Das Startup-Interview: 11 Fragen an Götz Reichel – Chairgo GmbH

Veröffentlicht am 2. August 2010 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

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Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer 1 in Deutschland. Götz Reichel, Geschäftsführer der Chairgo GmbH aus Hersbruck, hilft den geplagten Rücken und vertreibt Sitzmöbel mit einem innovativen Konzept für sogenanntes bewegt-dynamisches Sitzen und Arbeiten.

Im Juli 2010 erhielt die Chairgo GmbH den Gründerpreis 2010 der IHK Mittelfranken. Neben der  wirtschaftlichen Entwicklung war für die Jury auch das soziale Engagement des Unternehmens ausschlaggebend. Chairgo ermöglicht beispielsweise mit einem besonderen Arbeitszeitmodell und Kinderbetreuung jungen Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Unternehmer.de sprach mit Herrn Reichel über die Gründung seines Unternehmens - was gut lief, was weniger gut und welche Rolle die Familie eigentlich dabei spielt.

Unternehmer.de: Wann und wie reifte in Ihnen der Entschluss, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen?

G. Reichel: Das Ziel der Selbständigkeit hatte ich schon lange, nur die zündende Geschäftsidee fehlte. Im Sommer 2005 unterhielt ich mich mit einem befreundeten Produzenten ergonomischer Bürostühle über den Markt dieser Produkte und die Möglichkeiten eines Direktvertriebs. Aus Interesse erstellte ich einen Business Plan, der positiv ausfiel. Damit war die lange gesuchte Idee gefunden. Ein halbes Jahr später erfolgte dann der Marktstart.

Unternehmer.de: Was waren Ihre größten Ängste und Bedenken bei dem Gedanken an Ihre Unternehmensgründung?

G. Reichel: Ich kam aus einer sehr gut dotierten Führungsposition bei einem Weltkonzern. Wir hatten uns kurz zuvor ein Haus gekauft und dabei natürlich die regelmäßigen Einkünfte berücksichtigt. Da bei Gründungen immer der Gründer mit seinem Privatvermögen haftet, hatte ich natürlich Sorge um unsere finanzielle Zukunft vor allem da dies ja auch meine Frau betroffen hätte. Da es sich um einen mir vorher fremden Markt handelte, blieben natürlich auch Restzweifel, ob meine Einschätzung der Entwicklung realistisch war. Aber man kann jede Entscheidung endlos hinterfragen und vor sich herschieben und sich dadurch die Option der Selbstständigkeit von vorneherein verbauen.

Unternehmer.de: Thema Finanzierung: Welche Quellen standen Ihnen bei der Gründung zur Verfügung?

G. Reichel: Die Gründung erfolgte zunächst auf kleinem Niveau: Eine Mietwohnung, die gerade leer stand, wurde zu Büroräumen umfunktioniert, die Ausstattung war spartanisch - ich schaue mir heute noch gerne die Bilder vom Start an und freue mich über die Entwicklung. Für die Gründung opferte ich meine persönlichen Ersparnisse und setzte ein Existenzgründungsdarlehen ein.

Unternehmer.de: Gab es Momente nach der Gründung, in denen existenzielle Unsicherheiten in Ihnen aufkamen?

G. Reichel: Es ist schon ein "ungutes" Gefühl, die Gehälter der Angestellten im ersten Jahr immer mal wieder aus der eigenen Tasche zahlen zu müssen. Die positiven Aussichten überwogen aber meist, weshalb der Optimismus regelmäßig über die Unsicherheit siegte. Es stimmt aber, dass ich im ersten Jahr mehr schlaflose oder schlafarme Nächte hatte als üblicherweise. Auch meiner Frau ist es zu verdanken, dass ich nie verzagte. Sie stand jederzeit hinter, vor und neben mir. Als Antreiberin, Mahnerin, Partnerin, Realistin, Fragestellerin...

Unternehmer.de: Und wenn Sie heute zurückblicken: Was waren die größten Fehler, die Sie vor oder während Ihrer Gründung begangen haben?

G. Reichel: Das erste Jahr versuchte ich, das neue Unternehmen "nebenberuflich" aufzubauen. Da ich dadurch zu wenig Zeit bei Kunden verbringen konnte, entwickelte sich der Umsatz langsamer als geplant. Wenn das Geschäftsmodell nicht explizit als Nebenberuf angelegt ist, kann ich nur jedem Gründer empfehlen, von Anfang an alle Kräfte für das neue Unternehmen einzusetzen.

Unternehmer.de: Jetzt aber zum Positiven! Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz, was waren Ihre größten Erfolge?

G. Reichel: Chairgo hat trotz des oben beschriebenen "Startfehlers" schon im 2. Jahr den Break Even erreicht und sich in den Folgejahren enorm positiv weiterentwickelt. Unser erster großer Erfolg war der Auftrag der bayerischen Polizei über Bürodrehstühle für 3 Jahre. Ein ganz besonderes Highlight ist natürlich der Gründerpreis 2010. Vor allem, dass wir neben dem Markterfolg explizit für unsere Soziale Verantwortung ausgezeichnet wurden, macht die ganze Mannschaft stolz. Und diese Mannschaft ist eine Basis für den Erfolg unseres Unternehmens. Sie gibt Chairgo dem Kunden gegenüber eine Stimme und ein Gesicht und das mit viel Enthusiasmus und Freude.

Unternehmer.de: Welche Tipps würden Sie Menschen geben, die sich gerade im Moment mit dem Gedanken beschäftigen, ein Unternehmen zu gründen?

G. Reichel: Sprecht mit Experten, die sich im Zielmarkt gut auskennen und idealerweise hier schon eigene Erfahrungen gesammelt haben. Überlegt euch genau, ob ihr die persönlichen Eigenschaften besitzt, die für eine Selbständigkeit und insbesondere in der Zielbranche wichtig sind.

Bezieht die Familie so früh wie möglich ein, denn nur, wenn diese voll hinter euch steht, könnt ihr die ganze Kraft für die Gründung einsetzen. Und wenn ihr es mit der Selbständigkeit ernst meint: Zaudert euch nicht zu Tode!

Unternehmer.de: Angenommen Sie stünden jetzt kurz vor der Gründung. Wie würde die aktuelle Wirtschaftslage Ihre Entscheidung beeinflussen?

G. Reichel: Wir bedienen eine Nische, die auch in der Krise gewachsen ist. Da die Wirtschaftslage sich gerade sehr verbessert und die Zinsen auf einem sehr niedrigen Niveau sind, würde die Entscheidung jetzt noch leichter fallen. Zu Beginn der Krise hätte dies sicher anders ausgesehen, ich bin aber sicher, den Schritt dennoch getan zu haben.

Unternehmer.de: Welche Charaktereigenschaften sind Ihrer Meinung nach ein absolutes Muss, um sich als selbstständiger Unternehmer behaupten zu können?

G. Reichel: Selbstdisziplin, Selbstbewusstsein, Menschenkenntnis, Freude an der Arbeit, Optimismus, Realitätssinn, Entscheidungskraft.

Unternehmer.de: Sie sind jetzt Ihr eigener Chef: Käme ein Dasein als Angestellter überhaupt noch in Frage?

G. Reichel: Sag niemals nie. Wenn es die Umstände erfordern sollten und die Rahmenbedingungen stimmen, klar. Ziel ist aber, nicht vor diese Entscheidung gestellt zu werden.

Unternehmer.de: Und was sind Ihr Ziele als Unternehmer?

G. Reichel: Stetes Unternehmenswachstum auf gesundem Niveau, Schaffen neuer Arbeitsplätze und künftig auch Ausbildungsplätze. Aber auch weiterhin so viel Spaß an der Arbeit mit einem tollen Team.

Das Interview führte Unternehmer.de-Redakteurin Patricia Scholz.

www.chairgo.de

(Bild: © A. Dudy - Fotolia.com)