-Brillenkauf bei Mister Spex

D. Graber: Wenn man ein Unternehmen gründen möchte, sollte man einen klaren Fokus auf ein Geschäftsmodell haben, in dem die Umsatztreiber bekannt und steuerbar sind. Im Falle eines Online-Shops muss man bedenken, dass es nicht nur darum geht, eine schicke Website zu programmieren, die im besten Fall auch noch nutzerfreundlich ist. Vielmehr kommt es darauf an, die Prozesse zu managen, die im Hintergrund ablaufen: Einkauf, Verarbeitung von Bestellungen, Lagerhaltung und Versand. Da steckt der Teufel wirklich im Detail. Außerdem ist ein guter Kundenservice wichtig. Bei der Unternehmensgründung generell sollte man sich nicht selbst überschätzen, sondern am besten im Team gründen. Bei der Zusammenstellung des Teams darf man keine Kompromisse machen und muss für alle Kompetenzen, die für das Geschäftsmodell erfolgskritisch sind, einen exzellenten Kandidaten haben.

Unternehmer.de: Angenommen Sie stünden jetzt kurz vor der Gründung. Wie würde die aktuelle Wirtschaftslage Ihre Entscheidung beeinflussen?

D. Graber: Meiner Meinung nach kommt es darauf an, ein Unternehmen zu gründen, das grundsätzlich die Bedürfnisse von Kunden befriedigt, also dass es dafür einen Markt gibt oder ein entsprechender Markt geschaffen werden kann. Wenn man hier eine erfolgversprechende Idee hat, ist die Wirtschaftslage sekundär. Denn ein gutes Geschäftsmodell muss sich in jeder Wirtschaftslage behaupten.

Unternehmer.de: Welche Charaktereigenschaften sind ein absolutes Muss, um sich als selbstständiger Unternehmer behaupten zu können?

D. Graber: Ich halte gesunden Menschenverstand, inneren Antrieb, Pragmatismus und Empathie für essentiell.

Unternehmer.de: Sie sind jetzt Ihr eigener Chef: Käme ein Dasein als Angestellter überhaupt noch in Frage?

D. Graber: Darüber denke ich zurzeit nicht nach, aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass ich nicht mehr als Angestellter arbeiten möchte. Dafür gefällt mir die aktuelle Verantwortung und Möglichkeit zur Gestaltung zu gut.

Unternehmer.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Graber!

Das Interview führte Unternehmer.de-Redakteurin Patricia Scholz.

www.misterspex.de

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