Evolution statt Strategie – Unternehmen lernen von der Natur (Teil I)

Veröffentlicht am 12. Mai 2011 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

Themen:

Können Erfolgsrezepte aus der Natur auf die Unternehmensführung übertragen werden? In einer Untersuchung erfolgreicher Unternehmen fanden sich erstaunliche Übereinstimmungen mit den biologischen Prinzipien. Vom fraktalen Prinzip bis hin zur Symbiose bietet die Natur zahlreiche Anregungen, die in der Unternehmensführung angewendet werden können.

Von Christian Kalkbrenner

Modelle und abstrakte Theorien zur erfolgreichen Unternehmensführung gibt es viele. In die Praxis übertragen offenbaren sie schnell was sie sind: Modelle und Theorien. Fragt man Unternehmenslenker unter vier Augen ob das alles so funktioniert hat lautet die Antwort häufig „Teils, Teils“. Das klingt nicht überzeugend. Wer aber als Antwort ein klares „Ja, es funktioniert“ hören will, sollte die neuen alten Methoden beiseite schieben und der Natur über die Schulter schauen.

Deren praxiserprobte Erfolgsrezepte funktionieren seit Jahrmillionen und tatsächlich gibt es sehr erfolgreiche Unternehmen, die es intuitiv der Natur gleich tun. In technischen Disziplinen hat sich dieses Vorgehen unter dem Namen Bionik (eine Wortkombination aus Biologie und Technik) schon seit einigen Jahrzehnten bewährt. Im Bereich der Unternehmensführung wurden nun zahlreiche Unternehmen, darunter auch viele Wachstums-Champions, d.h. Unternehmen die schneller wachsen als ihre Konkurrenz, untersucht. Dabei fanden sich erstaunliche Übereinstimmungen mit den biologischen Prinzipien.

Wachsen nach dem fraktalen Prinzip

Das fraktale Prinzip am Beispiel eines Romanesco

Der Mathematikprofessor Benuît Mandelbrot prägte den Begriff „Fraktal“. Dabei handelt es sich vereinfacht ausgedrückt um das Phänomen, dass die Teilelemente die gleichen Strukturen haben wie das große Element, dem sie angehören. Es tauchen immer wieder die gleichen Strukturen auf, egal in welcher Vergrößerung das Element mikroskopisch betrachtet wird. Zu beobachten ist dieses fraktale Prinzip bei Blutgefäßen und Farnen. Besonders gut sichtbar ist es bei der Blumenkohlart Romanesco.

In den 90-er Jahren experimentierten Unternehmen mit der fraktalen Organisationsform. Sie gingen von der Annahme aus, dass die kleinste unternehmerische Einheit ein Mitarbeiter sei, der wie ein Unternehmen im Unternehmen tickt. Mettler-Toledo, der Weltmarktführer unter den Waagenherstellern, galt damals als fraktales Vorzeigeunternehmen. Das Unternehmen verstand es, an die Selbstverantwortung seiner Mitarbeiter zu appellieren und auf diese Weise Kleinserien und Großserien in wechselnden Rhythmen gewinnerzielend herzustellen. Im gleichen Zusammenhang zog die Automobilindustrie damals die teilautonome Fertigung in der Produktion als neue Leitlinie ein.

Eines der Unternehmen, das sich auch heute zur fraktalen Organisation bekennt, ist die Hönigsberg & Düvel International Group. Das im IT-Bereich angesiedelte Unternehmen wuchs in den letzten Jahren von 60 auf über 1.200 Mitarbeiter, indem es sehr viel Wert auf das Thema Selbstverantwortung legte und damit die Möglichkeit zur Entscheidung sehr rasch delegierte. Auch andere erfolgreiche und schnell wachsende Unternehmen wie der Systemgastronom Vapiano und die auf das Bevorratungsmanagement spezialisierte Würth Industrie Service (ein Tochterunternehmen der Würth AG) wenden diese Führungsprinzipien an.

Spezialisierung

Ein anderes Phänomen aus der Natur ist die Fähigkeit zur Anpassung und Spezialisierung, um die eigene Überlebensfähigkeit zu sichern. Diese ist beispielweise beim Chamäleon und beim Ameisenbär auf eine sehr ausgeprägte Art und Weise zu beobachten. Beide haben sich in Kenntnis ihrer Umgebung perfektioniert: das Chamäleon, um selbst nicht so leicht zum Opfer zu werden, und der Ameisenbär, um sich in einer speziellen Nische als Nummer eins gebärden zu können.

Die gleiche Strategie zur Überlebenssicherung findet sich in der Unternehmensführung von Tchibo. Das Unternehmen mutiert seit Jahren. Ursprünglich ein Kaffeebohnenanbieter eröffnete es Handelsunternehmen an über 800 Standorten und betreibt mittlerweile auch einen online-Shop, in dem der Kunde sogar Gas bei seinem Energieversorger einkaufen kann. Das Modell funktioniert, weil die Kunden Tchibo vertrauen und die Philosophie „alles aus einer Hand“ schätzen.

Eine ganz andere Spezialisierungsstrategie fahren Avira oder Carthago Reisemobile. Avira programmiert Antivirensoftware, die in fast 100% der Fälle hilft und weltweit eingesetzt wird. Carthago produziert Wohnmobile für das Premiumsegment. Beide Unternehmen wachsen seit Jahren mit ihrer „Ein-Produkt-Lösung“ nachhaltig und überdurchschnittlich. Beide kennen ihre Kunden und ihre Mitbewerber sehr genau. Sie stehen jeweils für bestimmte Markenversprechen, die der Markt entsprechend honoriert.

Ähnlich wie in der Natur führen auch hier die unterschiedlichen Wege zum Erfolg, weil sie zur Umgebung passen und mit Konsequenz verfolgt werden.

Weitere Artikel dieser Serie:

Evolution statt Strategie – Unternehmen lernen von der Natur (Teil II)

(Bild: © Johannes Stupp – Fotolia.com)