Glücksforschung – eine stille Revolution

Veröffentlicht am 7. Januar 2009 in der Kategorie Management & People Skills von

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mit Humor heikle Situation lösenSeit vor gut zehn Jahren auch Ökonomen und Psychologen begonnen haben, sich für Fragen der Glücksforschung verstärkt zu interessieren, nahm dieses Forschungsfeld einen einzigartigen Aufschwung. In der Ökonomie gehört dieses Themenfeld mittlerweile zu den Topthemen, die in den international führenden Journals des Faches diskutiert werden.

In der Psychologie wurde 1998 sogar ein neuer Forschungszweig, die „Positive Psychologie“, von führenden amerikanischen Psychologen (u.a. von Martin Seligman) gegründet. Neuerdings haben die Erkenntnisse der Glücksforschung auch in der Politik und in der Managementlehre Einzug gehalten.

So hat etwa der Harvard Business Review im Dezember 2007 die zwischen- menschlichen Beziehungen als wesentlichen Faktor des Unternehmens- erfolgs aufgegriffen und Bundespräsident Horst Köhler seine Berliner Rede vom 1. Oktober 2007 unter das Thema Das Streben der Menschen nach Glück verändert die Welt gestellt.

Internationale Organisationen wie die OECD sowie die EU-Kommission und das EU-Parlament denken derzeit intensiv darüber nach, wie gesamtwirtschaftlich Fortschritt gemessen werden kann. Das Bruttoinlandsprodukt ist dafür nicht (mehr) der geeignete Indikator.

Auch die Regierung des Vereinigten Königreichs ist hier - dank der Initiativen und des Einflusses von Sir Richard Layard, einem Ökonomen von der London School of Economics - schon weit.

Vor Kurzem unterzeichnete der 27-jährige König von Buthan, Jigme Khesar Namgyel, die erste Verfassung des Landes. Darin ist u.a. festgehalten, dass die Regierung das „Bruttosozialglück“, das heißt die Zufriedenheit der Bürger, maximieren muss.

Aristoteles hat es bereits vor langer Zeit treffend formuliert: “Glück ist das letzte Ziel menschlichen Handelns.”

Was sind die Erkenntnisse aus der Glücksforschung?

Weltweite Befragungen zur Lebenszufriedenheit zeigen, dass in den letzten Jahrzehnten die westlichen Industrieländer ein zwar in der Geschichte einzigartiges Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatten, die Lebenszufriedenheit in diesem Zeitraum allerdings nicht zugenommen hat.

In der Literatur spricht man vom sogenannten Easterlin-Paradoxon, das nach dem Ökonomen Richard Easterlin benannt wurde, der diesen Sachverhalt bereits 1974 problematisierte.

Diese Erkenntnis ist allerdings ein Problem für die gängige ökonomische Theorie, die davon ausgeht, dass sich das persönliche Wohlbefinden mit der Zunahme materieller Güter, die einem zur Verfügung stehen, erhöht. Die Annahme „mehr ist besser als weniger“ ist grundlegend in der mikroökonomischen Theorie; Vergleich und Gewöhnung kommen nicht vor.

Vergleich und Gewöhnung sind aber gerade die Ursachen des Easterlin-Paradoxons. Zum einen ist - sofern die materielle Existenz gesichert ist - weniger das absolute Einkommen, sondern vielmehr das relative Einkommen - das eigene Einkommen im Vergleich mit dem anderer Menschen - entscheidend.

Die Summe der Rangplätze in einer Volkswirtschaft ist aber fix: Steigt einer auf, muss ein anderer absteigen. Es handelt sich also um ein Nullsummenspiel. Zum anderen passen sich die Ansprüche und Ziele an die tatsächliche Entwicklung an, das heißt: Mit steigendem Einkommen steigen die Ansprüche, so dass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst, der Mensch befindet sich in der sogenannten hedonistischen Tretmühle.

Wenn es das Materielle nicht ist, was macht uns aber dann glücklich? Nach den Erkenntnissen der Glücksforschung kommt es hier im Wesentlichen auf gelingende Beziehungen zu anderen Menschen (Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen) und danach auf das Gefühl, etwas Nützliches zu tun / tun zu können (Freude durch Arbeit) sowie auf Gesundheit und Freiheit  an.

Glück fällt einem also nicht in den Schoß, Glück muss man sich „sozusagen“ erarbeiten, Glück braucht Aktivität.

Glücksforschung: Was tut sich in Sachen „Glück“ in unserem Land?

Am 25.7.2008 wurde die Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg für das von ihr eingeführte Schulfach „Glück“ mit dem Preis „Deutschland Land der Ideen - Ausgewählter Ort 2008“ ausgezeichnet. Ziel des Unterrichts ist nicht weniger als die Stärkung der Persönlichkeit, der Zuversicht und der Lebensfreude von SchülerInnen sowie die Förderung von sozialer Verantwortung.

„Nur ein glücklicher Schüler kann auch lernen … Die Schüler sollen auf der sinnlichen, körperlichen und emotionalen Ebene positive Erfahrungen machen.“, so Ernst Fritz-Schubert, der Leiter der Willy-Hellpach-Schule und Initiator des Schulfaches „Glück“.

Dieser Schulversuch, der im Schuljahr 2007/2008 begonnen hat, wurde wissenschaftlich begleitet. Aus diesem Anlass fand am 25.7.2008 auch ein Symposium in Heidelberg statt, auf dem die Ergebnisse dieses Schulversuches aus wissenschaftlicher Sicht  vorgestellt wurden.

Danach hatte das Fach „Glück“ starke (positive) Wirkungen auf die Persönlichkeitsbildung der SchülerInnen. Es ist nun wohl auch an der Zeit, ernsthaft über eine breitflächige Einführung des Fachs „Glück“ an deutschen Schulen nachzudenken.

Gebot einer erfolgsorientierten Unternehmensführung

Auch die Unternehmen besinnen sich auf den Menschen als Ganzes, und zwar nicht primär als sozialen Akt, sondern als ein Gebot einer erfolgsorientierten Unternehmensführung.

Die großangelegte Studie Unternehmenskultur, Arbeitsqualität und Mitarbeiterengagement, die die Psychonomics AG und die Universität Köln im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erstellt hat, und die im Dezember 2007 ans Ministerium übergeben wurde, zeigt: Die Frage, ob die Mitarbeiter engagiert und motiviert sind, hängt entscheidend von der Unternehmenskultur, also von der Frage des Umgangs mit den Mitarbeitern ab.

Die Studie zeigt ferner, dass mitabeiterorientierte Unternehmen wirtschaftlich deutlich erfolgreicher sind. Dies heißt aber auch, dass Schulen und  Hochschulen gefordert sind, neben kognitiver auch soziale Kompetenz zu vermitteln.

„Manager von morgen müssten eine partnerschaftlich orientierte  Unternehmenskultur und ethikorientierte Führung verfolgen.“ (Wirtschaftswoche vom 2.6., „Hochschulranking“)

Niederschlag hat dieses Denken auch in einem eigenen CHE-Ranking gefunden, das das CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) für und mit dem Arbeitskreis Personalmarketing (Zusammenschluss von  Personalmarketingverantwortlichen von 43 großen Unternehmen in Deutschland, vertreten sind unter anderen Audi, BMW, HypoVereinsbank, Deutsche Bahn AG, Deutsche Bank und SAP) erstellt hat.

Dieses Ranking stellt nicht auf die Fachkompetenz ab (diese wird als selbstverständlich angenommen), sondern nur auf berufsqualifizierende Elemente wie Methodenkompetenz, Sozialkompetenz, Praxisorientierung und Internationalisierung.

'Im Zentrum der Studie steht die Frage, inwieweit Hochschulen über die Vermittlung der Fachkompetenz hinaus berufsqualifizierende Elemente, wie beispielsweise die Vermittlung von Sozial- und Methodenkompetenz oder die Förderung von Internationalität und Praxisbezug systematisch in ihre Curricula integrieren. Die Fachkompetenz bildet nach wie vor den Kern der Studiengänge. Hier haben die Hochschulen lange Erfahrung und dies war daher auch nicht Gegenstand dieses Ratings.', so das CHE.

Demnächst wird der 2. Fortschrittsbericht der Bundesregierung zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung aus dem Jahre 2002 veröffentlicht werden. Zumindest die Vorarbeit stimmt hier optimistisch:

„Politik, Gesellschaft und die mediale Berichterstattung (in Deutschland, Anmerkungen des Verf.) sind bisher in erster Linie auf quantitatives Wachstum orientiert. Die Meinung ist verbreitet, dass es uns besser geht, „wenn etwas wächst“. Die Tatsache, dass Wachstum nicht gleichzusetzen ist mit gesellschaftlicher Wohlfahrt, ist kein allgemeiner Konsens. Eine bessere Vermittlung der Zusatzaspekte der Wohlfahrt gegenüber Wachstum ist erforderlich.“ (Umweltbundesamt, Ergebnisbericht zu den Fachdialogen zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie 2007 vom 25. Feb. 2008, S. 61)

Sollten wir daher nicht langsam auch in den Kategorien dies Bruttosozialglücks anstatt in denen des Bruttoinlandsprodukts denken? Außerhalb Deutschlands hat dieser Prozess schon begonnen.

„Das Maß der Dinge ist der Mensch.“ (in der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft)
(Wilhelm Röpke, 1899 – 1966)

In Analogie zu einem bekannten Song aus den 80er Jahren hat die FAZ am Sonntag am 7.12.2008 auch einen Beitrag mit „Wir steigern das Bruttoglücksprodukt! Der Reichtum des Westens wächst, das Glück nicht. Weil Geld nicht glücklich macht.“ überschrieben.

Glücksforschung: Literaturempfehlungen

  • Ben-Shahar, T., Glücklicher: Lebensfreude, Vergnügen und Sinn finden, München 2007.
  • Clark, A., Frijters, P., Shields, M., Relative Income, Happiness, and Utility: An Explanation for the Easterlin Paradox and Other Puzzles, in: Journal of Economic Literature, Vol. 46/1, März 2008, S. 95-144.
  • Fritz-Schubert, E., Schulfach Glück, Freiburg 2008.
  • Layard, R., Die glückliche Gesellschaft – Kurswechsel für Politik und Wirtschaft, Frankfurt/New York 2005.
  • Lyubomirsky, S., Glücklich sein – Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben, Frankfurt/New York 2008.
  • Ruckriegel, K., Glücksforschung – zu den Implikationen der Glücksforschung für die betriebliche Personalpolitik, in: Schneider, H., Klaus, H. (Hrsg.), Mensch und Arbeit, 11. Auflage, Düsseldorf 2008, S. 279-296.

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