Crowdfunding für Startups: Jens-Uwe Sauer von Seedmatch im Interview

Veröffentlicht am 27. September 2011 in der Kategorie Gründung & Selbständigkeit von

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Alterative Vergütungsmodelle schaffen MotivationCrowdfunding ist in Deutschland noch nicht besonders weit verbreitet: Dabei stellen Personen auf einer Internetplattform ein Projekt, ein Produkt oder eine sonstige Idee vor, die sie zwar gerne umsetzen möchten, aber das Geld nicht selbst aufbringen können. Auf dieser Plattform können nun Internetnutzer Geld für die Realisierung zur Verfügung stellen, das heißt sie funktionieren als Kapitalgeber. Bereits vor einiger Zeit berichtete unternehmer.de über diesen Trend. Um mehr über diese Möglichkeit der Startup-Finanzierung zu erfahren, sprachen wir mit Jens-Uwe Sauer, dem Geschäftsführer der Crowdfunding-Plattform Seedmatch.

Unternehmer.de: Aus welchem Grund investieren Geldgeber Ihrer Meinung nach in junge Unternehmen? Steht die Rendite im Vordergrund oder geht es den meisten eher darum, gute Ideen zu unterstützen?

Jens-Uwe Sauer: Die Renditechancen sind nur eine Seite der Medaille. Für die meisten unserer Investoren ist die Aussicht auf eine attraktive Verzinsung des eingesetzten Kapitals nur ein Aspekt unter mehreren: Die Einen finden es spannend, engagierte Gründer bei der Entwicklung von etwas Neuen zu unterstützen. Diese Investoren wollen auch gern das Produkt selbst nutzen, weil es möglicherweise eines ihrer Bedürfnisse befriedigt. Andere sehen sich in der gesellschaftlichen Verantwortung, Entrepreneurship hierzulande zu fördern, damit auch in Zukunft eine bunte Vielfalt an jungen Unternehmen die Wirtschaft in Deutschland mitgestaltet. Und wieder andere schätzen, dass man individuell entscheiden kann, in welches junge Unternehmen man investiert und dass man dann genau mitverfolgen kann, was mit seinem Geld in dem Startup passiert. Schließlich gibt es auch noch Investoren die selbst in der Vergangenheit gegründet haben oder in Zukunft gründen wollen. Diese kennen die Problematik und unterstützen gern aufstrebende Unternehmen.

Unternehmer.de: Wie funktioniert Seedmatch?

Jens-Uwe Sauer von Seedmatch ist sich sicher: "Crowdfunding wird sich auch in Deutschland neben anderen FInasnzierungsformen etablieren"

Jens-Uwe Sauer: Unsere registrierten User können auf der Online-Plattform neue Geschäftsmodelle oder außergewöhnliche Geschäftsideen junger Unternehmen entdecken. Die Gründer stellen sich dazu mit ihrem Konzept in einem kurzen Video vor und präsentieren ihren Business- sowie Finanzplan. Überzeugt die Idee, kann man sich bereits ab 250 Euro an dem Startup beteiligen. So stellen die Investoren Stück für Stück ihr Investment-Portfolio individuell zusammen.
Insgesamt haben die Startups 60 Tage Zeit, genügend Menschen von ihrer Idee zu überzeugen, so dass mit deren einzelnen Investments ein festgelegter Kapitalbedarf erreicht beziehungsweise überschritten wird. Nur dann erhalten die jungen Unternehmen das Kapital, um sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Ist die Finanzierung nicht erfolgreich, das heißt wird der Kapitalbedarf nicht innerhalb des festgelegten Zeitraums erreicht, bekommen die Investoren ihr Geld vollständig zurück.
Als Investor ist man dann an möglichen Gewinnausschüttungen beteiligt und profitiert langfristig vom Wachstum des Unternehmenswertes. Als Gründerteam erhält neben dem gesammelten Kapital viele Unterstützer. Somit kann sich das Startup auf eine breite Fanbase stützen und von Anfang an viel Rückenwind aus dem Kreis der Investoren bekommen.

"Für ein Crowdfunding sollten die Gründer ihr Konzept einfach erklären können und einer intensiven Kommunikation mit vielen interessierten Investoren offen gegenüberstehen."

Unternehmer.de: Nach welchen Kriterien wähle Sie die Startups aus, in die man über Seedmatch investieren kann?

Jens-Uwe Sauer: Das wichtigste Kriterium ist, dass die Startups eine Geschäftsidee im Gepäck haben, die das Potential mitbringt, eine Vielzahl von Menschen zu begeistern. Das schaffen vor allem Produkte oder Dienstleistungen, die eine Lösung alltäglicher Probleme mit sich bringen. Ein hoher Kundennutzen sollte also für jeden leicht ersichtlich sein. Weiterhin ist es von Vorteil, wenn das Produkt kurz vor der Markteinführung steht oder noch besser schon am Markt erhältlich ist. Interessierte Investoren können sich so bereits vor dem eigentlichen Investment von der Qualität und dem Nutzen überzeugen.
Für ein Crowdfunding sollten die Gründer ihr Konzept einfach erklären können und einer intensiven Kommunikation mit vielen interessierten Investoren offen gegenüberstehen. Darüber hinaus ist es von Vorteil, wenn sich das Gründerteam im Know-how ergänzt und kompetent sowie sympathisch in allen Kanälen auftritt.

Unternehmer.de: Für wie viele Unternehmen ist inzwischen ein Funding zustande gekommen?

Jens-Uwe Sauer: Die ersten zwei Startups haben ihre Finanzierung am 1. August diesen Jahres bei Seedmatch gestartet. Beide befinden sich gerade in der letzten Phase der regulären Fundingzeit von 60 Tagen. Momentan spüren wir noch eine starke Beobachtung des Fundingverlaufs und eine gewisse Zurückhaltung bei einigen interessierten Investoren. Aber nach der Erfahrung aus anderen Fundingszenarien sind wir sehr zuversichtlich, dass wir das Ziel sicher erreichen werden.

Unternehmer.de: Wie viele Investoren beteiligen sich durchschnittlich an einem Startup?

Jens-Uwe Sauer: Das ist im wesentlichen von zwei Faktoren abhängig: Zum einen von der Höhe des eingesammelten Kapitals und zum anderen von der Höhe der einzelnen Investments. Somit variiert die Investorenzahl von Startup zu Startup. Angenommen ein Startup strebt insgesamt 100.000 Euro an und alle Investoren beteiligen sich mit dem Mindestbetrag von 250 Euro, dann wären es 400 Investoren. Momentan liegt das durchschnittliche Investment bei 615 Euro, so dass ein Startup mit einem Kapitalbedarf von 100.000 Euro im Ergebnis mit ungefähr 160 affinen Investoren und damit Multiplikatoren rechnen darf.

Unternehmer.de: Momentan investieren viele Kapitalgeber in Existenzgründer, teilweise sind sehr hohe Summen im Spiel. Kommen Gründer mit wirklich guten Geschäftsmodellen nicht auch auf anderen Wegen an Kapital?

Jens-Uwe Sauer: Auf jeden Fall sollten Gründer mit verschiedenen Investoren sprechen, um zu verstehen wie die Investoren ticken und welchen Mehrwert sie neben dem Kapital jeweils mitbringen. Die Chance über Business Angels finanziert zu werden, steht dabei nicht schlecht. Zumal es immer mehr Exit-erfahrene Internetunternehmer gibt, die neue Herausforderungen suchen und in neue Geschäftsmodelle gern investieren. Mit Seedmatch wollen wir dieses Feld einer neuen Zielgruppe zugänglich machen. Und ich denke, dass der Mehrwert, den Crowdfunding mit sich bringt, auch nicht ganz schlecht ist. Schließlich hat das Startup hier die Chance, eine Menge affine Unterstützer und Multiplikatoren in sein Geschäftsmodell einzubinden.

"Die nächsten Startups stehen bereits in den Startlöchern."

Unternehmer.de: Seedmatch ist ja auch ein junges Unternehmen. Wie ist bei Ihnen die Finanzierung abgelaufen?

Jens-Uwe Sauer: Für die Seedmatch GmbH konnten wir einige Business Angels gewinnen, welche die Herausforderungen, die mit dem Einwerben von Eigenkapital verbunden sind, aus eigener Erfahrung nur zu gut kannten. Somit konnten wir diese von der Idee hinter Seedmatch entsprechend schnell überzeugen. Ende 2010 gab es zudem die Möglichkeit für registrierte User, sich direkt an Seedmatch zu beteiligen. Das taten auch viele, so dass wir an uns selbst zeigen konnten, dass das Prinzip von Crowdfunding für Startups funktioniert – nur eben damals ohne die entsprechende Plattform.

Unternehmer.de: Die Nutzung der Plattform ist für Investoren kostenfrei, nur nach erfolgreichem Funding erhalten Sie von den vermittelten Startups eine vorher festgelegt Gebühr. Arbeitet ihre Plattform bereits profitabel?

Jens-Uwe Sauer: Wir sind gerade erst vor zwei Monaten gestartet. Die ersten Startups sind noch im Fundingprozess und die nächsten stehen bereits in den Startlöchern. Zudem haben wir in den vergangenen Monaten viel Zeit und Geld in die Ausgestaltung und Optimierung unseres Konzeptes gesteckt. Bis die Plattform profitabel ist, dauert es also noch ein kleines Weilchen. Vor Quartal II in 2012 ist mit dem Break Even nicht zu rechnen.

Unternehmer.de: Was meinen Sie, wird sich Crowdfunding als Kapitalquelle für Startups in Deutschland auf lange Sicht etablieren?

Jens-Uwe Sauer: Die Chancen stehen gut, dass sich Crowdfunding neben anderen Finanzierungsformen etablieren wird. Schaut man nach Großbritannien, nach Frankreich, in die Schweiz oder in die USA, kann man sehen, dass in den letzten Jahren eine Finanzierung durch die Masse bereits erfolgreich auch für Jungunternehmen funktioniert. In Deutschland steckt Crowdfunding für Startups noch in den Kinderschuhen – macht aber bereits große Schritte.
Größer betrachtet, nimmt Seedmatch die Rolle eines Game Changers in der Startup-Finanzierung ein, da erstmals der Verbraucher mitentscheiden kann, welche Produkte und Geschäftsmodelle den zukünftigen Markt gestalten. Somit entscheidet nicht mehr ein ausgewählter Kreis über die Zukunft einer Geschäftsidee, sondern eine Vielzahl der tatsächlichen zukünftigen Kunden.
Daraus ergibt sich eine in dieser Form noch nicht dagewesene Win-Win-Situation zwischen Investor und Startup: Die Investoren schaffen durch ihre Multiplikatorwirkung Aufmerksamkeit für die Geschäftsidee und Gründer sorgen mit ihrer Performance dafür, dass das Unternehmen sich erfolgreich entwickelt und gedeiht, wovon wiederum die Investoren profitieren. In dieser Wechselwirkung steckt eine Menge Potential, was sich jetzt durch Crowdfunding entfalten kann.

Unternehmer.de: Herr Sauer, vielen Dank für das Gespräch.

(Bild: © Maik Blume – fotolia.de)