Wo sind unsere Erfinder? Gibt es keinen deutschen Mark Zuckerberg? [Kolumne]

Veröffentlicht am 19. Mai 2015 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

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Deutschland - ein Land ohne Vision, Ideen & Gründungen? [Kolumne]

Die meisten wichtigen Erfindungen kommen heute aus den USA. Meist erfindet jemand aus der dortigen Gründerszene die Erfindung in einer Garage. Haben wir nicht genug Garagen – oder warum klappt es nicht so richtig mit dem Gründerboom hierzulande? Liegt es an der Finanzplanung? Oder kommt bei uns etwa die Ideen-Feuerwehr? Als ich jüngst alte Pappkartons aus meiner Garage entfernte, befiel mich die Frage, warum die Garage in den USA im Gegensatz zu uns einen so legendären Ruf genießt: Google, Amazon, Microsoft, diese globalen Riesen – alle angeblich in einer Garage gegründet.

Die Garage: Ort aller erfolgreichen Gründungen?

Warum, frage ich mich? Es gibt viele andere nette Orte auf dieser Welt – die Gartenlaube, auch die Poggenpohl-Küche oder die Abstellkammer gehören dazu. Warum nicht dort?

Auch die amerikanische Garage verfügt weder über große helle Ausstellfenster noch über Bodenheizung, die in der kälteren Jahreszeit zu Erfindungen einladen. Ich habe ja meine Zweifel an diesem ganzen Hype: Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass es aus dieser Zeit nicht ein einziges Foto von Bill Gates oder Mark Zuckerberg in der Garage gibt? Ich bezweifele, dass einer von beiden je dort gesessen hat – und Pizza haben sie sich auch nicht bestellt.

Wo sind unsere Erfinder? Gibt es keinen deutschen Marc Zuckerberg? [Kolumne]

 

(Illustration: © mediendesign AG)

Warum gibt es so viele Nagelpflege-Studios? Darum:

Aber das mit der Garage ist ja ein schöner Mythos, den wir gerne glauben, weil er für eine riesige Generation mobiler junger Menschen steht, die in den USA wegweisende Erfindungen austüfteln und Taxi-Apps und 3-D-Drucker basteln, anstatt ihre Schulaufgaben zu machen.

In Deutschland, das hab ich jetzt in einer Studie gelesen, ist dieser Gründergeist wenig ausgeprägt. Zwar weist das Startup-Barometer für das Jahr 2013 808.000 Neugründungen aus, davon sind aber 562.000 Nebenerwerbsgründer, 52% Frauen. Deshalb haben wir zwar die höchste Anzahl von Nagellackstudios und Kakteengärten in der Welt, aber bringen keine Googles und Amazons und Facebooks zustande. Es könnte damit zu tun haben, dass bei uns nicht genügend Garagen zur Verfügung stehen oder dort kein Platz zum Erfinden ist, weil links die Gartengeräte sauber an der Wand hängen und rechts dutzende von Jahrgängen der Zeitschrift „Brigitte“ rumliegen.

Mosel, Rhein & Glottertal statt Silicon Valley

In Deutschland gibt es kein Silicon Valley. Keine Erfinderhochburgen, keine Kreativitätschmieden. Klar, als Valley könnten wir die Mosel anbieten, aber die ist schon völlig verbaut. Am Rhein ist es schön, aber nicht innovativ, und im Glottertal nistet immer noch die Schwarzwaldklinik ein. Wir haben einfach kein Tal für sowas Modernes.

Philosophisch veranlagte Menschen erklären mir, dass die Amerikaner derzeit nur nachholen, was unsere Vorfahren bereits direkt nach dem 2. Weltkrieg erledigt haben:

  • Gründen,
  • Aufbauen,
  • immer wieder von vorne starten.

Irgendwann haben wir Deutschen es eben auch mal satt mit dem Immer-wieder-von-vorne-Starten. Vielleicht fehlt auch Geld? Angeblich haben sich die Venture-Capital-Geber zurückgezogen, weil sie nicht in noch eine neue Geschmacksrichtung von Zitronenbrause oder in die 361. Sorte Bier investieren wollen.

"Bei uns zählt nur Erfolg" - Warum die Deutschen nicht scheitern dürfen

Es liegt wohl, so erkläre ich mir das, aBusinessman standing on Jaws of shark , eps10 vector formatm ehesten am Scheitern. Bei uns ist Scheitern quasi verboten, in den USA muss man überhaupt erst ein- oder zweimal auf dem nüchternen Boden der Tatsachen gelandet sein, bevor man ernst genommen wird. Das aber ist bei uns irgendwie verpönt. Bei uns zählt nur der Erfolg. Tausende von Coaches treiben uns nach vorne und erklären, wie Erfolg geht.

Nur der Erfolgreiche zählt bei uns. Der, der irgendwann mal schwer Lehrgeld gezahlt hat, gilt als gescheiterte Existenz. Könnten Sie sich bei uns vorstellen, dass Fernsehkoch Johann Lafer ein Schnitzler völlig verbrutzelt, seine Pfanne in einem Weinkrampf gegen die Wand schleudert und schluchzend zu Boden sinkt.

Sehen Sie: In den USA würden die Einschaltquoten bei solch einer Szene in traumhafte Höhen schießen, bei uns hierzulande würden die meisten abschalten – so was wollen wir nicht sehen, immerhin haben wir eingeschaltet, um das Rezept für die Gewürzmischung für Bohnensalat zu erfahren. Wie soll jetzt das Mittagessen fertig werden? Scheitern ist bei uns nicht gesellschaftsfähig. Da denken wir Deutschen viel praktischer als die Amerikaner.

Lampe, Licht & Bröselkekse - War's das schon?

Deshalb bringen wir auch keine bedeutenden Gründer hervor. Unsere Gründungen liegen lange zurück: Im 19. Jahrhundert hat Herr Bahlsen die weltweiten Bröselkekse erfunden, Licht, Lampe und Elektrizität gehen irgendwie auch auf unser Konto, aber das war`s dann auch schon.

Gründen heißt immer außerhalb des Mainstreams laufen, die Sachen anders machen, anders denken und – von seiner Vision befallen sein. Die Vision muss sich wie eine griechische Schwammmuschel an einem festsaugen, muss einen Tag und Nacht verfolgen, muss sich ausbreiten wie ein Ebola-Virus, muss andere befallen, die plötzlich ebenso begeistert sind wie wir selber. Im Traum müssen sich Innenstädte aufbauen, in denen Taxis, von tausenden von Apps gerufen, umherschwirren wie in einem Ameisenhaufen. Da muss Feuer überschlagen, selbst wenn die Idee noch so verrückt klingt und ihre Umsetzung so gut wie unmöglich ist.

Ein Land ohne Visionen! Doch: Fiebern für die Bundesliga ist erlaubt

soccer 2014So ein Geist ist schwierig in einem Land ohne Visionen, einem Land, in dem überschäumende Begeisterung als infantil, Fiebern für etwas nur dann erlaubt ist, wenn gerade Bundesliga läuft. Ansonsten bringt Fiebern einen zum Kassenarzt oder wegen Unzurechnungsfähigkeit gleich in die Nervenheilanstalt.

Außerdem kommt uns Bequemlingen meist der Sommerurlaub dazwischen oder das längst geplante Grillfest, in besonders heftigen Fällen auch die Auswanderung nach Neuseeland. Da stehen wir dann für Erfindungen eben nicht mehr zur Verfügung.

Also alles hoffnungslos? Wir Deutschen sind immer dann besonders stark, wenn es um unser Leben und unsere Existenz geht. Wenn wir müssen, dann können wir. Aber sollten wir wirklich hoffen, dass wir mal wieder müssen? Vielleicht sollten wir damit beginnen, alle Brigitte-Zeitschriften aus allen Garagen in Deutschland entfernen, uns dann einen Eimer Eiswasser über den Kopf gießen und Facebook mit unseren nassen Selfies überfluten.

Dann besetzen wir alle verfügbaren Garagen in Deutschland, erklären diese zu autonomen Erfinderzonen, die, wie in der Ukraine, damit drohen, sich selbstständig zu machen, selbst wenn die Maut kommt, und verlegen unsere Schlafstatt neben die Brigitte-Hefte, die beharrlich bleiben wollen. Na also, es geht doch!

Vielleicht hilft Ihnen ja auch ein Gründungscheck bei Ihrer Existenzgründung auf die Sprünge!

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