Das Start-up Interview mit Yücel Yanaz von AYDON

Veröffentlicht am 24. Mai 2012 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

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Start-up InterviewsDas Start-up Unternehmen AYDON bietet eine Beschneidungsunterhose an, die die Wundheilung nach einer Zirkumzision fördert. Wir von unternehmer.de haben mit Yücel Yanaz, der zusammen mit Levent Angün AYDON gründete, über das Unternehmen gesprochen.

Unternehmer.de: Wann und wie reifte in Ihnen der Entschluss, ein eigenes Unternehmen auf die Beine zu stellen?

Yücel Yanaz: Der Entschluss, ein Unternehmen zu gründen, ergab sich aus der Tatsache, dass mein Sohn eine Zirkumzision erdulden musste und wir zusehen mussten, wie das Kind unter Schmerzen litt. Fast parallel hat mein Partner, Hr. Levent Angün, seine beiden Söhne auch beschneiden lassen und wir suchten nach einer Möglichkeit, die Schmerzen nach so einer OP zu mildern. Die Aussagen von Ärzten, man könne doch einen Joghurt-Becher darüber stülpen, waren nicht wirklich eine große Hilfe für uns. Im 21. Jahrhundert musste es doch in dieser fortschrittlichen und zivilisierten Gesellschaft etwas Besseres als einen Joghurt-Becher zur Wundheilung geben. Diese Gleichgültigkeit der Ärzte ihren Patienten gegenüber hat uns schon ein wenig schockiert, aber auch angespornt, eine Lösung zu finden.

Unternehmer.de: Was waren denn Ihre größten Ängste und Bedenken bei dem Gedanken an Ihre Unternehmensgründung?

Yücel Yanaz: Da gab es viele Bedenken. Als Allererstes natürlich die finanzielle Seite. Als Familie mit zwei Kindern versucht man natürlich schon immer, ein paar Schritte voraus zu denken, um die eigene Zukunft und die der Kinder nicht zu gefährden. Was uns auch zweifeln ließ, waren die Kommentare von Bekannten und Freunden, die uns zunächst belächelten und das Ganze als „Mission impossible“ abwerteten. Da macht man sich schon Gedanken, ob man auf dem richtigen Weg ist, schließlich wollten wir etwas auf den Markt bringen, das es so nicht gab, niemand kennt und nicht wussten, ob es vom Markt angenommen wird.

Darüber hinaus hatten wir auch nicht die Möglichkeit einer umfassenden Marktanalyse. Auch die ersten Versuche, im Vorfeld mit Apotheken über eine mögliche Zusammenarbeit zu sprechen, waren niederschmetternd, da wir auf sehr viel Vorurteile stießen und sahen, dass die Menschen eine Zirkumzision rein auf die kulturelle Ebene reduzierten. Dass aber die Mehrzahl medizinisch notwendige, meistens auch bei erwachsenen Diabetikern durchgeführte Zirkumzisionen, darstellte, war und ist bis heute den meisten sog. „Fachleuten“ fremd. Unsere ersten Geh-Versuche mit verschiedenen Utensilien wie Hüte oder BHs, bevor das Produkt marktreif wurde, waren zwar sehr lustig aber nicht wirklich zielführend, wodurch man manchmal schon auf die Sinn-Frage im Leben zu sprechen kommt.

Unternehmer.de: Was unterscheidet Sie von anderen Unternehmen in Deutschland? Wie positionieren Sie sich gegenüber anderen Unternehmen aus Ihrer Branche?

Yücel Yanaz: Diese Frage ist leicht zu beantworten: Wir haben keine Konkurrenz! Das verleitet uns aber nicht zu riskanten Werbeausgaben, um das Produkt gleich bundesweit bekannt zu machen. Zum einen erfahren wir durch die vielen Feedbacks von zufriedenen aber auch unzufriedenen Kunden, wie wir unser Produkt noch verbessern können bzw. wie hoch der Grad der Zufriedenheit ist. Zum anderen können wir uns durch die langsam steigende Nachfrage auch besser um logistische Aufgaben kümmern, denn mit dem Anstieg der Bestellungen und Anfragen steigt natürlich auch der logistische Aufwand. Oft rufen uns verzweifelte Eltern an und wollen die Unterhose so schnell wie möglich geliefert bekommen, da sie als fürsorgliche Eltern natürlich bei ihren Kindern die Schmerzen lindern möchten.

Wir setzen bei unserer Marketingstrategie dabei zu 1/3 auf Online-Werbung, damit die Besucher auf unseren Internetseiten sich zunächst über Heilungsmethoden und Risiken der Phimose-OP erkundigen und auch gleich bestellen können. Zusätzlich besuchen wir Praxen und Kliniken und stellen uns persönlich vor. Dann können die Urologen auch gleich das Muster in die Hand nehmen und begutachten. Viele kennen das nämlich (noch) nicht. Parallel schicken wir Apotheken und Sanitätshäuser Direct-Mailings und Werbemittel zur Auslage in ihren Geschäften, somit können diese vor Ort testen, ob das Interesse ihrer Kundschaft vorhanden ist. Um mehr Beachtung in der Öffentlichkeit zu bekommen, meldeten wir uns auch bei div. Presseportalen und Fachmagazinen an, um unsere PR-Artikel zu platzieren. Dabei wurden wir auch zweimal für den Innovationspreis 2011 und 2012 nominiert. Das bringt zusätzlich Publicity.

Thema Finanzierung

Unternehmer.de: Welche Quellen standen Ihnen bei der Gründung zur Verfügung?

Yücel Yanaz ist Mitgründer von AYDON

Yücel Yanaz: Welche Quellen meinen Sie? Wir hatten absolut nichts am Anfang, nur eine Idee und den Willen, die Idee umzusetzen. Ein Kredit kam für uns nicht in Frage. Was wir zu schätzen gelernt haben, sind die vielen Anlaufstellen, wie z.B. die IHK oder auch andere Organisationen, die man zunächst kontaktieren und um Rat bitten kann. Wir haben dabei sehr viele nützliche Tipps erhalten, die uns sicherlich vor manchem Fehler bewahrt haben. Auch die Unterstützung durch unsere Anwälte und Patentanwälte war eine große Hilfe für uns. Als Marketing-Fachmann hatte ich die nötigen Voraussetzungen, um die erforderlichen Werbemittel selbst zu erstellen, ohne dass wir eine teure Agentur bauftragen hätten müssen, während sich mein Partner um die Produktion kümmern konnte. Schließlich ist es das Eine von einem Produkt zu sprechen, und dagegen was ganz Anderes, dieses auch zu entwickeln und am Markt zum Verkauf anzubieten.

Unternehmer.de: Gab es auch Momente nach der Gründung, in denen existenzielle Unsicherheiten in Ihnen aufkamen?

Yücel Yanaz: Selbstverständlich. Die Unsicherheiten gibt es immer noch. Jeden Tag erwarten uns andere neue Herausforderungen, von denen wir vorher nicht mal geträumt hatten. So zum Beispiel die Ignoranz der großen Pharmahändler, die aufgrund zu geringer Gewinnmargen das Produkt nicht ins Portfolio aufnehmen wollen oder auch die Krankenkassen und Verbände, die sich nicht einmal anhören wollen, was da neu entwickelt wurde. Auf der einen Seite die glücklichen Patienten, denen wir viel Schmerzen abnehmen können, auf der anderen Seite die harte Realität des geldgesteuerten Marktes. Sogar der Kontakt zum Bundesgesundheitsministerium in Berlin blieb unbeantwortet, was uns insofern enttäuscht, da man allgemein annimmt, Ministerien seien für das Volk da. Innerbetrieblich mussten wir natürlich immer schauen, dass die Produktion fortgeführt werden konnte und das Produkt selbst immer besser entwickelt wurde, um es den Patienten so angenehm wie möglich zu machen. Dazu brauchten wir viele Anläufe, die schlussendlich mit monetären Verlusten zum Tragen kamen.

Rückblick & Tipps

Unternehmer.de: Und wenn Sie heute zurückblicken: Was waren die größten Fehler, die Sie vor oder während Ihrer Gründung begangen haben?

Yücel Yanaz: Rückblickend hätten wir von Anfang an doch mehr wagen können und noch selbstbewusster am Markt auftreten sollen. Heute bieten wir interessierten Apotheken, Sanitätshäusern oder Kliniken ein Exklusivrecht an, damit diese in ihrer Region das Produkt selbst bewerben können. Diesen Effekt der Mund-zu-Mund-Propaganda hätten wir viel früher anfangen sollen. Auch bei der Produktion vertrauten wir zunächst auf ausländische Textilhersteller, ohne diese über die Grenzen hinweg kontrollieren zu können. Vertrauen ist zwar gut, aber im Business lebensgefährlich! Vor allem wenn die finanziellen Mittel knapp sind, darf man nicht darauf hoffen, dass ein Geschäftspartner aus ideologischen Gründen zur Rettung der Menschheit die Geschäftsbeziehung aufrecht erhält.

Unternehmer.de: Jetzt zum Positiven! Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz, was waren Ihre größten Erfolge?

Yücel Yanaz: Das ist einfach. Wir haben uns in einem Markt mit Ärzten, Professoren, Apothekern behaupten können, und sind nicht auf die Bedingungen der Pharmahändler eingegangen geschweige denn abhängig davon. Etwas zu verkaufen, das jeder kennt, ist sicherlich im ersten Moment leichter, jedoch ist man da relativ schnell im Preiskampf drin. Wir sind in der glücklichen Lage, unabhängig am Markt agieren zu können, und das Beste daran ist, wir haben unseren Fokus auf das Wohl der Patienten gerichtet. Denn wir sind überzeugt davon, wenn die Bedürfnisse unserer Kunden optimal befriedigt werden, haben wir langfristig einen riesen (auch finanziellen) Vorteil, den uns keiner streitig machen kann. Der größte Erfolg stellt sich jedoch in unseren lächelnden Gesichtern ein, wenn ein zufriedener Kunde uns schreibt, wie froh er war, dieses Hilfsmittel von uns gekauft zu haben.

Unternehmer.de: Welche Tipps würden Sie dann Menschen geben, die sich gerade im Moment mit dem Gedanken beschäftigen, ein Unternehmen zu gründen?

Yücel Yanaz: Wer eine Firma gründen möchte, hat am Anfang sicherlich immer zuerst eine gute Idee, ein gutes Produkt oder eine besondere Dienstleistung. Man sollte aber nicht nur auf den Verkauf konzentriert sein. Wenn man sich gedanklich auf richtig großen Erfolg einstellt, kommt man relativ schnell an den Punkt, an dem auch strategische und logistische Faktoren für Erfolg oder Niederlage veantwortlich sind. Daher sollte man bei Beginn auf jeden Fall einen gut durchdachten Businessplan erarbeiten, um die Aufgaben und Ziele schriftlich zu fixieren.

Unternehmer.de: Angenommen Sie stünden jetzt kurz vor der Gründung. Wie würde die aktuelle Wirtschaftslage Ihre Entscheidung beeinflussen?

Yücel Yanaz: Gar nicht. Wer der Meinung ist, etwas Besonderes gefunden zu haben, sollte nicht allzu viele Gedanken darauf verschwenden, wann der richtige Zeitpunkt dafür sein könnte. Der Spruch „Just do it“ hat – zumindest für uns – eine ganz neue Dimension gewonnen.

Charakter & Ziele

Levent Angün gründete gemeinsam mit Yücel Yanaz AYDON

Unternehmer.de: Welche Charaktereigenschaften sind ein absolutes Muss, um sich als selbstständiger Unternehmer behaupten zu können?

Yücel Yanaz: Das lässt sich mit ein paar Sätzen nur sehr schwer beantworten. Was auf jeden Fall dazu gehört ist der Wille, auch bei Schwierigkeiten weiterzumachen. Man sollte immer bestrebt sein, das Beste aus sich und der Situation herauszuholen und sich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden geben, um Grenzen zu verschieben – im Kopf und im Unternehmen. Viele Menschen haben immer Vorwände, warum etwas nicht klappen kann, dabei vergessen sie, dass sie selbst unendlich viel Energie haben. Eine Portion Neugierde ist auch wichtig, um für neue Ideen und neue Wege offen zu sein und manchmal alte Vorstellungen loszulassen ohne die Gewissheit, auf dem neuen Weg erfolgreich zu werden. Was oftmals auch unterschätzt wird, sind normale Tugenden wie Geduld oder Disziplin. Manche Dinge brauchen eben eine gewisse Zeit, um sich entfalten zu können. Dabei fällt mir die Sendung „Caillou“ ein, die meine Kinder gerne anschauen. Darin sät das Zeichentrick-Kind Caillou Karotten-Samen und wartet anschließend auf die Karotten. Natürlich ist es dann enttäuscht, als am Abend immer noch nichts zu sehen ist.

Unternehmer.de: Sie sind jetzt Ihr eigener Chef: Käme ein Dasein als Angestellter überhaupt noch in Frage?

Yücel Yanaz: Diese Frage hatte ich vor Jahren einen Unternehmer gefragt und er meinte: „Wenn die Gechäfte gut laufen, lache ich über alle Angestellten. Wenn die Geschäfte schlecht laufen, beneide ich sie.

Unternehmer.de: Was sind Ihre Ziele als Unternehmer?

Yücel Yanaz: Kurz- und mittelfristig möchten wir natürlich vor allem in Deutschland, danach aber auch in allen europäischen Ländern vertreten sein, sodass die vielen Phimose-OPs optimal verheilen können. Langfristig möchten wir natürlich weitere Produkte zur AYDON-Familie hinzufügen, um im Bereich Wundversorgung eine wichtige Rolle einzunehmen und die Marke AYDON zu stärken, denn schließlich leben wir nach dem Motto: „AYDON hilft heilen“.

(Bild: © Beboy - Fotolia.de)