Startup-Interview: „Wir möchten das Google für Verlorenes werden“

Veröffentlicht am 25. August 2014 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

Themen: , ,

Es wird wohl jedem schon einmal passiert sein: Man ist im Stress, nur einen einzigen Moment lang unachtsam und schon hat man die Tasche in der Bahn liegen lassen. Oder: Die Katze ist mal wieder entlaufen, was nun? Früher hieße das, man müsste alle Fundbüros der Stadt und der verschiedenen Instanzen durchklingeln. Oder womöglich sogar, im Umkreis von 2 Kilometern an jeder Tür eine Suchmeldung ankleben. Das kostet nicht nur Zeit sondern auch gehörig Nerven. Das Zentrale Fundbüro dachte sich: Das geht einfacher! Wir haben uns mit Markus Schaarschmidt, dem Gründer und Geschäftsführer des Startups, über die Gründungsphase, Innovationen und Finanzierung unterhalten.

Startup-Interview: "Wir möchten das Google für Verlorenes werden"unternehmer.de: Wer seid Ihr und was macht Ihr?

Markus Schaarschmidt: Wir sind die Betreiber des Zentralen Fundbüros, der Onlineplattform für alles Verlorene, Gefundene oder sogar Gestohlene – egal ob geliebter Teddybär, USB Stick, Laptop, Regenschirm, Haustier oder sogar Baustellenfahrzeug. Mit über 130.000 Einträgen konnten wir uns innerhalb kürzester Zeit zu Deutschlands größtem Fundportal entwickeln.Was wir machen, ist simpel: Auf unserer Seite www.zentralesfundbüro.de können Suchender und Finder einer Sache schnell und unkompliziert miteinander in Kontakt treten, wovon letztlich beide Seiten profitieren. Das gilt nicht nur für Privatpersonen – insbesondere Unternehmen und Vereinen bieten wir weitreichende Möglichkeiten. Ob direkt über unsere Webseite, über eine Schnittstelle zu unserer Datenbank oder der eigens entwickelten Unternehmenssoftware ‘Zentraler Fundbüro Manager’.

Inspiration: Vergessener Rucksack

unternehmer.de: Wie seid Ihr auf eure Geschäftsidee gekommen?

Markus Schaarschmidt: Wie so oft basieren die besten Ideen oftmals auf eigenen Erfahrungen. Im Sommer 2013 vergaß ich, an einer S-Bahn Haltestelle meinen Rucksack. Die Odyssee, die ich bei meiner Suche hinter mich bringen musste, die zahlreichen Instanzen, die es zu überprüfen galt – sie alle brachten mich auf die Idee etwas an der unüberschaubaren Fundlogistik in Deutschland zu ändern.

unternehmer.de: Wann habt Ihr den Entschluss gefasst selbst ein Unternehmen zu gründen?

Markus Schaarschmidt: Das Fundbüro ist nicht unser erstes Projekt, von daher kam der Gedanke recht schnell aus der ersten Idee etwas Größeres zu schaffen. Schon während des Studiums haben wir zusammen gearbeitet. Nachdem wir als Dienstleister ein paar “Fremdprojekte” durchgeführt hatten, waren wir uns aber einig, dass wir eigene Visionen verwirklichen wollen. So setzten wir uns zusammen, forschten und stellten fest: “Eine Zentrale für Fundsachen gibt’s noch nicht? Dann wird es höchste Zeit!” - und da wir allesamt von jeher an Projektarbeit gewöhnt waren, konnten wir innerhalb weniger Monate das Projekt fertigstellen.

unternehmer.de: Was habt Ihr davor gemacht?

Markus Schaarschmidt: Wir kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen - und genau das macht unsere Stärke aus. Im Austausch werden Thematiken von den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet, wodurch zahlreiche etwaige Probleme bereits im Keim erkannt und erstickt werden. Nehmen wir mich: Ich hatte an der THM Gießen Informatik studiert und war lange Zeit als IT-Consultant für Unternehmen im Rhein-Main Gebiet tätig. Doch schon während des Studiums packten mich Ambitionen eigene Ideen umzusetzen. Oder Antonio Vega, unseren Verantwortlichen für die Pressearbeit. Er hatte zuvor an der Goethe Universität Frankfurt Sprach- und Politikwissenschaft studiert. Hinzu kommen noch weitere Teammitglieder aus den Bereichen Recht, Wirtschaft, Grafikdesign, aber natürlich auch noch Unterstützer aus der IT. Dank der einzigartigen Konstellation ergänzen wir uns gegenseitig hervorragend.

Die Finanzierung war die größte Hürde

unternehmer.de: Was waren Eure größten Sorgen bei der Gründung und in den ersten Monaten? Gab es Momente in denen Ihr an der Idee gezweifelt habt?

Markus Schaarschmidt: Da es eine Plattform wie Das Zentrale Fundbüro noch nicht gegeben hat, mussten wir sehr kreativ bei der Entwicklung sein. Als die Seite online war, brachte uns die teilweise doch sehr unkooperative Haltung behördlicher Stellen das ein oder andere Mal ins Grübeln. Als wir z. B. einer großen Stadt im Rhein-Main Gebiet unsere Portal als Bürgerservice näherbringen wollten, da deren städtisches Fundbüro auch heute noch keinerlei Onlinepräsenz vorweisen kann, wurde uns tatsächlich ein “Wer sucht denn online bitte nach Verlustsachen?” entgegengebracht. Zugegebenermaßen gehören die Ansprechpartner dieser Stellen oftmals zu einer nicht ganz IT-affinen Generation. Das Fehlen übergeordneter Instanzen macht es noch schwieriger, hier eine Durchdringung zu erreichen, wenngleich jüngere Beamte/-innen sofort den Nutzen unseres Dienstes erkennen. Da helfen letztlich nur noch Bemühungen zur Sensibilisierung moderner Kundenbedürfnisse oder ein Generationswechsel - auf Letzteres werden wir aber sicherlich nicht warten.

unternehmer.de: Was war die größte Hürde die Ihr überwinden musstet?

Markus Schaarschmidt: Zugegebenermaßen war der finanzielle Aspekt unsere größte Hürde. Vorherige eigene Projekte, die wir angepackt und umgesetzt haben, konnten wir komplett eigenfinanzieren. Für dieses Projekt begeben wir uns nun erstmals auf die Suche nach Investitionspartnern, denn wir haben noch große Pläne für die Plattform. Von Weiterentwicklungen und Marketingaktionen bis hin zu zahlreichen neuen Features und Social Media Kampagnen bereiten wir uns derzeit auf weitreichende Maßnahmen vor.

unternehmer.de: Wenn Ihr heute zurückblickt: Was waren die größten Fehler, die Ihr vor oder während der Gründung begangen habt?

Markus Schaarschmidt: Wir waren allesamt sehr schnell von der Planung und Realisierung des Zentralen Fundbüros eingenommen und haben uns dabei sehr stark auf das Technische sowie aufs Marketing konzentriert. Unsere Begeisterung für das Projekt führte dazu, dass wir es möglichst schnell funktionsfähig sehen wollten. Ein Stück weit außer Acht gelassen hatten wir dabei die Finanzierung - diese geriet erst in unseren Fokus, als wir etwas vorzuweisen hatten. Sprich, als die Webseite bereits online war. Im Nachhinein wäre ein synchroneres Vorgehen klüger gewesen. Aber insgesamt sind wir den Tunnelblick rasch losgeworden und können nun ein umfassendes Konzept vorweisen.

Startup-Interview mit dem Zentralen Fundbüro: Vermisst, Verloren, Gestohlen? Gefunden!

Positives Feedback bestätigt den Nutzen der Idee

unternehmer.de: Jetzt zum Positiven! Worauf seid Ihr im Rückblick besonders stolz, was waren Eure größten Erfolge?

Markus Schaarschmidt: Sehr gefreut hat uns das fast durchweg positive Feedback. Schon bei der Ideenentwicklung kristallisierte sich das heraus - vor allem, weil sich viele direkt in das Projekt einbringen wollten. Auch auf diversen Investmentveranstaltungen für Startups konnten wir begeistern. Ein ganz besonderer Moment war es aber auch, als die Presse anfing über unsere Plattform zu berichten. Von Tageszeitungen, Online-Magazinen, Blogs bis hin zu Interviewanfragen. Plötzlich erhalten wir ein hohes Maß an Aufmerksamkeit; darauf sind wir tatsächlich stolz. Nachdem jetzt auch positives Feedback erfolgreicher Rückführungen von der Nutzerseite kommt, also das Proof-of-Concept sich zeigt, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Pfad sind.

unternehmer.de: Gibt es irgendeine lustige Anekdote oder kuriose Begebenheit aus Eurer Geschichte zu erzählen?

Markus Schaarschmidt: Die gibt es in der Tat. Erst kürzlich ist etwas passiert, das uns letztlich sogar mit einem potenziellen Investor enger in Kontakt brachte. Dieser hatte nämlich während eines Kurzurlaubs seine Digitalkamera verloren. Nachdem wir ihm das Projekt vorgestellt hatten versuchte er sein Glück und siehe da: jemand hatte seine Kamera in die Datenbank eingetragen. Für uns ist das natürlich eine hervorragende Ausgangsposition, da unser Kontakt ja im Prinzip durch ein Proof-of-Concept zustandekam. Wenn jetzt noch Mark Zuckerberg bei der nächsten Deutschlandreise seinen verlorenen USB-Stick über uns wiederfinden könnte, wäre das natürlich klasse!

Ein Gründer muss mutig und kritikfähig sein!

unternehmer.de: Welche Tipps würdet Ihr angehenden Existenzgründern geben? Was ist vor allem in der Gründungsphase und kurz danach besonders wichtig?

Markus Schaarschmidt: Um es in drei Schlagworten auszudrücken: Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit und Änderungsbereitschaft. Man kann glauben ein fertiges Konzept entwickelt zu haben, aber im Austausch mit Team, Kunden und Investoren wird sich herausstellen, dass manchmal nicht nur einzelne Punkte überarbeitet werden müssen. Selbst Elementares wie etwa die Zielgruppe kann sich mit neuen Erkenntnissen schlagartig ändern - dann darf man nicht so stur sein und an ursprünglichen Plänen festhalten. Auch die eigenen Ideen müssen in einer solchen Situation also als änderbares Konzept verstanden werden, nicht als in Stein gemeißeltes Dogma. Das Wohl des Projekts muss an erster Stelle stehen, daher braucht man die Bereitschaft zu teils auch sehr drastischen Änderungen. Das fordert ab und an ein ziemlich dickes Fell. Wer allerdings konstruktive Kritik nicht verträgt und den Ergebnissen der eigenen Analysen nicht folgt, der hat in einer schnelllebigen Branche wie der IT schlechte Karten.

unternehmer.de: Welche Charaktereigenschaften sollte ein Gründer definitiv mitbringen?

Markus Schaarschmidt: Im ersten Schritt vor allem eine gehörige Portion Mut und Risikobereitschaft. Gepaart werden muss das aber von Beginn an mit einer Fähigkeit zur realistischen Selbstkritik und Produkteinschätzung. Außerdem sollte man mit Leidenschaft zur eigenen Sache stehen - denn es wird kein regulärer “9 to 5”, wie man im Englischen so schön sagt. Als Gründer ist man immer mit seinem Projekt beschäftigt - ob im Büro oder am Badesee, denn im Zweifel ist man spontan gefragt und muss sofort reagieren. Daher muss Einsatzbereitschaft über das aus der Lohnarbeit gewohnte Maß hinaus erbracht werden. Ebenso sollte man nicht nur überzeugend, sondern auch tatsächlich vom eignen Projekt überzeugt sein - sowohl in der internen als auch in der externen Kommunikation, egal ob man nun mit Investoren oder dem eignen Team spricht.

Startup-Interview mit dem Zentralen Fundbüro: Vermisst, Vergessen, Verloren? Gefunden!

Innovationen brauchen Investoren

unternehmer.de: Was fehlt Euch noch zum Glück (ein Mitarbeiter, ein Investor, ...)?

Markus Schaarschmidt: Im Großen und Ganzen ist unser Glück fast komplett - der Business Plan steht und eine Vielzahl unterschiedlicher Zusatzfunktionen sowie Marketing- und PR-Maßnahmen stehen in den Startlöchern. Gespräche und Termine mit wichtigen Branchenvertretern finden statt, unser Unternehmen ist also auf dem besten Weg sich als Dienstleister zu etablieren. Auch personell sind wir bestens aufgestellt, da sehr früh reger Zulauf für das Projekt erfolgte, sodass sich ein starkes Team bilden konnte. Was uns tatsächlich noch fehlt sind solide, größere Investoren. Denn wir haben wie gesagt bereits zahlreiche Pläne in der Hinterhand, doch um diese umzusetzen brauchen wir schlicht und ergreifend finanziellen Support. Dieser wurde uns zwar bereits von einigen Stellen angeboten, aber der richtige Partner war noch nicht dabei.

Stagnation ist in der IT-Branche keine Option

unternehmer.de: Gibt es schon Ideen wie das System oder die Anwendung noch verbessert werden könnten?

Markus Schaarschmidt: Selbstverständlich! Gerade in der IT-Branche ist Stagnation kein haltbarer Zustand. Neben der Einführung neuer Features (erweiterter Suchauftrag, Premiumeinträge, etc.) sind auch erweiterte Diensleistungsangebote mit branchenähnlichen Services geplant. Doch nicht nur die Anwendungen selbst werden sich stetig ausweiten - mit dem Fundbüro als Grundgerüst lassen sich noch ganz andere Einkommenszweige realisieren, die sich im Gespräch mit B2B Kunden als profitabel herausgestellt haben. Doch eins nach dem anderen, vorerst konzentrieren wir uns auf den Ausbau auf Software- und Funktionsebene.

unternehmer.de: Ihr habt noch keine App. Habt Ihr vor, noch eine zu entwickeln?

Markus Schaarschmidt: Das ist ein für uns hochaktueller Punkt. Denn eine App ist heutzutage ein Muss. Und weil Sie explizit gefragt haben, erfahren Sie es auch als Erste: Wir planen noch im August die Veröffentlichung sowohl einer Andorid- als auch eine iOS App. Somit werden die Apps vielleicht sogar schon verfügbar sein, wenn dieses Interview veröffentlicht wird. Am besten sollten Ihre Leser das einfach selbst nachprüfen oder einen unserer Social Media Kanäle abonnieren, dann erfahren sie auf jeden Fall vom Release.

unternehmer.de: Gibt es Pläne das Zentrale Fundbüro auch als anderssprachige Version im (europäischen) Ausland anzubieten? Kann es auch heute schon von Personen im Ausland genutzt werden?

Markus Schaarschmidt: Die gibt es tatsächlich. Als Onlinedienst ist unser Service natürlich weltweit erreichbar. Allerdings haben wir die Ausweitung unserer Funddatenbank bisher auf Deutschland und einige Nachbarländer beschränkt - und sind mit über 130.000 Einträgen das größte Online-Fundbüro. Das Prinzip lässt sich ziemlich einfach auch auf andere Länder übertragen. Dadurch eröffnet sich ein unfassbares Wachstumspotential für unser Projekt. Zurzeit arbeiten wir schon an einer englischen Version, sodass wir den Internationalisierungsprozess vorantreiben können. Ein Ziel ist es auf jeden Fall: Die globale flächendeckende Zurverfügungstellung eines Fundlogistik-Netzwerks. Dann ist es auch egal, ob Sie Ihren USB-Stick in New York oder Nürnberg verloren haben - irgendwo ist vielleicht jemand, der Ihr Gut gefunden hat und es beim weltweit bekanntesten und größten Online-Fundbüro einstellt. Kurz gesagt: Wir möchten das Google für Verlorenes, Gefundenes, Gestohlenes und Entlaufenes werden.

Ein Blick in die Zukunft

unternehmer.de: Wo steht Ihr heute in einem Jahr?

Markus Schaarschmidt: Eines unserer Ziele ist es Big Player verschiedener Branchen für uns zu gewinnen und so unsere Präsenz auf dem B2B Markt auszubauen; beispielsweise Flughäfen, Bahnhöfe, Freizeitparks, Stadien, Reiseveranstalter, Clubs, Großstädte, etc. Mit einigen Vertretern stehen wir bereits in Kontakt, sodass wir zuversichtlich sind hier im Laufe des nächsten Jahres Positives erreichen zu können. Wir arbeiten aber noch an weiteren neuen Punkten, die als Ganzes ein holistisches Netzwerk für den Bereich ‘Fundsachen’ zur Folge haben werden. Da wäre die bereits angesprochene App, die die mobile Nutzung unseres Service noch einfacher machen wird. Oder der Ausbau des Zentralen Fundbüro Managers speziell für Unternehmen, die sich je nach Branche, Betriebsgröße und internen Prozessen individualisieren lässt. Damit es aber nicht getan. Neben lukrativen Kooperationen mit Branchenverwandten Diensten streben wir langfristig auch ein neuartiges offline Rückführungskonzept an - doch hier ist das Konzept noch in der Planungsphase, wir möchten also nicht zuviel verraten.

unternehmer.de: Wenn Ihr Euch für ein Geschäftsessen einen Gesprächspartner aussuchen könntet, egal ob real oder fiktional, lebend oder tot. Wen würdet Ihr wählen? Worüber würdet Ihr reden?

Markus Schaarschmidt: Wenn es sich ausschließlich um ein einziges Geschäftsessen handelt, dann müsste es schon jemand sein, der intelligent genug ist den Nutzen unseres Modells schnell zu erkennen. Gleichzeitig sollte der Partner aber genug Mittel zur Verfügung stehen haben, sodass bei positiver Überzeugung nur noch über die Höhe einer Investition gesprochen werden muss. Wenn ein solcher Mensch dann auch noch weitreichende internationale Kontakte hat, umso besser - Sie merken, wir sind gerade ziemlich pragmatisch in der Hinsicht. Vielleicht jemand, der auch an nachhaltigem Umgang mit Wertgegenständen interessiert ist und die zwischenmenschlichen Faktoren nicht außer Acht lässt. Wenn man das alles nun zusammenfasst - Warren Buffett scheint der ideale Kandidat.

unternehmer.de: Vielen Dank für das Interview und viel Glück und Erfolg für die Zukunft!